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Unternehmensfinanzierung : Der Markt für Schuldscheine wächst rasant

Bild: dpa

Am Finanzmarkt sind deutsche Exportschlager die Ausnahme. Nach dem Pfandbrief könnte der Schuldschein einer werden, den er wird immer bedeutender.

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          Es gibt am Finanzmarkt nur einen deutschen Exportschlager: Das ist der Pfandbrief, der im vergangenen Jahr sein 250-jährges Bestehen feierte. Neben diesen mit Hypotheken- oder Staatskrediten unterlegten Bankanleihen mausert sich aber inzwischen ein weiterer Schuldtitel mit deutschem Ursprung zu einem Exportschlager.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Es handelt sich um den Schuldschein, einem Zwitter zwischen Unternehmensanleihe und dem von mehreren Banken vergebenen Konsortialkredit. Immer mehr Unternehmen setzen auf dieses Finanzierungsinstrument. Im Vergleich zum Jahr 2015 hat sich der Umlauf an Schuldscheinen bis Ende 2019 auf 140 Milliarden Euro mehr als verdoppelt. Damit wurde im vierten Jahr in Folge ein Rekordwert erreicht.

          Unter den Emittenten im vergangenen Jahr befanden sich eine Reihe prominenter Unternehmen wie Porsche, Deutsche Lufthansa, Fresenius, Barry Callebaut, Peugeot, Valeo oder Continental. Den mit einem Volumen von 2,1 Milliarden Euro größten Schuldschein begab der Autozulieferer ZF Friedrichshafen.

          Hohe Flexibilität

          Der Leiter des Anleihegeschäfts von HSBC Deutschland, Ingo Nolden, hält den Schuldschein für Unternehmen deshalb für attraktiv, weil er eine hohe Flexibilität ermöglicht. Im Gespräch mit der F.A.Z. nennt er zum Beispiel die Vielseitigkeit hinsichtlich der Laufzeiten und Währungen. Aber auch der Dokumentationsprozess zu attraktiven Kreditmargen sei ein wichtiger Faktor für das hohe Interesse.

          Anders als Unternehmensanleihen sind Schuldscheine nicht am Markt handelbar, so dass auch keine Kurse regelmäßig gestellt werden. Das bedeutet zugleich, dass die Unternehmen für den Schuldschein keinen Wertpapierprospekt erstellen müssen. Viele Investoren, insbesondere Banken, kaufen Schuldscheine, weil sie einen kleinen Zinsaufschlag über die gesamte Laufzeit sichern wollen.

          Die geringere Liquidität im Vergleich zur Anleihe wird in der Regel durch einen etwas höheren Zins kompensiert. Der Ausstieg vor Fälligkeit ist möglich, aber Käufer zu finden ist nicht einfach. Im Jahr 2017 haben die Börsen Hamburg und Hannover einen Handel für Schuldscheine eingerichtet, der inzwischen über die Commnex, einen Marktplatz für Kommunalfinanzierungen, betrieben wird.

          Handel unter Banken dominiert

          Eine hohe Resonanz auf die Handelsplattform für Schuldscheine hat es offenbar nicht gegeben. Noch immer dominiert der Handel unter den Banken. Neben Unternehmen begeben auch Kommunen viele Schuldscheine.

          Das Wachstum am Markt für Unternehmensschuldscheine ist überraschend, weil in den vergangenen Jahren einige Insolvenzen für Schwierigkeiten gesorgt haben. Dazu zählten der Möbelkonzern Steinhoff, das britische Bauunternehmen Carillion oder das Modeunternehmen Gerry Weber.

          Doch HSBC-Fachmann Nolden sieht den Schuldschein auch für Investoren weiterhin als attraktiv, weil er den Zugang zu einem breiten Spektrum an neuen Emittenten ermöglicht. Oftmals handelt es sich um große Mittelstandsunternehmen, die den Aufwand einer börsennotierten Anleihe scheuen.

          Das zeigt auch die durchschnittliche Emissionsgröße der Schuldscheine, die nach Angaben von HSBC im vergangenen Jahr 199 Millionen Euro betragen habe. Unternehmensanleihen sind in der Regel deutlich größer. Nach Angaben der auf Unternehmensfinanzierung spezialisierten Beratungsgesellschaft Capmarcon hat der Schuldscheinmarkt inzwischen ein Volumen, das 40 Prozent des Marktes für Unternehmensanleihen ausmacht.

          Höherer Anteil im Ausland

          Im vergangenen Jahr zählte HSBC neue Schuldscheine im Volumen von 29 Milliarden Euro, was ebenfalls ein Rekord ist. Nach Angaben von Nolden waren die größte Investorengruppe die Geschäftsbanken mit einem Anteil von 35 Prozent, gefolgt von den Sparkassen mit 25 Prozent. Der Anteil der internationalen Investoren betrug im vergangenen Jahr 50 Prozent und hat nach Einschätzung von Nolden auch in diesem Jahr das Potential, weiter zu wachsen. Asiatische Investoren nehmen bei den Schuldscheinen eine immer wichtigere Rolle unter den Anlegern ein.

          Für das neue Jahr erwartet Nolden weiterhin einen regen Verlauf. Die Volumen seien unter anderem abhängig von der Entwicklung bei Übernahmen und Fusionen sowie den Schwankungen am Anleihemarkt. Auch wenn der Jahresauftakt verhalten verlaufen sei, zeigten die Gespräche mit Unternehmen, dass der Markt von weiterem, strukturellem Wachstum geprägt sein werde.

          Als wesentliche Trends am Schuldscheinmarkt bewertet Nolden die Verknüpfung mit dem Thema Nachhaltigkeit und die Internationalisierung sowohl auf Seiten der Investoren als auch auf Seiten der Emittenten. Vor allem französische und österreichische Unternehmen begeben Schuldscheine. Von den Neuemissionen entfielen 2019 knapp 44 Prozent auf Emittenten aus dem Ausland.

          Die Ratingagentur Scope rechnet mit höheren Renditeansprüchen der Investoren vor allem bei Unternehmen aus konjunkturabhängigen Branchen. In den vergangenen Jahren waren Autohersteller und -zulieferer sowie Bauunternehmen wichtige Emittenten gewesen.

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