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Coronavirus : Kurzer Erholungsversuch des Dax scheitert

Barren-Stapel: Sogar der Anlagestratege der Deutschen Bank rät jetzt zu Gold. Bild: Reuters

Der Deutsche Aktienindex fällt auf den tiefsten Stand seit sechs Monaten. Gold ist gefragt. An den Märkten wechseln sich beruhigende Stimmen und Crash-Propheten ab.

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          Zu Wochenbeginn sah es zunächst so aus, als ob an der Börse nach einer sehr turbulenten Vorwoche eine gewisse Beruhigung einkehren würde: Der deutsche Aktienindex Dax legte am Montagmorgen zunächst spürbar zu. Parallel stieg allerdings auch der Goldpreis. Analysten deuteten das so: Die Ankündigungen aus den Vereinigten Staaten ließen erwarten, dass als Reaktion auf das Coronavirus die Zinsen gesenkt würden – womöglich sogar in einer konzertierten Aktion mehrerer Notenbanken, begleitet von staatlichen Konjunkturprogrammen. Das könnte den Aktienmarkt stützen – zugleich könnte eine Zinssenkung aber auch das zinslose Gold im Vergleich etwa zu Staatsanleihen noch attraktiver machen.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch diese Deutung hielt sich nicht lange. Am späten Vormittag gegen 10.30 Uhr war es vorbei mit der kleinen Verschnaufpause an der Börse. Es ging wieder abwärts mit den Kursen, angestoßen auch durch neue beunruhigende Nachrichten. Insbesondere dem Geschäft der Fluggesellschaften macht das Coronavirus zu schaffen. Die Aktien der Lufthansa büßten als größter Dax-Verlierer zeitweise gut 6 Prozent ein. Die Fluggesellschaft setzt wegen des Coronavirus Flüge nach Festlandchina weiterhin aus und kappt das Flugangebot nach Italien.  Kurz vor Börsenschluss indes war alles nur noch halb so schlimm. Der Dax wies am Ende mit 11 858 Punkten nur noch ein Minus von 0,3 Prozent auf. In der vergangenen Woche hatte der Index mit einem Minus von mehr als 12 Prozent immerhin den größten Wochenverlust seit der Finanzkrise 2008 erlitten. Zuhilfe kam den deutschen Aktien eine feste Tendenz der Wall Street. Der marktbreite S&P-500 und der Dow-Jones-Index legten bis zum Mittag in New York um deutlich mehr als 2 Prozent zu.

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          Das alles zeigt: Die Unruhe scheint die Börse sehr ergriffen zu haben. Als Reaktion wechseln sich beruhigende Stimmen von Analysten und Ökonomen mit denen von Crash-Propheten ab. Schon für Montag hatten manche Schwarzmaler einen Börsenabsturz vorhergesagt. Ganz so schlimm kam es dann allerdings nicht. Trotzdem gab es weiter viele skeptische Börsenkommentare. Rob Carnell, Volkswirt der Bank ING, ließ sich mit den beunruhigenden Worten zitieren: „Es gibt kein Konjunkturprogramm, das groß genug wäre, um das auszugleichen, was uns mit dem Coronavirus noch blüht.“ Paul O’Connor von der Fondsgesellschaft Janus Henderson vertrat die Ansicht, das Virus sei ein „Game-Changer“: Deshalb habe sich innerhalb von nur einer Woche der Ausblick für die Weltkonjunktur signifikant verdunkelt.

          Viele Wirtschaftsdaten sind überholt

          Auch die Fondsgesellschaft DWS führte aus, die zuletzt sprunghafte Verbreitung des Virus auch außerhalb Chinas mache nun tatsächlich eine Revision vieler Annahmen für Wirtschaftswachstum und Gewinnwachstum erforderlich. Immerhin glaube man weiterhin an ein „Abflachen“ der Kurve zur Entwicklung neuer Infektionen außerhalb Chinas vor Ende des zweiten Quartals – dann könne die Wirtschaft im zweiten Halbjahr mindestens an ihren vormaligen Wachstumspfad wieder anknüpfen.

          Hingegen hob Michael Winkler, Anlagestratege der St. Galler Kantonalbank, hervor: „Niemand kann momentan seriös vorhersagen, wie sich die Situation in den kommenden Tagen entwickeln wird.“ Das Geschehen an den Märkten sei von „Angst und Panik“ dominiert, und entsprechend hektisch gehe es zu. Diese Hektik werde in den nächsten Wochen anhalten. Das bedeute insbesondere weiterhin starke Kursschwankungen, noch verstärkt durch Handelsprogramme und Trendfolgesysteme. Die konjunkturellen Bremsspuren des Coronavirus hingegen seien noch gar nicht abschätzbar.

          Was aber können Anleger überhaupt in so einer Situation tun? Ulrich Stephan, Chefanlagestratege der Deutschen Bank für Privat- und Firmenkunden, meinte auf Anfrage: „Wichtig ist, dass Anleger nicht in Panik verfallen.“ Das Risiko im eigenen Depot sollte breit gestreut werden. In das Depot gehörten nicht nur Aktien, sondern zudem sichere Bundesanleihen und auch ein bisschen Gold.

          Wer Nerven hat, kauft nach

          „Und wer starke Nerven, viel Mut und einen langen Anlagehorizont hat, der kann in den kommenden Wochen erste Positionen dazukaufen“, meint Stephan. Für viele Anleger dürfte die Situation aber noch zu riskant und unübersichtlich sein. Die Aktienkurse könnten zwischenzeitlich durchaus noch tiefer fallen als heute, sagte der Anlagestratege der Deutschen Bank: „Per Jahresende dürften sich die Märkte aber erholt haben.“ Ähnlich wie an den Aktienmärkten ging es am Montag auch am Ölmarkt auf und ab. Morgens verteuerte sich der Ölpreis der Nordseesorte Brent zunächst von rund 48 auf 52 Dollar je Barrel (Fass zu 159 Liter), später ging es wieder abwärts, bevor der Preis um 50,50 Dollar schwankte. Das Coronavirus wurde als wichtigster Treiber für die Preisschwankungen bezeichnet, weil eine Schwächung der Konjunktur die weltweite Nachfrage nach Öl vermindern könnte. In der Vorwoche waren die Rohölpreise so stark gefallen wie seit mehreren Jahren nicht mehr.

          Auch Benzin an der Tankstelle ist wegen des Coronavirus günstiger geworden, wie das Internetportal Clever-Tanken am Montag berichtete. Demnach zahlten Autofahrer je Liter Super E10 im Februar im Mittel  1,3766 Euro. Das waren rund 2 Cent weniger als im Januar. Ähnlich günstig war Super E10 zuletzt im November 2019. Noch deutlicher zeigte sich der Unterschied bei den Dieselpreisen. Durchschnittlich kostete der Liter Diesel im Februar 1,23 Euro – und damit rund 6 Cent weniger als im Januar.

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