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Main-Incubator : Commerzbank prüft Maschinen für die Aktienanalyse

DAX-Anzeigentafel: Wohin es geht? Bild: AFP

Ein Test der Commerzbank endet vielversprechend: 75 Prozent der Inhalte von Aktienanalysen konnten automatisch erstellt werden.

          2 Min.

          Schon heute produziert das 2008 gegründete Unternehmen Retresco automatisierte Texte über Fußballspiele, überwiegend der 3. Liga. Die Texte basieren auf Daten, die Retresco über Schnittstellen von externen Datenlieferanten erhält, etwa aus dem Spielbericht des Schiedsrichters. Retrescos Algorithmen werten die Daten aus, analysieren sie und formulieren einen Text. Wenige Sekunden, nachdem der Schiedsrichter das Spiel abgepfiffen hat, ist der Kurzbericht fertig und wird über Internetseiten wie Facebook oder Twitter verbreitet.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Weil in die Spielberichte viele Schlagworte einfließen, die – wie die Maschine kontinuierlich weiter dazulernt – Nutzer in Suchmaschinen wie Google oft verwenden, werden die Texte im Internet immer leichter gefunden. Der Leser merkt, wenn überhaupt, nur selten, dass der Artikel nicht von einem Menschen, sondern von einer Maschine verfasst worden ist.

          Kein Wunder, dass auch Banken prüfen, wie sie Maschinen zur Verarbeitung vieler Daten mit Hilfe künstlicher Intelligenz einsetzen können. Die Commerzbank ist hier besonders rege. Ihre Beteiligungsgesellschaft für Start-ups namens Main-Incubator hat sich 2016 an Retresco beteiligt, um die Entwicklung automatisierter Texte für die Finanzbranche zu beschleunigen, wie es damals hieß. Da Banken und Fondsgesellschaften ihre Kunden immer öfter und detaillierter über die Entwicklung ihrer Wertpapierdepots und über einzelne Fonds informieren müssen, steigen die Kosten, und der Rationalisierungsdruck nimmt zu. Retrescos Technik ist offenbar dazu fähig, aus Datenanalyse sofort („in Echtzeit“) Finanzberichte in elf Sprachen zu generieren.

          Zahlen sind Trumpf

          Daher sucht die Commerzbank nun nach weiteren Einsatzmöglichkeiten. Der Main-Incubator versteht sich als Labor oder Entwicklungsabteilung der Bank. Ziel ist es, die Technik der 14 Unternehmen, bei denen der Main-Incubator inzwischen Miteigner geworden ist, gemeinsam weiter zu entwickeln und möglichst in die Geschäftsabläufe der Commerzbank einzubauen. Im Fall von Retresco könnte das bald gelingen. Wie Michael Spitz, der Vorsitzende der Geschäftsführung des Main-Incubator, erzählt, fand von November 2017 bis Februar 2018 ein bemerkenswerter Test statt.

          Die Commerzbank beschäftigt fast 100 Analysten, die täglich eine Vielzahl an Studien zu Wertpapieren und Volkswirtschaften erstellen. Darin beurteilen die Analysten für ihre Kunden Chancen und Risiken. Geprüft wurde nun, inwiefern diese Analysen künftig auch mit Hilfe einer Maschine von Retresco erstellt werden könnten.

          Das Ergebnis des Prototyps fasst Spitz im Gespräch mit der F.A.Z. so zusammen: „Es ist schwierig, Analysen ohne ein festes Gerüst, etwa volkswirtschaftliche Studien mit einer automatischen Textmaschine zu verfassen. Aber Aktienanalysen, die nach einer Quartalsberichterstattung der Unternehmen auf bestimmte Kennziffern wie Kurs-Gewinn-Verhältnisse abheben, konnten zu 75 Prozent mittels Maschine learning erstellt werden.“

          Spitz betont, es gehe nicht darum, den menschlichen Analysten überflüssig zu machen, sondern ihn zu unterstützen – etwa von Routinetätigkeiten zu entlasten. Nun liege der Ball in der Fachabteilung. „Wir haben den Einsatz der Maschine nur an einer kleinen Auswahl an Studien getestet. Jetzt muss die Fachabteilung prüfen: Wie verlässlich ist das?“ Wert legt Spitz darauf, dass in den heutigen selbstlernenden Maschinen noch keine künstliche Intelligenz (KI) stecke. „Alle reden zwar von KI, aber noch haben diese Maschinen weder ein Gewissen noch sind sie zu Gefühlen fähig. Sie haben antrainiertes Wissen, das sie selbst weiterentwickeln“, erklärt Spitz.

          Das gelte auch für drei andere Beteiligungen des Main-Incubators: Gini, einem digitalen Belegeerfasser, Lana Labs, einer Software zum automatischen Soll-Ist-Vergleich von Geschäftsprozessen, und E-Bot-7, das Kundenanfragen durch den Chatbot automatisiert versendet.

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