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Niedriger Börsenwert : Commerzbank-Chef auf Warren Buffetts Spuren

Martin Zielke, Vorstandschef der Commerzbank Bild: dpa

Gutes verkaufen, wenig Erfolgreiches stärken: Wie Martin Zielke seine Strategie für die Bank verteidigt.

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          Aus Sicht von Commerzbank-Vorstandschef Martin Zielke ist die Commerzbank-Aktie unterbewertet und die der polnischen M-Bank überbewertet. Deshalb wolle die Commerzbank ihre polnische Tochtergesellschaft verkaufen und mehr in das Kerngeschäft in Deutschland investieren. „Jeder Value-Investor macht das so“, sagte Zielke am Freitag, als er die neue Strategie der Bank gegen Vorwürfe verteidigte, die Commerzbank verkaufe ihre Perle im Konzern aus blanker Not.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Sogenannte Value-Investoren halten eine Aktie dann für unterbewertet und damit kaufenswert, wenn der aktuelle Börsenwert des Unternehmens niedriger ist als sein „fundamentaler“ Wert. Von Technologieunternehmen halten sie sich eher fern – insbesondere von solchen, die zunächst viel investieren müssen, bis sie in Zukunft vielleicht hohe Gewinne abwerfen. Großinvestor Warren Buffett, zu dessen liebsten Aktien etwa Coca-Cola gehört, hat dieses „Value Investing“ populär gemacht. Unzählige Anleger eifern Buffett nach. Doch das ist gar nicht so leicht. Denn was ist schon der fundamentale oder innere Wert eines Unternehmens?

          Richtig ist: Der Börsenwert der Commerzbank liegt wie der vieler Banken rund ein Drittel unter ihrem Buchwert, also den bilanzierten Vermögenswerten. Aber reicht dieses Argument, um sie im Vergleich zur M-Bank für unterbewertet zu halten? Die M-Bank gehört der Commerzbank zu 69 Prozent. Nach Auskunft von Finanzvorstand Stephan Engels trägt sie jedes Jahr rund 300 Millionen Euro zum Konzerngewinn bei. Der betrug im vergangenen Jahr vor Steuern 1245 Millionen Euro.

          Anleger bleiben skeptisch

          Außerdem ist die M-Bank rentabler und effizienter als die Commerzbank. An der Börse ist sie 3,2 Milliarden Euro wert, die Commerzbank (einschließlich M-Bank-Beteiligung) 6,8 Milliarden Euro. Engels gab zu, dass die Commerzbank keinen großen Buchgewinn aus dem M-Bank-Verkauf erwartet. Die „großen Brummer“, die zu einer Eigenkapitalentlastung von gut 3 Milliarden Euro führten, seien weniger riskante Kredite in der Konzernbilanz und eine möglicherweise um 50 Basispunkte geringere Kernkapitalquotenvorgabe der Aufsicht.

          Die Börse gibt sich von diesen Feinheiten unbeeindruckt. Anleger sehen die vor einer Woche bekanntgewordene, vom Aufsichtsrat am Donnerstag genehmigte und Journalisten jetzt am Freitag vorgestellte Gesamtstrategie – die vierte in zehn Jahren – skeptisch. Aufgeschreckt hat vor allem das niedrige Eigenkapitalrenditeziel von 4 statt bisher 6 Prozent, das sich die Commerzbank selbst steckt. Zielke nennt es realistisch. „Die Herausforderungen sind noch einmal größer geworden“, sagt er mit Blick auf die Europäische Zentralbank, die ihre Zinsen für Einlagen der Banken gerade auf minus 0,5 Prozent gesenkt hat.

          COMMERZBANK AG

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          Die Commerzbank will auch künftig wachsen, aber dosierter. Nachdem sie seit 2016 rund 1,5 Millionen neue Kunden mit recht aggressivem Werbeaufwand gewann, sollen bis 2023 eine Million weitere Kunden hinzukommen. Der Schwerpunkt soll aber darauf liegen, mit den Bestandskunden mehr zu verdienen. Die Commerzbank werde ihre Preise und Gebühren erhöhen und sich von rund einer Million inaktiver Kunden trennen. Denn: „Unsere Profitabilität reicht nicht aus“, sagte Zielke. Daran seien nicht die seit 2016 neuen Kunden schuld, sie hätten vielmehr 2018 mit 850 Millionen ein Drittel aller Erträge geliefert. „Kein einziger Neukunde ist unter den inaktiven, die uns Geld kosten“, sagte Zielke.

          Großer Sanierungsaufwand

          Ob die Commerzbank im hart umkämpften deutschen Markt höhere Preise und Gebühren durchsetzen kann, muss sich erst zeigen. Am kostenlosen Girokonto zur Neukundengewinnung will sie selbst festhalten. Weitere Vorhaben, wo die Commerzbank mehr Geld verdienen will, blieben vage. Das Smartphone habe sich zum wichtigsten Kanal entwickelt, über den Kunden die Bank erreichten, sagte Zielke. Wenn sie ihre App nutzten, erhalte die Bank viele Daten und damit Anhaltspunkte für Geschäft – etwa wenn sie ihnen im Urlaub zeige, wo sie günstig Geld abheben könnten. Darüber hinaus will die Commerzbank im Geschäft mit Unternehmenskunden mit Hilfe von 150 neuen Stellen im Vertrieb und einem ausgeweiteten „Sektoransatz“ mehr hochmargiges Kreditgeschäft gerade mit kleineren Mittelstandskunden machen.

          Bis die Commerzbank ihr ohnehin niedriges Ziel von 4 Prozent Eigenkapitalrendite erreicht, wird es dauern – denn zuerst muss sie Sanierungsaufwand wegstecken: Die Straffung des Filialnetzes von 1000 auf 800 Zweigstellen kostet 150 Millionen Euro, der Abbau von 3400 Stellen auf dann 29 300 Stellen wird zudem einen großen Batzen des Sanierungsaufwands von 750 Millionen Euro verschlingen. Mit 300 Millionen Euro geht ein anderer Teil für die Eingliederung der Direktbank Comdirect drauf. 400 Millionen Euro will die Commerzbank zusätzlich in ihre IT investieren. Diese Mittel sollen unter anderem durch den Verkauf der M-Bank selbst aufgebracht werden.

          Neben dem Verkauf der M-Bank ist vor allem die Eingliederung der erfolgreichen Comdirect in die Commerzbank umstritten. Ihre 2,6 Millionen Kunden würden das kaum merken, glaubt Zielke. Sie hätten ja dann sogar die Möglichkeit, die Filialen der Commerzbank zu nutzen. Zum Einwand, die Comdirect-Kunden hätten bisher keine Filialen gebraucht, schätzten die günstigen Preise der Direktbank und wollten die Kosten der Commerzbank nicht tragen, sagte Zielke: „Ich rechne mit keinem Kundenschwund.“ Die Frage, ob die Preise für die Comdirect-Kunden so niedrig bleiben wie bisher, bejahte Zielke zunächst, sagte dann aber, die Commerzbank werde ihnen nach Eingliederung Angebote machen. Lassen sich so Value-Investoren halten?

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