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Coronavirus & Ölkrise : Wohin gehen die Märkte?

Momentan ist die Welt der Börse aus den Fugen. Bild: dpa

Die Aktienmärkte trifft am Montag ein Doppelschlag: Die Verschärfung der Maßnahmen gegen das Coronavirus und eine massive Krise am Ölmarkt. Analysten sind sich uneins, wie es weitergeht.

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          Blickt man am Montagmorgen auf die Finanzmärkte, tut sich ein wahrhaft apokalyptischer Anblick auf. Um mehr als 8 Prozent brach der Deutsche Aktienindex Dax am Morgen ein, der marktbreite F.A.Z.-Index fiel im Tief etwas weniger stark um knapp 8 Prozent auf 1941 Zähler, mithin der niedrigste Stand seit Juli 2016. Am härtesten erwischte es den Ölmarkt: Der Preis für das Barrel Nordseeöl der Sorte Brent zur Lieferung im Mai fällt aktuell um 20 Prozent auf 35,80 Dollar und damit den niedrigsten Stand seit nunmehr vier Jahren. Das ist auf Tagesbasis prozentual der stärkste Ölpreisrückgang seit dem Golfkrieg 1991.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Letzteres zeigt auch deutlich, wo der Hase im Pfeffer liegt. Es ist nicht so sehr die Angst vor dem Coronavirus, die Sorge um einen Zusammenbruch der Lieferketten, sondern vor allem der Einbruch des Ölpreises, der die Märkte hinunterzieht. Grund ist das Zerwürfnis zwischen Russland und Saudi-Arabien um Maßnahmen zur Stabilisierung des Preises. Nachdem Russland am Freitag seine Kooperation mit der OPEC aufkündigte, senkte Saudi-Arabien den Preis.

          Doch ohne die Coronavirus-Epidemie ist auch das Zerwürfnis nicht zu verstehen – es hängt miteinander zusammen. Denn diese bremst die Nachfrage. Die Analysten der Commerzbank gehen davon aus, dass die Internationale Energieagentur ihre Schätzung der Ölnachfrage am Montag weiter nach unten revidiert und erstmals seit dem Krisenjahr 2009 einen Rückgang prognostizieren wird.

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          Der Ölpreiseinbruch sei ein Indikator für die massiv gestiegenen konjunkturellen Risiken, auch wenn dieser für die vielen ölimportierenden Länder eine willkommene Kostenentlastung darstelle. Der jüngste Ölpreiskollaps senke die deutsche Ölrechnung um etwa 0,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Dennoch werde das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland und im Euroraum sowohl im ersten als auch im zweiten Quartal schrumpfen.

          Das zusätzliche Konjunkturrisiko, das nun vom Ölmarkt kommt, der aufgrund der mit dem Coronavirus verbundenen Sorgen schon unter Druck stand, dürfet Amerika härter treffen als Europa und besonders den Euroraum. Denn die größeren Ölproduzenten in Europa sind Norwegen und Großbritannien, die beide keine Euroländer sind. Auch die norwegische Krone steht seit Mitte Februar schon gegen den Euro unter erhöhtem Abwertungsdruck.

          BRENT

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          Der Ölmarkt sehe sich „mit maximal bearishen Bedingungen konfrontiert“, schreiben die Analysten der Unicredit: schwache Nachfrageaussichten und traditionelle Produzenten, die nach Belieben förderten. Saudi-Arabien wolle Moskau wohl an den Verhandlungstisch zurückzwingen, unterschätze aber dessen Fähigkeit, niedrigere Ölpreise zu verkraften.

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          Die Aktienmärkte trifft es doppelt, denn die Lage rund um die Coronavirusepidemie ist auch nicht dazu angetan, einen optimistischen Ausblick für die unmittelbare Zukunft zu pflegen. Nicht besser macht, dass die Situation von vielen als widersprüchlich empfunden wird. Nach Zahlen des Robert-Koch-Instituts gibt es in China, Stand Montagmorgen, 80.375 Covid-19-Fälle (0,005 Prozent der Bevölkerung). In Deutschland sind es 1112 (0,001 Prozent), in Italien 7375 (0,01 Prozent). Grippefälle gab es in Deutschland in der Saison 2018/2019 (0,22 Promille).

          Es fehlt nicht nur eine konsistente epidemiologische Einschätzung, die ergriffenen Maßnahmen wollen mit dem vielerorts erlebten Risiko nicht so recht zusammenpassen. Das verstärkt das Gefühl einer großen Bedrohung und entsprechende Angst-Reaktionen, auch an den Kapitalmärkten.

          Fachlich sehr komplexe Einordnungen von Virologen und Medizinern fänden kaum Beachtung in einer Zeit, die dem Alarmismus huldigt, meint Thomas Böckelmann, leitender Portfoliomanager des Vermögensmanagement-Unternehmens Euroswitch. „Die Tatsache, dass das menschliche Gehirn seine Probleme mit der Verarbeitung von Wahrscheinlichkeiten hat, erschwert den Umgang mit den minütlich neuen Nachrichten zur Verbreitung von SARS CoV2. Vielmehr wird der Ur-Fluchtinstinkt geweckt, der mittlerweile skurrile Züge annimmt, ob vor dem Supermarktregal oder an den Börsen.“

          Das trifft nun mit einer weiteren Zuspitzung der geopolitischen Konfliktlage am Ölmarkt zusammen und das erschüttert die Märkte enorm. Die Frage ist nun, wie schlimm es werden kann. Genau vermag dies niemand zu prognostizieren, es bleibt also nur, Wahrscheinlichkeiten abzuschätzen.

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