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Börsengang von Lyft : Heiße Fahrt in Richtung Börse

Logan Green, der Geschäftsführer von Lyft, will an die Börse. Bild: Reuters

Der Fahrdienst Lyft geht diese Woche in New York an die Börse. Er wird 23 Milliarden Dollar wert sein. Wahnsinn.

          3 Min.

          Endlich kommt wieder Bewegung an die Börsen. Nachdem geplante Börsengänge in Amerika eine ganze Weile auf Eis lagen, auch weil die zuständige Aufsichtsbehörde wegen der Haushaltssperre nicht wie gewohnt arbeiten konnte, haben es Unternehmen jetzt ziemlich eilig. Der Jeans-Hersteller Levi’s ist schon am Donnerstag famos an die Börse zurückgekehrt. Voraussichtlich am nächsten Freitag kommt es noch dicker, wenn der amerikanische Fahrdienst Lyft an die Börse geht und im besten Fall 23 Milliarden Dollar wert sein wird – und damit um die Hälfte mehr als nach der letzten privaten Finanzierungsrunde.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Börsengang des Fahrdienstes, der im Gegensatz zu seinem Konkurrenten Uber nur auf dem Heimatmarkt aktiv ist, könnte zum Eisbrecher werden und ein Jahr der Superlative bei Börsengängen einläuten. Denn eine Reihe anderer Firmen, die mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet sind und deshalb im Börsenjargon „Einhörner“ genannt werden, befinden sich in der Warteschleife:

          Neben Uber, dessen Börsendebüt im April erwartet wird, folgen wohl die Online-Pinnwand Pinterest, der Zimmervermittler Airbnb, der Datenspezialist Palantir und der Nachrichtendienst Slack. Jahrelang sind die Einhörner gut durch die privaten Finanzierungsrunden gekommen. Nun aber wollen die Investoren ihre Anteile allmählich zu Geld machen. Außerdem wollen die Unternehmen den Börsengang möglichst schnell hinter sich bringen, bevor die Konjunktur schwächer wird und Anleger vorsichtiger werden.

          Hohe Nachfrage nach den Aktien

          Es spricht eine Menge dafür, dass das Kalkül aufgeht. Nach allem, was nach außen dringt, sind Lyft-Aktien heißbegehrt, und das Angebot ist bereits überzeichnet. Anleger schreckt nicht, dass sich die beiden Lyft-Gründer Logan Green und John Zimmer das 20-Fache des Stimmrechts je Aktie vorbehalten gegenüber einem gewöhnlichen Anteilseigner.

          Die hohe Nachfrage nach den Papieren ist gut fürs Unternehmen, das bei einem erfolgreichen Börsengang zwei Milliarden Dollar einnimmt. Aber ist es auch gut für Anleger, die einen hohen Preis zahlen für einen Fahrdienst, dessen Wert nur schwer einzuschätzen ist? Seinesgleichen gibt es bisher nicht an der Börse.

          Die Bewertung ist enorm anspruchsvoll für ein Unternehmen, das zwar seine Erlöse zwischen 2016 und 2018 um mehr als das Vierfache auf 2,2 Milliarden Dollar gesteigert hat. Andererseits häufen sich auch die Verluste, 911 Millionen Dollar waren es im vergangenen Jahr. Starkes Wachstum bei gleichzeitigen hohen Verlusten, das sind Anleger zwar von Technologie-Start-ups gewöhnt.

          Selbst Amazon war erst vier Jahre nach dem Börsengang erstmals profitabel. Aber im Falle Lyfts können sich viele Vermögensverwalter nur schwer vorstellen, wie das Unternehmen in seine Bewertung hineinwachsen will. Im Börsenpropekt weist Lyft wie üblich auf die Unsicherheit hin, ob das Unternehmen jemals profitabel sein wird.

          Ein ernstzunehmender Wettbewerber

          Lyft ist, wie Uber, im Prinzip nichts anderes als eine Plattform, die Fahrgäste und selbständige Fahrer zusammenbringt. Zwar gibt es schon eine ganze Reihe von Plattformen, die mit einer reinen Vermittlung Geld verdienen. Aber das Geschäftsmodell der Fahrdienste auf seine Tragfähigkeit einzuschätzen, fällt vor dem ersten Börsengang schwer. „Zudem darf man die Konkurrenz durch autonome Fahrsysteme nicht unterschätzen:

          Waymo, Tesla und andere stehen bereits in den Startlöchern“, sagt Martin Hermann, Fondsmanager des Berenberg Global Focus Fund. Wenn Lyft und Uber selbst autonom fahrende Autos auf die Straße schicken und somit die Vergütung der Fahrer als größter Kostenblock entfällt, könnten aber wohl auch diese Unternehmen Geld verdienen.

          Obwohl deutlich kleiner als Uber und außerhalb Amerikas eher unbekannt, ist Lyft mit rund 19 Millionen Kunden ein ernstzunehmender Wettbewerber. Lyft war in den vergangenen Jahren Nutznießer der Uber-Skandale und hat seinen Marktanteil in Amerika – auch dank eines teuren Preiskampfes – auf 39 Prozent gesteigert.

          Lyft verleiht auch Fahrräder und Scooter. Uber ist in mehr Geschäftsfeldern aktiv, hat sogar einen eigenen Essenslieferdienst. „Insofern hat Uber vermutlich langfristig die besseren Karten, um die Auslastung durch zusätzliche Angebote zu erhöhen und Fixkosten zu decken“, sagt Fondsmanager Hermann.

          In einer Video-Präsentation für Investoren macht Lyft sich lustig über Uber. „Wir konzentrieren uns darauf, Kunden zu befördern. Kein Essen, keine Lastwagen“, heißt es. Nun kommt Lyft als erster der beiden Konkurrenten an die Börse. Doch Uber dürfte bald vorbeiziehen. Derzeit wird der Fahrdienst mit 70 Milliarden Dollar bewertet, beim Börsengang könnten es 120 Milliarden Dollar werden.

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