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Das liebe Geld : Zinsen vom Papst

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Clemens VII. begab 1526 die erste päpstliche Staatsanleihe. Sie brachte 10 Prozent Zinsen. Bild: Bridgeman

Der Vatikan hat vorgemacht, wie sich Staaten verschulden. Seine Anleihen waren über Jahrhunderte der Renner.

          Die Kirche und das Geld – wer denkt da nicht an den Ablasshandel und seinen zornigen Kritiker in Wittenberg. Hier soll es aber nicht um den Handel mit Ablassbriefen gehen, sondern um den Beitrag des Papsttums zur Entwicklung des modernen Staatskredits. Tatsächlich kam der römischen Kirche im 16. und 17. Jahrhundert eine Vorreiterrolle beim Ausbau von Finanzinstrumenten zu, die den Weg zur Konsolidierung der Staatsschuld wiesen und Rom zu einem der attraktivsten Finanzplätze Europas machten. Entscheidend für diesen Erfolg waren die sogenannten Monti: (Geld-)Berge, die als Spitzenprodukt aus dem Portfolio päpstlicher Finanzexperten galten und mit Zinssätzen bis zu zwölf Prozent auch heutige Anleger interessieren dürften.

          Am Beginn dieser Entwicklung stand eine Finanzkrise. Auf der einen Seite führten sowohl die Reformation als auch die zunehmende Weigerung der katholischen Fürsten, Gelder aus ihren Landeskirchen an die Kurie abzuführen, zu massiven Rückgängen der Einnahmen Roms. Auf der anderen Seite wuchsen die Aufgaben und Ambitionen der Päpste: Als Oberhaupt der Kirche hatten sie der Verbreitung reformatorischer Lehren Einhalt zu gebieten, die katholischen Mächte in den Konfessionskämpfen der Zeit zu unterstützen und an den Kriegen Europas gegen das Osmanische Reich mitzuwirken. Als Landesherren des Kirchenstaats, der im Unterschied zur Vatikanstadt als seiner heutigen Schwundstufe in der Frühen Neuzeit ganz Mittelitalien umfasste, führten sie Kriege gegen ihre Nachbarn. Sie bauten die Verwaltung in ihrem Territorium aus, und sie sorgten mit einem Bau- und Kunstprogramm, an dessen Früchten sich Rom-Besucher bis heute erfreuen, für die angemessene Repräsentation ihrer Herrschaft.

          All das kostete viel Geld. Betrachtet man nur die Ausgabenseite, verwundert es daher keineswegs, dass das Budgetvolumen des päpstlichen Haushalts vom Jahr 1526 bis zum Jahr 1667 um nominell 443 Prozent des Wertes anschwoll. Wie aber war das auf der Einnahmenseite möglich? Die Erträge aus der Weltkirche tröpfelten nur noch spärlich, das Papsttum sah sich fast vollständig auf seinen eigenen Staat und dessen Geldquellen zurückgeworfen. Doch auch diese Einnahmen reichten bei weitem nicht aus, und so blieb nur der Weg der Verschuldung.

          Neu war das nicht. Wie alle anderen Herrscher hatten auch die Päpste schon vor dem Jahr 1500 Kredite aufgenommen: meist kurzfristige und immer hochverzinsliche Darlehen bei einzelnen Bankiers, zu deren Absicherung im römischen Fall auch schon mal die päpstliche Krone Tiara verpfändet werden musste. Neu war indes die Überführung dieser schwebenden Schuld in eine konsolidierte Staatsschuld. Als Fundament dieses fundierten, auf Dauer gestellten und im Zinsendienst ungewöhnlich zuverlässigen Staatskredits erwies sich die Emission von Staatsanleihen, eben jener Monti.

          Verwendung des Kapitals keineswegs zweckgebunden

          Deren Premiere erfolgte 1526: Clemens VII. , als Spross der Medici-Dynastie aus Florenz mit dem dortigen Banken- und Kreditwesen vertraut, errichtete mit dem Monte della Fede den ersten „Geldberg“: eine Staatsanleihe in Höhe von 200.000 Scudi, die mit zehn Prozent verzinst wurde und dank der handlichen Stückelung in Anteile von 100 oder 50 Scudi auch für Kleinanleger attraktiv war.

          Der Vertrieb war bereits 1526 derart effizient geregelt, dass sich an den Grundmustern bei späteren Monti-Emissionen nichts mehr ändern sollte: Die Anleihe wurde en bloc an einen Bankier verkauft, wodurch die Kurie sofort über das Geld verfügen konnte. Diesem Bankier oblag die Rolle des Depositars und damit der Vertrieb der Anteile und die Auszahlung der Zinsen, die alle zwei Monate anstand. Gedeckt war der Zinsendienst durch die feste Zuweisung einer Steuer oder einer anderen Einnahmequelle, über die die Päpste im Kirchenstaat verfügten. Und da die Erträge dieser Geldquellen – im Falle des Monte della Fede eines römischen Binnenzolls – unmittelbar an den Depositar des Monte überwiesen wurden, erfolgten die Zinszahlungen in aller Regel pünktlich und zuverlässig. Kein Wunder also, dass die Monti gefragt waren: Die Zahl der päpstlichen Anleihen wuchs bis in die 1680er Jahre auf 71, das Kapital, das sie der Kurie einbrachten, stieg von 5,6 Millionen Scudi im Jahr 1592 auf mehr als 15 Millionen im Jahr 1619 und auf 28 Millionen im Jahr 1657.

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