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Technische Analyse : Deutsche Anleihen bringen weiter keine Zinsen

  • -Aktualisiert am

Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), verschiebt die Zinswende in ferne Zukunft. Bild: EPA/Armando Babani

Nach einer Rückkehr zur normalen Zinspolitik sieht es momentan nicht aus: Der Abwärtstrend setzt sich fort und so ist deutsche Umlaufrendite wieder unter dem Nullpunkt. Positive Renditen rücken indes in weite Ferne.

          In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts habe ich in Bamberg Betriebswirtschaftslehre studiert. Ich will nicht behaupten, dass ich von den Inhalten, die mir vorgelesen wurden, sonderlich überzeugt war. Mir wurde meistens ein Wunderland ohne Raum und Zeit präsentiert, Informationsbeschaffungs- und Raumüberwindungskosten gab es nicht, und der rein rational handelnde, von Emotionen völlig unbeeinflusste Homo oeconomicus war der Ausgangspunkt fast aller Überlegungen. Schließlich wurden mir auch „Beweise“ dafür gelehrt, warum Technische Analyse, also das, was ich seit annähernd drei Jahrzehnten nicht völlig erfolglos tue, gar nicht funktionieren kann.

          Mich hat das alles nicht weiter gestört. Für mich stand im Mittelpunkt, ein Examen und damit die Berechtigung zu erwerben, im Vergleich zu einem Abschluss als Bankkaufmann wenigstens das Doppelte zu verdienen und zwischenzeitlich das zu führen, was man nicht zu Unrecht ein Studentenleben nennt.

          So sehe ich es meinen Professoren auch heute noch nach, dass sich mich auch nicht auf eine Welt mit negativen nominalen Anleihe-Renditen vorbereiteten. Die Idee wurde mit Sicherheit als derartig abstrus, abwegig und realitätsfern empfunden, dass sie nirgendwo auch nur gedacht, geschweige denn bedacht wurde. Heute wissen wir: zu Unrecht.

          Im Vergleich die beste Anlage

          Seit nun Draghi am Donnerstag vergangener Woche wieder einmal gesprochen und die Rückkehr zu einer normalen Zinspolitik auf den gefühlten St. Nimmerleinstag verschoben hat, notiert die deutsche Umlaufrendite wieder unter dem Nullpunkt. Man ist geneigt, wie bei so vielem, was an den Finanzmärkten geschieht, auch diese Entwicklung einfach hinzunehmen und das Beste draus zu machen.

          Aber gerade bei negativen Renditen fällt mir das schwer. Es ist doch völlig pervers: Der Schuldner schuldet dem Gläubiger nicht nur keinen Zins. Er bekommt sogar noch etwas von ihm obendrauf. Was für den Schuldner ein Schlaraffenland der Sonderklasse sein muss, ist für die Gläubiger die absolut sichere Geldvernichtung, nicht nur real, sondern auch nominal. Warum spielen die dabei überhaupt mit? Was treibt sie an?

          Bei allen Überlegungen, beispielsweise über Anlagezwänge von Kapitalsammelstellen wie Versicherungen und so weiter bleibt am Ende nur eine Erklärung: Der Erwartungswert ihrer Rendite ist für die Gläubiger bei einer Anlage in öffentlichen deutschen Anleihen im Durchschnitt noch immer höher als die alternativer Anlagen. Bewertet er also die Rendite aller potentiellen Anlagealternativen mit deren Eintrittswahrscheinlichkeit, ist ein Minus von aktuell 0,02 Prozent in seinen Augen immer noch besser als alles andere. Ich weiß nicht, ob mich das frösteln oder jubilieren lassen sollte.

          Als technische Analyst bewerte ich beispielsweise Stimmungen. Und die muss unfassbar schlecht sein, wenn freiwillig negative Nominalrenditen akzeptiert werden und es auf dieser Basis zu einem Handel kommt. Weil die Stimmung stets ein Kontraindikator ist, müsste mich das eigentlich zu Freudentänzen animieren. Andererseits: Wenn sehr viele vermutlich sehr kluge Köpfe zu dem Ergebnis kommen, dass ihnen ein kleiner sicherer Verlust lieber ist als eine wenigstens grundsätzlich mögliche positive Rendite, beispielsweise bei einer Aktienanlage, wird man das nur mit einem gerüttelten Maß an Arroganz zur Seite schieben können.

          Deshalb dürfte es das Beste sein, das Problem auf den abgebildeten Chart zu reduzieren und der Technischen Analyse anzuvertrauen. Die deutsche Umlaufrendite befindet sich seit den Hochs von 0,55 Prozent im Februar 2018 im Abwärtstrend, und diese Trends pflegen sich so lange fortzusetzen, bis überragend gute Gründe – es müssen wirklich überragend gute Gründe sein – gegen sie vorliegen.

          Kaum eine Chance für positive Renditen

          Davon kann aus technischer Sicht derzeit keine Rede sein. Die Bund- und Bobl-Futures, im Großen und Ganzen die Abbilder der Anleihekurse, befinden sich seit 13 Monaten im Aufwärtstrend, und auch diese Aufwärtstrends pflegen sich so lange fortzusetzen, bis wirklich überragend gute Gründe gegen sie sprechen. Und auch die liegen derzeit nicht vor.

          Die einzige Hoffnung, und es ist bislang wirklich wenig mehr als eine Hoffnung, ist, dass die gesamte Abwärtsbewegung von 0,55 Prozent bis nach minus 0,03 Prozent eine Runter-Hoch-Runter-Korrektur war (A,B,C), die sich nun ihrem Ende nähert. Aber von Hoffnungen allein sollte sich keine Analyse leiten lassen.

          Wir müssen also mit weiter nachgebenden Renditen rechnen, die sich noch tiefer in den negativen Bereich begeben. Erst ein Anstieg auf Werte zwischen zirka 0,1 und 0,2 Prozent würde erstmals die Chance, mehr nicht, für die Rückkehr zur Normalität, zu dauerhaft steigenden beziehungsweise positiven Renditen, eröffnen. Aus meiner heutigen Sicht ist das ein weiter Weg. Weder Draghis Nachfolger, noch ein „erfolgreicher“ Brexit oder Ähnliches dürften daran etwas ändern können.

          Einem Professor galt ich damals als „die beste Verkörperung des ökonomischen Prinzips“. Er würde keinen kennen, der „weniger reinsteckt und mehr rausbekommt“. Ich weiß heute noch nicht so richtig, ob das Lob oder Kritik sein sollte. Es scheint mich aber auf meinem Weg begleitet zu haben: Ein Chart ist mir stets weit lieber als ellenlange Abhandlungen zum gleichen Thema. Technische Analyse funktioniert!

          Der Autor leitet die Staud Research GmbH in Bad Homburg.

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