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Aktienmarkt : Bis zum Rekordhoch und noch viel weiter

Dienstag an der Frankfurter Börse: Auf dem Weg zum Rekordhoch Bild: Reuters

Die Kurse deutscher Aktien haben am Dienstag ein Rekordhoch erreicht. Für den Mittwoch rechnet man mit dem nächsten. Diese Tendenz dürfte wohl anhalten. Auch wider besseres Wissen.

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          Sie hatten Recht. Die Analysten, die dem Dax für den Dienstag ein Rekordhoch voraussagten. Nicht nur im Verlauf kletterte der Index der deutschen Standardaktien mit 13.666 Punkten auf ein Allzeithoch. Auch zum Börsenschluss hieß es mit 13.627,84 Zählern: Nie waren sie so wertvoll wie heute, die Standardaktien.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auch der H-Dax, der zum Dax auch noch die mittelgroßen Werte des M-Dax und die Technologiewerte des Tec-Dax abbildet, schloss ebenfalls mit 7.630,20 Punkten auf einem neuen Höchststand.

          Zupass kommt den Indizes der Dax-Familie dabei nicht zuletzt einmal mehr, dass sie im Gegensatz zu allen gängigen internationalen Indizes die Dividenden mit einrechnen. Daher bildet der F.A.Z.-Index, der 100 Werte einschließt, die Lage an den deutschen Börsen im Grunde vergleichbarer ab. Und der schloss mit 2487,91 Punkten nur auf einem Drei-Wochen-Hoch knapp 2 Punkte niedriger als am 20. Januar.  Und selbst dann ist der Weg zum Allzeithoch bei 2687 Stellen aus dem Januar 2018 immer noch ein Stück Weg zu gehen.

          DAX ®

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          Was den deutschen Aktienkursen am Dienstag auf die Sprünge half, war dass das Coronavirus die Anleger wohl zu langweilen beginnt. Man habe den Eindruck, die Zahl der Neuinfektionen sänke langsam und einige Betriebe gingen dazu über, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Das ist zwar mehr eine anekdotische Vermutung, etwa weil Airbus die Endmontage in einem Werk im chinesischen Tianjin schrittweise wieder hochfahren soll. Aber solange neue Hiobsbotschaften ausbleiben, scheint alles gut zu sein. Auch wenn eine Virusepidemie so nicht funktioniert, den Kursen ist es egal.

          Und so erwartet man für den Mittwoch abermals ein Rekordhoch. Der Broker IG taxierte den Dax 0,37 Prozent höher mit 13.678 Punkten. Eine teils durchwachsene Berichtssaison, die Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran und die
          Coronavirus-Epidemie hätten im bisherigen Jahresverlauf bei den Investoren nicht viel mehr als ein Achselzucken ausgelöst, sagt Marktstratege Stephen Innes vom Broker Axicorp. Anleger setzten auf eine schnelle Erholung der Wirtschaft von den Folgen des Coronavirus-Ausbruchs. In dieser Erwartungshaltung liege das vielleicht größte Risiko.

          F.A.Z.-Index

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          Die Frage ist natürlich: Was für ein Risiko? Wenn die Erwartungshaltung grundsätzlich ist, dass Aktienkurse stiegen, solange die Zinsen niedrig sind, kann den Kursanstieg nichts nachhaltig aufhalten. Was dann nicht passt, wird passend gedacht und der Glaube konnte schon immer Berge versetzen und Kurse bewegen.

          Insofern dürfte auch der Dämpfer, den die amerikanischen Börsen am Dienstag hinnehmen mussten, Episode bleiben. Zumal es noch nicht einmal ein richtiger Dämpfer war.

          Denn die amerikanischen Indizes waren ebenfalls zunächst auf neue Höchststände gelaufen und der S&P-500 legte am Ende doch noch 0,2 Prozent auf 3357 Punkte zu. Nur der Dow Jones gab ein halbes Prozent nach. Aber wen interessiert schon der Dow Jones außer Journalisten, sagte schon vor einiger Zeit der Vorstand einer großen amerikanischen Fondsgesellschaft.

          Auch der Grund dürfte letztlich keine größeren Sorgen bereiten. Die Aufsichtsbehörde Federal Trade Commission hat von großen High-Tech-Konzernen wie Alphabet, Amazon, Apple und Facebook Informationen zu Fusionen angefordert, die wegen ihrer geringen Größe den Behörden nicht gemeldet werden mussten. Derzeit prüfen diverse Behörden, ob die Konzerne ihre Marktmacht missbraucht haben.

          Deren Aktienkurse gaben nach und belasteten am Ende natürlich den 30 Werte umfassenden Dow Jones stärker als den 503 Werte umfassenden S&P-500, weil sie in ersterem mehr Gewicht haben.

          Eine Sorge, keine Sorge

          Muss man sich also Sorgen machen? Fürs erste wohl nicht. Die Stimmung ist gut, auch wenn irgendwo jeder weiß, dass die Aktienkurse zunehmend ein Eigenleben führen und irgendwann zwangsläufig wieder näher an die wirtschaftliche Entwicklung rücken werden. Aber solange diese einigermaßen positiv und störungsfrei ist, wird die Diskrepanz auch nicht so groß, dass sich das Verhalten ändern würde.

          Und irgendwo muss ja das Geld auch hin. Aber Immobilien, Private Equity, Private Debt, konventionelle Anleihen - über all ist viel Geld und so gibt es zu Aktien auch keine echten Alternativen. Nur bei Rohstoffen ist der Andrang spätesten seit zwei Jahren nicht wirklich groß. Vielleicht weil deren Preisentwicklung enger mit der Entwicklung der Weltwirtschaft verbunden ist - und die Nachfrage Chinas nach Rohstoffen sinke dramatisch, konstatiert Axel Botte, Marktstratege beim französischen Vermögensverwalter Ostrum, nicht zuletzt infolge des Coronavirus.

          Die neuen Höchststände der Aktienmärkte wertet Botte als Zeichen von Selbstzufriedenheit. „Es ist die Angst, die nächste Beschleunigung nach oben zu verpassen, die Investoren in die Märkte treibt. Die Erfahrung, 2019 nicht dabei gewesen zu sein, hat ihre Spuren hinterlassen.“

          Misstrauisch vertrauen

          Übrigens gilt das auch nicht für die meisten Edelmetalle. Und auch wenn etwa bei Palladium die Elektromobilität eine große Rolle spielt - Edelmetalle sind eine klassische Absicherung.

          Daraus lässt sich schließen, dass das Vertrauen in die wirtschaftliche Entwicklung nicht so groß ist. Viele sehen das positiv und argumentieren, solange die Stimmung nicht euphorisch werde, solange könne es nicht zu Übertreibungen und die Nachfrage nach Aktien maßvoll. Das ist plausibel und wird auch durch Erfahrungen belegt.  Eine andere Erfahrung ist jedoch auch, dass diese nur solange valide sind, bis sie durch neue Erfahrungen ersetzt werden.

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