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Ende des Aufstiegs : Der Tec-Dax ist am Limit

  • -Aktualisiert am

Die Börse in Frankfurt hat eine jahrhundertelange Tradition. Was dort künftig alles gehandelt werden könnte, ist schier unvorstellbar. Bild: Victor Hedwig

Seit der Finanzkrise 2009 ging es beim Tec-Index unaufhörlich nach oben. Doch nun könnte die beachtliche Reise zu Ende sein. Denn Experten kommen Zweifel auf.

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          Mit den Überbringern schlechter Botschaften pflegte man in früheren Zeiten in so mancher Kultur das zu machen, was wir heute kurzen Prozess nennen. Man hoffte, mit dem Botschafter auch gleich die Botschaft tilgen zu können. Es ist zwar nicht überliefert, ob dieses Vorgehen jemals von Erfolg gekrönt war. Man kann sich aber gut vorstellen, dass es so mancher Botschafter angesichts seines drohenden Dahinscheidens vorzog, seine Nachrichten etwas zu schönen oder noch vor der Zustellung seinen Dienst zu quittieren. Das Dilemma war unauflösbar: Entweder er diente der Sache und schied dahin, oder er diente sich, und die Sache ging über den Jordan.

          Ein wenig von diesem Geist findet sich auch im heutigen Börsenwesen wieder. Wenn ein Analyst von „langfristig akkumulieren“ spricht, dann meint er vor allem „Finger weg“. Es kann bestenfalls langfristig gutgehen. Ein klares „Verkaufen“ widerspräche seinem eigenen Risikokalkül: Liegt er damit richtig, dann werden sich die Jubelarien schon deshalb in Grenzen halten, weil kaum einer schlechte Nachrichten hören will – sofern sie ihn betreffen. Und liegt er mit seiner verhaltenen Einschätzung daneben, kann er schon mal ein Ticket nach Timbuktu buchen. Emotional, wie wir Anleger irrationalerweise sind, ist für uns nichts schlimmer als entgangene Gewinne.

          Tec-Dax kannte nur eine Richtung

          Wenn der Kern der Botschaft dieses Beitrages also eine nicht mehr gar so zuversichtliche Sichtweise des Tec-Dax ist, sollte ich mir als Überbringer dieser Nachricht genau diese gut überlegt haben. Zum Märtyrer tauge ich nicht, schon gar nicht in einer vergleichsweise so profanen Sache, und ein Lob für meine Arbeit werde ich mir damit nur bedingt einhandeln – egal, wie sich meine Einschätzung herausstellt. Ohne es zu hoch hängen zu wollen: Wenn ich es dennoch tue, dann aus einem Berufsethos heraus: Ich habe mir ganz am Anfang meines Analystenlebens einmal fest vorgenommen, nichts schlechtzureden, was gut aussieht, aber eben auch nichts schönzureden, was in meinen Augen problematisch geworden ist.

          Seit dem Tiefpunkt der Finanzkrise Anfang 2009 kannte der Tec-Dax mehr oder weniger nur eine Richtung: Steil nach oben. Zu Buche steht seit dem Tief Anfang 2009 bei 400 Punkten ein Plus von rund 550 Prozent. Mehr wird man in kürzerer Zeit kaum erwarten dürfen. Besser war es nur in Zeiten, in denen der Tec-Dax noch Nemax 50 hieß, Werte wie EM.TV und Intershop mit wahnwitziger Kapitalisierung repräsentierte und Kennziffern wie „Cash-Burn-Ratio“ Konjunktur hatten.

          Bild: Staud Research Bad Homburg / F.A.Z.-Grafik

          Was mir beim Blick auf den Chart des Tec-Dax vor allem Bauchgrimmen bereitet, sind die Elliott Waves. Dieses Konzept geht davon aus, dass sich ein Markt in fünf Schritten nach oben und danach in drei Schritten nach unten bewegt. Mir haben die Elliott Waves stets gute Dienste erwiesen. Sie lehren, in Strukturen und Zyklen zu denken: Jedem noch so schönen Anstieg folgt eine Korrektur und jeder noch so bitteren Baisse eine Auferstehung.

          Es gibt keinen Determinismus

          Wendet man diese Elliott Waves auf den Tec-Dax an, dann wird man fast schon notgedrungen zu dem Ergebnis kommen müssen, dass er am vorläufigen Endpunkt einer Reise angekommen ist oder in Kürze dort angekommen sein wird. Der Anstieg seit 2009 gliedert sich in fünf klare Bewegungen, Welle eins, drei und fünf nach oben, zwei und vier nach unten beziehungsweise seitwärts. Weil die Elliott Waves aber auch ein aus der Chaostheorie bekanntes fraktales Verhaltensmuster der Märkte postulieren, ist es interessant zu schauen, was sich unterhalb dieser groben Struktur zugetragen hat: Auch hierbei zeigt sich recht deutlich, dass sich die große Welle fünf (blaue Ziffern) wiederum in fünf Schritte aufgliedert (pink). Bemerkenswert ist, dass auch ganz klassische Methoden der Technischen Analyse zu dem Ergebnis kommen, dass die letzten Hochpunkte, dort wo die pinkfarbenen Ziffern drei und fünf stehen, von eher schwacher Natur waren. Auch wenn also der sichtbare Aufwärtstrend noch unangefochten ist: Subkutan fängt es an zu kriseln.

          Bei dieser „Technik“ bleibt mir keine große Wahl: Ich muss nachdenklich werden. Kurse um 2000 Punkte sind in den nächsten ein bis zwei Jahren nicht aus der Welt. Dies gilt selbst dann, wenn es der Index schaffen sollte, in der nächsten Zeit noch den einen oder anderen kleineren oder größeren Freudenhüpfer aufs Parkett zu legen. Bleibt zum Schluss eine Frage, die mir erstaunlich oft gestellt wird: Muss es so kommen? Die Antwort darauf kann nur lauten: Nein! Das muss es nicht. Es gibt keinen Determinismus. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass es um den Aufwärtstrend nicht mehr gar so gut bestellt und damit das Chance-Risiko-Verhältnis nicht mehr überzeugend ist, ist relativ groß geworden.

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