https://www.faz.net/-gv6-9jg9x

Bill Gross hört auf : Der tiefe Fall des Anleihekönigs

Bill Gross, einst als „der Anleihekönig“ der Wall Street bezeichnet, geht nun in den Ruhestand. Bild: Reuters

Seine Karriere begann einst im Casino. Nun verlässt der Anleiheexperte Bill Gross die Fondsgesellschaft Janus Henderson Investors und zieht sich zurück.

          3 Min.

          Zu seinen Glanzzeiten nannte man William H. „Bill“ Gross den „Anleihekönig“ und niemand hätte dem Urteil widersprechen wollen. Damals saß Gross in der Führung der von ihm mitgegründeten kalifornischen Fondsgesellschaft Pacific Investment Management (Pimco), in der er unter anderem den „Pimco Total Return Fonds“, den größten Anleihefonds der Welt verwaltete. Spätestens nach dem Verkauf von Pimco an die Allianz war Gross Milliardär und ein weithin geschätzter Fachmann für die weite Welt der Anleihemärkte.

          Gross vermochte vieles, aber wie viele mächtige Männer vermochte er nicht rechtzeitig aufzuhören. Nachdem er im Jahre 2014 Pimco im Streit verlassen hatte und im Alter von 70 Jahren niemandem mehr etwas beweisen musste, heuerte er als Fondsmanager bei der mittelgroßen amerikanischen Gesellschaft Janus Capital (heute: Janus Henderson Investors) an. Dort zieht er nach einem für ihn schrecklichen Anlagejahr 2018 die Notbremse. Völlig schief lag Gross mit seiner Annahme, der Renditeabstand zwischen amerikanischen und deutschen Staatsanleihen werde sich deutlich verringern. Ebenso hatte er einen deutlichen Anstieg der amerikanischen Anleiherenditen vorausgesagt, der nicht eintraf.

          Und nicht zuletzt hatte Gross vor dem Ausbruch einer neuen verheerenden Finanzkrise gewarnt. Aus den Anleihekäufen der Notenbanken sei eine 10 Billionen Dollar schwere Supernova entstanden, die eines Tages explodieren werde, sagte Gross vor drei Jahren. Einige Zeit zuvor hatte er britische Anleihen mit dem Sprengstoff Nitroglyzerin verglichen.

          Kein gutes Händchen in 2018

          Als Ergebnis verlor ein Anteilswert des von ihm verwalteten Fonds im vergangenen Jahr fast 4 Prozent, woraufhin Kunden fast die Hälfte des Fondsvermögens abzogen. Zum Jahreswechsel war Gross‘ Fonds nur noch knapp eine Milliarde Dollar schwer; ein Teil des Geldes entstammt seinem Privatvermögen. Für einen Mann, der einmal ein Vermögen von rund 300 Milliarden Dollar für Kunden verwaltete, musste diese Entwicklung demütigend wirken.

          In einer Mitteilung heißt es, Gross, nunmehr 74 Jahre alt, wolle sich künftig auf die Verwaltung seines Privatvermögens und sein philanthropisches Engagement konzentrieren. Seine Familienstiftung verwaltet annähernd 400 Millionen Dollar. Nach Angaben des amerikanischen Wirtschaftsmagazins „Forbes“ beträgt das Privatvermögen des Finanzmanns rund 1,5 Milliarden Dollar. Es war einmal deutlich größer, aber nach amerikanischen Medienberichten musste Gross seiner Frau anlässlich ihrer Scheidung rund 1 Milliarde Dollar auszahlen. Die Scheidung wurde begleitet von schweren gegenseitigen Anschuldigungen. So wurde Gross von seiner Ex-Frau vorgeworfen, er habe tote Fische in der Klimaanlage einer ihr übergebenen Villa deponiert. Auch die berufliche Trennung Gross‘ von Pimco ging von lautem Getöse begleitet vonstatten.

          Ein großzügiger Philanthrop

          Aber auch als sehr großzügiger Philanthrop ist Gross ein bekannter Mann. Er hat in den vergangenen Jahren, zum Teil zusammen mit seiner früheren Gattin, rund 800 Millionen Dollar überwiegend für medizinische Projekte gespendet. Gross gehört auch zu den profiliertesten Briefmarkensammlern seiner Generation. Versteigerungen eines Teils seiner Sammlung haben bisher mehr als 35 Millionen Dollar erlöst. Der Rest seiner Sammlung soll in den kommenden Jahren über Auktionen aufgelöst werden. Die Erlöse aus diesen Verkäufen sollen vollständig für philanthropische Zwecke verwendet werden.

          Gross‘ Lebensweg als junger Mann ließ nicht auf seine spätere Karriere schließen. Er studierte zunächst Psychologie und diente während des Vietnamkriegs in der amerikanischen Marine. Nach einem anschließenden Studium der Betriebswirtschaftslehre wurde Gross für einige Zeit Berufsspieler in einem Casino in Las Vegas, wo er vor allem Blackjack spielte. Später hat Gross häufig gesagt, seine Erfahrung als Berufsspieler habe ihm in seiner späteren Tätigkeit als Fondsmanager sehr geholfen.

          Es tut Gross‘ früheren Verdiensten keinen Abbruch, wenn man darauf verweist, dass in den vergangenen Jahrzehnten das Kapitalmarktumfeld für Anleihen meist sehr günstig war. Anleihen werden häufig als sichere Alternative zu den schwankungsanfälligeren Aktien erworben, aber zwischen 1980 und 2015 waren sie auch eine Quelle stattlicher Renditen. Denn in dieser Zeit fiel das Zinsniveau deutlich, was für Kursgewinne bei Anleihen im Zeitablauf sorgte. Unter diesen Fondsmanagern ragte Bill Gross lange Zeit heraus.

          Ein halbes Jahrhundert lang habe er Tag und Nacht Computerbildschirme mit Finanzdaten betrachtet, sagte Gross am Montag. Jetzt wolle er mehr Zeit für seine Familie haben.

          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

          Mehr erfahren

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Krankhaftes Sexualverhalten : Wenn die Lust zur Qual wird

          Ähnlich wie Drogen- und Spielsüchtige sind auch Sexbesessene darauf aus, sich stets neue „Kicks“ zu verschaffen. Vielen Patienten könne eine Verhaltenstherapie helfen, sagen Forscher. Jedoch hilft nicht jeder Lösungsansatz.
          Blick aus der Vogelperspektive: Neben dem Messegelände wird auch das Europaviertel weiter gestaltet.

          Baubeginn 2020 : Der zweite Messe-Turm

          Die Gustav-Zech-Stiftung errichtet bis 2024 im Frankfurter Europaviertel einen neuen Messeeingang und ein Hochhaus. Dem Wahrzeichen am Haupteingang soll es aber keine Konkurrenz machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.