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Brexit-Folgen : Credit Suisse liebäugelt mit Frankfurt

Hoch hinaus: Im Frankfurter Taunusturm hat sich schon JP Morgan zusätzliche Flächen gesichert – auch die Banker der Credit Suisse arbeiten hier. Bild: Marc-Steffen Unger

Wegen des Brexits will die Großbank zunächst 250 Mitarbeiter aus London in die EU verlagern. Paris enttäuscht die Schweizer. Doch zu sehr darf sich Frankfurt noch nicht freuen.

          Frankfurt kann sich Hoffnung machen, auch im Fall der Credit Suisse (CS) vom geplanten Ausstieg der Briten aus der Europäischen Union zu profitieren. Die Schweizer Großbank liebäugelt damit, in einem ersten Schritt rund 250 Investmentbanker aus London in die deutsche Finanzmetropole zu verlagern. Ein entsprechender Bericht der Finanzagentur Bloomberg wurde in gut informierten Kreisen bestätigt. Frankfurt ist allerdings nur eines von drei möglichen Umzugszielen, welche die CS nach einem langen Sondierungsprozess in die enge Wahl genommen hat. Auch Paris und Madrid sind noch im Rennen.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dem Vernehmen nach hatte Paris lange die Nase vorn. Doch dann hätten die dortigen Regulatoren und Behörden überraschend lahm agiert und die nötige Einsatzbereitschaft und Effizienz vermissen lassen, heißt es. Dieses wenig engagierte Verhalten hat die Schweizer so sehr ernüchtert, dass nun Frankfurt in die Favoritenrolle geschlüpft ist.

          Aufspaltung unwahrscheinlich

          Die Deutschen seien besser organisiert und voll darauf ausgerichtet, auf allen Ebenen einen reibungslosen Umzug zu gewährleisten, verlautet aus Zürich. Gelobt wird überdies die gute Infrastruktur in Frankfurt, von der Nähe zur EZB über den Flughafen bis hin zur Verfügbarkeit von Wohnungen und internationalen Schulen. Kurzum: Frankfurt hat im Haus der Credit Suisse gute Karten. Die endgültige Entscheidung will die Bank innerhalb der nächsten drei Monate fällen. Eine Aufspaltung der umziehenden Abteilungen auf zwei verschiedene Standorte gilt aber als ausgeschlossen, weil für den Betrieb eine gewisse kritische Masse nötig sei.

          Verschiedene französische Stellen – von der Stadt Paris über die Regionalverwaltung und das Finanzministerium bis zur Lobbygruppe Europlace – wollten den Fall der Credit Suisse am Dienstag nicht kommentieren. Doch bekannt ist im Großraum Paris die Vielzahl der sich überlagernden Verwaltungsebenen und ihre mühsame Koordinierung untereinander. Fünf Ebenen gibt es mit noch mehr angeschlossenen Organisationen: Die Stadt Paris und die umliegenden Kommunen, interkommunale Zusammenschlüsse, das Departement, die im Jahr 2016 geschaffene Metropole des „Grand Paris“ sowie die Region der Île-de-France. Für internationale Banken auf Standortsuche kann das schnell unübersichtlich werden. „Die administrative Fragmentierung erreicht Proportionen, die anderswo unbekannt sind“, schrieb Robin Rivaton, Generaldirektor der Organisation Paris Region Entreprises, kürzlich in einem Zeitungsbeitrag.

          Institute wollen noch keine festen Zusagen machen

          Der Zeitdruck auf die Banken wächst: Großbritannien verlässt die EU voraussichtlich Ende März 2019. Weil die Regierung in London angekündigt hat, durch den Brexit zugleich aus dem EU-Binnenmarkt auszusteigen, dürften die Finanzdienstleister den freien Marktzugang von der Themse aus nach Kontinentaleuropa verlieren. Deshalb haben die Banken, aber auch Versicherer und andere Finanzdienstleister angekündigt, ihre Stützpunkte in der EU auszubauen.

          Frankfurt hat dabei zuletzt von mehreren internationalen Instituten mehr oder weniger konkrete Zuschläge bekommen. Amerikanische Investmentbanken wie Goldman Sachs, Morgan Stanley, JP Morgan und die Citigroup wollen ihre Standorte am Main um jeweils einige hundert Mitarbeiter aufstocken – verweisen dabei allerdings immer wieder darauf, dass noch nicht klar sei, wie genau das künftige Verhältnis von Großbritannien zur EU aussehen werde, und die genauen Zahlen davon abhängen würden.

          Branche hofft auf Schonfrist

          Auf den Karriereseiten der Institute werden die Pläne schon etwas konkreter: So haben sowohl Goldman Sachs als auch JP Morgan aktuell gut ein Dutzend Stellenangebote in Frankfurt ausgeschrieben. Viele von ihnen lassen erahnen, dass die Banken dort Größeres vorhaben, denn sie suchen vor allem Fachleute für die Personalabteilungen, für das Risikomanagement und die Compliance.

          Die Deutsche Bank hat damit begonnen, die institutionellen Kunden im Wertpapierhandel, die bislang in London betreut wurden, in ihren Computersystemen nach Frankfurt umzubuchen, wie Bankchef John Cryan vorige Woche sagte. Mitarbeiter sollen aber noch nicht umziehen.

          Mit einem Exodus der Investmentbanker rechnen in London ohnehin die wenigsten. Es zeichnet sich vielmehr ab, dass die Banken zumindest zunächst höchstens wenige tausend Jobs nach Frankfurt, Paris, Dublin oder in andere europäische Finanzzentren verlagern. Die Branche hofft auf eine wichtige Schonfrist: Die EU und Großbritannien streben für die Zeit nach dem Austritt eine rund zweijährige Übergangsfrist an. Zumindest bis Ende 2020 wäre damit der bisherige Marktzugang von London aus wohl weiter gewährleistet – und die Geldbranche könnte die Brexit-Verlagerungen vorerst aufschieben. Doch fest vereinbart ist die Übergangsfrist bisher nicht. Ob sie wirklich kommt, ist offen. Die Regierung in London will eine Einigung bis zum EU-Gipfel Ende März erzielen.

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