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Mittelstandsfinanzierung : Crowdlending wenig gefragt

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Der Chocolatier Edelmond aus Luckau bei Berlin hat über die Crowdlending-Plattform Funding Circle einen Kühltunnel finanziert. Bild: Funding Circle

Nichts weniger als die Disruption des Bankenmarktes wurde dem Crowdlending prophezeit. Doch der deutsche Mittelstand springt darauf nicht an, ist das Ergebnis einer Studie.

          Crowdfunding ist wie viele Neuerungen, die durch die Internet-Ökonomie gekommen sind, im Gespräch. Dabei untergliedert sich das „Funding“ in verschiedene Unterformen wie Crowdinvesting oder auch Crowdlending. Darunter wird verstanden, wenn Kredite direkt von mehreren Privatpersonen an andere Privatpersonen oder Unternehmen ausgereicht werden. Es sind also im Fachjargon syndizierte Kredite von Nicht-Banken.

          Diese Ausschaltung der Kreditinstitute klingt elegant oder wie es so schön im Jargon heißt: disruptiv. In Zusammenarbeit mit dem Europäischen Kompetenzzentrum für Mittelstandsforschung der Universität Bamberg (EFAM) hatte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte schon 2015 Mittelständler in Deutschland befragt, inwieweit sie Crowdlending wahrnähmen.

          Crowdlending zu intransparent und zu langsam

          Diese Befragung hat Deloitte nun wiederholt. Dabei zeigt sich, dass Crowdlending mittlerweile wie noch seinerzeit kein unbekanntes Instrument mehr ist. 82 Prozent der befragten 250 Unternehmen gaben an, die Finanzierungsform zu kennen.

          Doch der Mittelstand ist konservativ: Nur ein Zehntel der Befragten glaubt, dass die Hausbank künftig nicht mehr der Finanzierungspartner Nummer eins sein könnte. Knapp die Hälfte der Unternehmen will in Zukunft die Bindung zur Hausbank sogar stärken. Ein Hauptgrund dafür könnte sein, dass der persönliche Ansprechpartner unverändert eine herausragende Rolle spielt. Denn nur 5 Prozent der Teilnehmer gaben an, dass der persönliche Ansprechpartner für sie nicht wichtig sei. So überrascht es nicht, dass ebenfalls nur 5 Prozent ihren Kredit bevorzugt online abschließen wollen.

          Doch es ist nicht Konservativismus allein: Im Grunde stellen die Mittelständler dem Instrument an sich ein schlechtes Zeugnis aus, wenn sie mehrheitlich (60 Prozent) die Kreditvergabe der Geldinstitute als transparenter empfinden als in der Crowd. Und es kommt noch härter: Für drei Viertel dauert es zu lang, für die meisten viel zu lang, bis ein Crowd-Kredit bewilligt ist. Auch die Flexibilität der Vertragsgestaltung wird von rund 60 Prozent der Befragten schlechter beurteilt.

          Vorsicht vor den Zombie-Firmen

          „Crowdlending ist keine wirkliche Bedrohung für das etablierte deutsche Kreditgewerbe“, sagt Jano Koslowski, Geschäftsführer für Finanzdienstleistungen bei Deloitte. Anders lautende Veröffentlichungen zitierten Marktentwicklungen, etwa aus den Vereinigten Staaten, die nicht auf den deutschen Markt übertragbar seien. 2017 wurden an kleine und mittlere Firmen in Deutschland Kredite im Volumen von mehr als 130 Milliarden Euro vergeben - weniger als 1 Prozent davon über Crowdlending.

          Ein weiteres Ergebnis sollte den Crowdlendern zu denken geben: Vor allem Unternehmen mit einer niedrigen Eigenkapitalquote haben Interesse an Krediten durch die Crowd. Während viele dieser Befragten in der aktuellen Niedrigzinsphase die Bankfinanzierungshürden noch überwinden können, könnte es bei steigenden Zinsen für sie bei der klassischen Finanzierung eng werden, heißt es von Deloitte.

          Diese Unternehmen könnten bei steigenden Zinsen ihre Rettung im Crowdlending suchen wie weiland viele Emittenten von Mittelstandsanleihen. Zwar sieht Deloitte als naheliegend an, dass dann auch die Zinsen in der Crowd steigen. Doch zeigt die Erfahrung der Mittelstandsanleihen, dass die Zinsen zwar höher waren, aber oftmals die tatsächlichen Kreditrisiken doch nicht und nur undifferenziert widerspiegelten. Da Crowdlender unerfahren und zudem weit zerstreut sind – ähnlich wie private Käufer von Mittelstandsanleihen – ist schwer zu sehen, wie eine risikoadäquate Zinsbildung zustande kommen könnte. Zumal dann, wenn es für manche Unternehmen und ihre Eigentümer dann eine Frage des kurzfristigen Überlebens ist. Hier könnte eine Herausforderung auf die Crowdlending-Plattformen zukommen.

          Längerfristig betrachtet könnte der Generationswechsel in den Leitungsfunktionen der Unternehmen dem Crowdlending zum Aufschwung verhelfen, meint Deloitte. Der Zusammenhang zwischen Bezug zu digitaler Technik und Bereitschaft zum Crowdlending sei nachweislich. Da die Entscheidungsträger von morgen aus einer technologiegewohnten Generation stammen, erscheine ein steigendes Interesse an dieser Finanzierungsform wahrscheinlich, vor allem wenn Banken sich bei der Start-up-Finanzierung weiter zurückhaltend zeigen. Indes sehen die Banken hier eine Geschäftsidee. So hat die ING-DiBa kürzlich die Plattform Lendico übernommen.

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