https://www.faz.net/-gv6-a70ha

Ihr Beruf: Andere zu bremsen : Dekas neue Risikochefin hat die Flugzeugfinanzierungen fest im Blick

Birgit Dietl-Benzin Bild: Dekabank

In der Corona-Krise bleiben viele Flugzeuge am Boden, Fluggesellschaften werden zu unsicheren Schuldnern. Die Sparkassen-Fondsgesellschaft Deka hat einige Milliarden im Feuer. Wie geht Dekas neue Risikochefin Birgit Dietl-Benzin damit um? Ein Porträt.

          3 Min.

          Birgit Dietl-Benzin mag Mathematik und strukturiertes Denken, ein Physikstudium war für sie eine Option, schließlich fiel ihre Wahl auf eine Banklehre und anschließend auf ein Studium des Wirtschaftsingenieurwesens. Wer sich jetzt einen strengen, kühlen Menschen vorstellt, kennt Dietl-Benzin nicht. Die in diesem Jahr 47 Jahre alt werdende Frau lacht viel und redet frei von der Leber weg – dabei muss sie in ihrem Beruf vor allem andere bremsen.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Denn Dietl-Benzin war seit 2016 in der Europa-Holding der Schweizer Großbank UBS und ist nun seit Juni 2020 in der Sparkassen-Fondsgesellschaft Dekabank im Vorstand verantwortlich für Risiko und Compliance. Als einzige Frau im – nach der endgültigen Bestellung von Vertriebsvorstand Torsten Knapmeyer – sechsköpfigen Deka-Vorstand achtet die Wirtschaftsingenieurin also darauf, dass die 4000 Bankmitarbeiter im Kreditgeschäft keine zu hohen Risiken eingehen und Regeln wie etwa solche gegen Geldwäsche und Insiderhandel einhalten.

          Warum die Deka Kredite vergibt

          In der Deka beschäftigen die Risikowächterin gerade vor allem die Flugzeugfinanzierungen. Als Wertpapierhaus erhält die Deka viel Liquidität, weil die Sparkassen ihre Fonds und Zertifikate an Privatkunden verkaufen und Sparkassen auch selbst Geld in der Deka parken. Einen Teil dieser Liquidität reicht die Deka als Kredite aus: für Immobilien, an Kommunen und Projekte wie Windparks und Rechenzentren. Und vor wenigen Jahren machte der damaligen Risikochefin Manuela Better der Schiffskreditbestand Sorgen – und sie halbierte ihn. Ihre Nachfolgerin Dietl-Benzin muss sich nun statt mit Größe und Tiefgang von Tankern mit der Zukunftfähigkeit von Flugzeugtypen befassen. Wie schnell und wie zahlreich werden die Menschen nach der Corona-Pandemie wieder reisen? Auch davon wird abhängen, ob amerikanische Fluggesellschaften unter Gläubigerschutz (Chapter 11) schlüpfen und kreditgebenden Banken nur als Sicherheit – in diesem Fall – das finanzierte Flugzeug verbleibt.

          Die Deka hat 3,2 Milliarden Euro an Flugzeugfinanzierungen ausstehen – gemessen an ihrer Bilanzsumme von rund 100 Milliarden Euro, erscheint dieses Risiko beachtenswert, aber beherrschbar. Zumal Dietl-Benzin in den ersten Monaten ihres Wirkens das Eigenkapitalpolster erhöht hat. Nachdem die Kernkapitalquote im ersten Halbjahr von 14,2 auf 13,0 abgesackt war, ist sie inzwischen auf 14,8 Prozent gestiegen. Das war für die neue Risikochefin auch ein Test: Wie schnell lassen sich strukturiert und nicht zum Tiefpunkt Dekas Kreditrisiken spürbar verringern?

          Karriere in der UBS

          Obwohl sie am Finanzplatz Frankfurt wenig bekannt war, hat Dietl-Benzin sich ihr ganzes Berufsleben mit solchen Aufgaben beschäftigt. Nach dem Studium in Karlsruhe begann sie 2001 ihre Karriere als Unternehmensberaterin bei Oliver Wyman. Doch die Beratungsaufgaben dort – etwa die Modellierung von neuen Ratingverfahren in Banken („Basel II“) – ließen sich wegen der vielen Kundenbesuche mit einem Familienleben nach ihren Vorstellungen nur schwer verbinden. Deshalb nahm sie ein Angebot eines ihrer Bankkunden an: Der damalige Deutschland-Chef Jürg Zeltner trimmte die UBS auf Wachstum und vertraute Dietl-Benzin bald 60 Projekte an. Als 2008 Jan-Christian Dreesen, der heutige Finanzvorstand des Fußballvereins Bayern München, Nachfolger Zeltners als Deutschland-Chef der UBS wurde, leitete sie seinen Stab. 2011 wurde Dietl-Benzin Mutter von Zwillingen.

          Nach zweijähriger Elternzeit arbeitete sie zunächst 50 Prozent, später 80 Prozent und leitete so die lokale Risikoeinheit der UBS. Der damals amtierende UBS-Deutschland-Chef Thomas Rodermann bot ihr 2016 einen Posten im Vorstand für die beiden Ressorts Finanzen und Risiko an – aber nur, wenn sie auf 100 Prozent Arbeitszeit aufstocken würde. Rodermann, heute Deutschland-Chef der Bank Merck Finck, garnierte seinen Lockruf mit den Worten, sie arbeite ja ohnehin schon mehr als 100 Prozent.

          Dietl-Benzin schlug ein, obwohl ihr Mann als Vertriebler für den Technologiekonzern Google viel auf Reisen ist. So stützt sie sich in ihrem Zuhause auf eine Haushälterin. Dass Dietl-Benzin in der UBS keine weitere Karriere machen würde, da sie nicht aus Frankfurt etwa in die Schweiz wechseln wollte, war ihr klar. Insofern kam der Ruf der Deka gelegen.

          Anhängerin von Fusionen

          In der UBS hat Dietl-Benzin gelernt, dass größere Einheiten – etwa die Bündelung von Geschäft in der Europa-Holding – sinnvoll sind, um die Fixkosten einer Bank wieder hineinzuspielen. Insofern dürfte die neue Risikochefin – auch wenn sie dazu keine Haltung zu erkennen gibt – eine mögliche Fusion von Deka und Helaba nicht schrecken.

          Geschreckt hat Dietl-Benzin auch nicht die Aufgabe als Verwaltungsrätin der FMS Wertmanagement, der Bad Bank der verstaatlichten Hypo Real Estate. Dass sie sich mit deren komplexen, zum Teil noch mehr als fünfzig Jahre laufenden Zinsspekulationsgeschäften beschäftigt, sei für sie eine Gelegenheit, etwas zurückzugeben. Sie sei dem Staat sehr dankbar, dass er sie mit Studien-Stipendien dermaßen gefördert habe. Die aus Kleve am Niederrhein stammende Frau ist – obwohl sie sich gern mit Risiken beschäftigt – eine echte Frohnatur.

          Weitere Themen

          Dividende gut, alles gut

          Scherbaums Börse : Dividende gut, alles gut

          Das Corona-Jahr 2020 hat viele Dividenden-Anleger auf Nulldiät gesetzt. Dieses Jahr dürfte es wieder besser werden. Die Bandbreite wird aber groß sein – von überraschenden Ausfällen bis hin zu unerwarteten Erhöhungen.

          EU-Börsenaufsicht will Neobroker untersuchen

          Gamestop-Folgen : EU-Börsenaufsicht will Neobroker untersuchen

          Nach den Verwerfungen rund um die Gamestop-Aktie geraten auch die europäischen Billig-Broker und ihre Geschäftsmodelle ins Visier der Aufsicht. Im Netz berichtet ein Nutzer von Kulanzzahlungen von Trade Republic.

          Topmeldungen

          Eine App für mehr Freiheiten? So könnte der grenzüberschreitende Corona-Impfausweis künftig aussehen.

          Vier Fragen zur Immunität : Was steht drin im Corona-Impfpass?

          Immun gegen Corona, geht das überhaupt? Der europäische Impfpass ist von der Politik inzwischen fest avisiert, aber es sind einige Fragen offen. Was könnte in einem Immunitätszertifikat stehen, das digital überall abrufbar ist? Vier Fragen, vier Antworten.
          Kevin Trapp und die Frankfurter verlassen des Rasen als Verlierer.

          1:2 in Bremen : Das Ende der großen Frankfurter Serie

          Nach elf Spielen ohne Niederlage in der Bundesliga verliert die Eintracht. Die Frankfurter gehen in Führung, danach dreht Bremen die Partie. Nicht nur beim Siegtor entscheiden Zentimeter.
          Britisch-Deutsches Pubtreffen: Dominic Raab (li.) und Heiko Maas im Juli 2020 in Kent

          Neue britische Außenpolitik : Auf dem kurzen Dienstweg

          Nach dem Brexit sucht Großbritannien die Nähe zu Deutschland und Frankreich in der Außen- und Sicherheitspolitik. Das gefällt nicht jedem in der EU.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.