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Wechsel ins Finanzministerium : Die Fehlprognosen des Goldman-Chefs

Jörg Kukies wechselt von Goldman Sachs ins Finanzministerium. Bild: Rainer Wohlfahrt

Der Goldman-Sachs-Banker Jörg Kukies wechselt ins Finanzministerium. Doch wie gut kennt er sich wirklich mit den Finanzmärkten aus?

          Wer sich mit der Börse beschäftigt, weiß, dass es eine heikle Disziplin gibt, in der auch die besten Experten immer wieder versagen. Unglücklicherweise ist diese Disziplin beim Publikum sehr beliebt, Anleger und auch Journalisten lechzen geradezu danach. Es handelt sich um die Kunst der Vorhersage.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wer zum Beispiel hätte noch vor wenigen Tagen folgende Vorhersage gewagt: Der neuen Bundesregierung wird ein ehemaliger Mitarbeiter der hierzulande gerne kritisierten Investmentbank Goldman Sachs angehören. Man darf annehmen: Geld hätte darauf wohl niemand gesetzt. Aber genauso ist es gekommen. Es handelt sich dabei nicht um einen x-beliebigen Goldman-Mitarbeiter, sondern um den 50-jährigen Jörg Kukies, bislang einer der Deutschland-Chefs der Investmentbank.

          Kukies, früher einmal Vorgänger von Andrea Nahles als Juso-Chef in Rheinland-Pfalz, wird Staatssekretär des neuen Bundesfinanzministers Olaf Scholz und für Europapolitik sowie Finanzmarktregulierung zuständig sein. Neben der erwartbaren Kritik der Opposition (Tenor: „Hier wird der Bock zum Gärtner gemacht“) war häufig folgende Einschätzung zu hören: Es sei doch zu begrüßen, dass mit Kukies jemand ins Finanzministerium wechsele, der etwas von der Materie verstehe.

          Die Prognosefähigkeit des neuen Staatssekretärs

          Da ist etwas dran. Wir wollen an dieser Stelle gar keinen grundsätzlichen Zweifel an den Fähigkeiten des Investmentbankers aufkommen lassen, sie sind ausweislich seines Lebenslaufs hervorragend: Studium an der Pariser Sorbonne und in Harvard, Doktorarbeit bei Raghuram Rajan, dem einstigen Chef der indischen Notenbank. Kukies ist darüber hinaus nicht nur ein angenehmer, sondern auch ein kluger Gesprächspartner, der selbst abseitige Finanzmarktthemen mühelos beherrscht.

          Nur von einem sei Finanzminister Scholz dringend abgeraten – sich bedenkenlos auf die Prognosefähigkeit seines neuen Staatssekretärs zu verlassen. Das könnte nämlich grandios schiefgehen. Vor gut zweieinhalb Jahren, im November 2015, empfing Kukies die F.A.S. zum Interview und ließ sich dazu verleiten, Vorhersagen zur weiteren Kursentwicklung an den Börsen zu machen. Wie bereits erwähnt, ist das ein schwieriges Geschäft, in dem auch diese Zeitung, so viel Ehrlichkeit muss sein, längst nicht immer die beste Figur macht. Aber Kukies, der im Jahr 2014 gemeinsam mit Wolfgang Fink Goldmans Deutschland-Chef geworden war, lag in dem Interview wirklich mit so gut wie jeder Vorhersage daneben.

          Prognose Nummer eins lautete damals: „Europäischen Aktien trauen wir mit Blick auf die kommenden zwölf Monate im Schnitt ein Kursplus von fünf Prozent zu.“ Ein Jahr nach dieser Aussage lagen europäische Aktien um mehr als zehn Prozent im Minus (gemessen am Aktienbarometer Stoxx 600, das die 600 wichtigsten europäischen Aktiengesellschaften umfasst).

          Ein bisschen Nachsicht sollte man haben

          Blicken wir auf Prognose Nummer zwei: „In Japan halten wir sogar ein Kursplus von zehn Prozent für möglich.“ Möglich ist natürlich vieles, aber die bittere Wahrheit ist: Ein Jahr nach dieser Aussage war der japanische Aktienindex Nikkei um fast neun Prozent gefallen.

          Prognose Nummer drei gefällig? „In Amerika wird die Kursrallye an ihr Ende kommen, wir erwarten für das Aktienbarometer S&P 500 keine weiteren Zuwächse mehr.“ Der geneigte Leser ahnt es schon: Der S&P 500 ist natürlich nicht gesunken, sondern in den zwölf Monaten nach dem Interview um mehr als fünf Prozent gestiegen.

          Und weil es so schön ist, hier nun die letzte Kukies-Prognose: „In den ersten Monaten des Jahres 2016 könnte der Wechselkurs des Euros zum Dollar gar auf 0,95 Dollar fallen.“ Auch das ist nie passiert: Im Verlaufe des Jahres 2016 fiel der Wechselkurs des Euros zum Dollar zwar bis auf 1,05 Dollar, aber niemals so tief wie von Kukies erwartet.

          Ein bisschen Nachsicht sollte man allerdings haben. Währungsprognosen gelten völlig zu Recht als die schwierigste aller Übungen. Auch wäre es unfair, das Desaster Jörg Kukies alleine anzulasten. Es kann als gesichert gelten, dass er die Experten im eigenen Hause kontaktiert hat, bevor er der F.A.S. seine Prognosen anvertraute.

          Es sei uns darum gestattet, diesen Artikel mit einem Satz zu beenden, der in keinem Text zu Börsenprognosen jemals fehlen wird (das ist zur Abwechslung einmal eine sichere Prognose): „Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen.“

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