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Coronavirus : Chinas Anleger haben Angst

Leere in der Rushhour: Eine Frau mit Mundschutz an einer sonst stark frequentierten U-Bahn-Station in Peking. Bild: dpa

Nachdem das Coronavirus nun mehr Menschen in China getötet hat als Sars, rauschen die Kurse bei der Wiedereröffnung der Festlandbörsen ab. Das Land steht still. Selbst Wissenschaftler werden gewarnt: „Passen Sie auf sich auf!“

          3 Min.

          Chinas Wirtschaftsplaner hatten am Wochenende versucht, mit allerlei zahlengewaltigen Ankündigungen das Schlimmste zu verhindern. Insgesamt 1,2 Billionen Yuan (156 Milliarden Euro) werde sie in die Finanzmärkte leiten, teilte die Zentralbank mit – damit es am Montag, so die Botschaft, keinen Crash gibt, wenn die Festlandbörsen in Schanghai und Shenzhen nach der wegen der Coronakrise verlängerten Feiertagspause nach dem chinesischen Neujahrsfest wieder starten.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Einen Crash gab es am Montagmorgen in der Tat nicht. Doch weil davon auszugehen ist, dass staatliche Fonds wie in der Vergangenheit auf Geheiß der Regierung in großem Stil gekauft haben, um die Kurse zu stützen, bleibt angesichts eines Kursverlustes von zwischenzeitlich 9 Prozent des Leitindexes Shanghai Composite festzustellen: Chinas Anleger haben Angst.

          Weniger als gesagt

          Kein Wunder, schließlich ist der Nettoeffekt eigentlich viel kleiner und weniger beeindruckend als die kommunizierte Billionenenzahl, die die Regierung angeblich den Märkten zukommen lässt. Weil am Montag allerlei kurzfristige Finanzierungen auslaufen, gibt die Zentralbank laut Berechnung von Bloomberg unter dem Strich nur 150 Milliarden Yuan (etwa 20 Milliarden Euro) zusätzlich, um Chinas Wirtschaft zu stützen. Das ist nicht viel mehr als sie es im vergangenen Jahr während des Handelskrieges mit Amerika mehrere Male getan hat, um Banken und Kursen unter die Arme zu greifen.

          Mehr beschäftigt haben dürfte die Anleger die neue Zahl der vom Virus Getöteten, die die Behörden am Sonntagabend verkündeten: Mit 361 Opfern sind damit am Coronavirus mehr Menschen in China gestorben als vor 17 Jahren an der Sars-Pandemie, die im Land nach offiziellen Angaben 349 Todesopfer hatte. Auf der ganzen Welt hatte das Sars-Virus damals 774 Menschen getötet. Seit Ausbruch des Coronavirus' ist außerhalb Chinas nur ein Todesopfer bekannt, und zwar auf den Philippinen.

          Wie die Börsenwoche nun weit weitergeht, ist derzeit nicht absehbar. Während die Anleger Aktien der nach Bilanzsumme weltgrößten Bank, der ICBC, am Montag massenhaft verkauften und den Kurs zwischenzeitlich 7 Prozent in die Tiefe schickten, kauften die vielen Einzelanleger, die Chinas Festlandsbörsen dominieren, die Wertpapiere von Pharmaunternehmen.

          Kurse können an Chinas Festlandsbörsen nur um maximal 10 Prozent sinken, dann werden sie vom Handel ausgesetzt. Gut möglich, dass der Kursverfall im Lauf der Woche weitergeht, wenn die Todeszahlen weiter schnell steigen. Infiziert sind laut Stand Sonntagabend mit dem Virus in China und dem Rest der Welt mehr als 17.000.

          Klar dürfte sein, dass die chinesische Volkswirtschaft das 1. Quartal abschreiben kann. Dessen Wirtschaftswachstum werde nach dem Stand jetziger Schätzungen um 2 Prozentpunkte niedriger als erwartet ausfallen, schrieb am Montag das Analysehaus Oxford Economics. Selbst wenn die Krise im zweiten Quartal ausgestanden sei und die Konjunktur wieder stark anziehe, dürfte das Wachstum im Gesamtjahr im Vergleich zu 2019 nur 5,4 Prozent betragen, was zu den Schätzungen vor Ausbruch des Virus eine Minderung um 0,6 Punkte bedeutet.

          „Passen Sie auf sich auf!“

          Betroffen von der Virus-Angst sind neben der Transport- und Reisebranche in Chinas Wirtschaft vor allem der Einzelhandel und der Dienstleistungssektor. Der iPhone-Hersteller Apple hat alle seine Läden auf dem Festland geschlossen. Kinos und Restaurants sind zu; die Menschen sind angehalten, sich nicht aus ihren Wohnungen zu begeben.

          Städte wie Schanghai und Suzhouz sowie Provinzen wie Guangdong, Zhejiang und Jiangsu, die Industriezentren sind und einen großen Teil der chinesischen Wirtschafsleistung erbringen, haben fast alle Geschäftstätigkeit bis zum 9. Februar untersagt. Ohnehin kommen aus dem Ausland kaum noch Geschäftsleute nach China; Berater von McKinsey aus deutschen Büros berichten, ihre Kunden in China hätten sie wieder abbestellt.

          Auch Chinas Ökonomen bleiben daheim, um sich nicht anzustecken. Das „Chinese Economists 50“-Forum, das jedes Jahr die prominentesten Wirtschaftswissenschaftler und Regulatoren des Landes versammelt, wie beispielsweise den Zentralbankgouverneur Yi Gang, wurde ebenfalls am Sonntag abgesagt. Das Treffen, das vom stellvertretenden Ministerpräsidenten Liu He geleitet wird, der die Verhandlungen im Handelskrieg geführt hat, sei nur verschoben, teilten die Veranstalter mit.

          Auf welches Datum, wollten sie lieber nicht sagen. Stattdessen gaben sie den Wirtschaftslenkern und Professoren eine Warnung mit: Diese sollten „angemessene Vorkehrungen“ gegen das Virus ergreifen. „Passen Sie auf sich auf!“

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