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Zhou Xiaochuan : Chinas Notenbankchef warnt vor Einbruch an Finanzmärkten

Chinas Notenbankchef Zhou Bild: Reuters

In China läuft das wichtige Treffen der Kommunistischen Partei. Am Rande spricht der renommierte Zentralbankchef des Landes eine brisante Warnung aus. Das ist nicht die einzige Sorge, die gerade die Runde macht.

          An den Finanzmärkten wächst die Furcht vor einer Kurskorrektur. Am Donnerstag warnte der chinesische Notenbankgouverneur Zhou Xiaochuan auf dem Kongress der Kommunistischen Partei vor einem „Minsky-Moment“. Er spielte damit auf eine Theorie des amerikanischen Ökonomen Hyman Minsky an, wonach ein langer Kursaufschwung an den Börsen plötzlich zu einer scharfen Kurskorrektur führen kann.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Die Bedenken von Zhou ließen die Rekordjagd an den Börsen vorerst enden. Der Dax verlor am Donnerstag im Handelsverlauf fast 1 Prozent auf 12930 Punkte. Es war der 30. Jahrestag des Schwarzen Montags, an dem an der Wall Street der Dow-Jones-Index mit minus 23 Prozent den höchsten Tagesverlust seiner Geschichte verzeichnet hatte. Als Risiken nannte Zhou in seiner Rede die hohe Verschuldung chinesischer Unternehmen und Haushalte. Er hält eine zu starke Zuversicht für bedenklich, weil sich Spannungen aufbauen können, die sich irgendwann in einer scharfen Kurskorrektur entladen.

          Die Befürchtungen der chinesischen Notenbank werden in Europa begleitet von zunehmenden Sorgen wegen der lockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Nach einer aktuellen Umfrage des Center for Financial Studies (CFS) der Frankfurter Goethe-Universität besteht in der deutschen Finanzbranche große Einigkeit darüber, dass sich Blasen auf den europäischen Finanzmärkten durch die expansive Geldpolitik gebildet haben oder noch bilden werden, wenn diese Politik fortgesetzt wird. Mit Blick auf die Aktien- und Immobilienmärkte äußerten 92 Prozent der befragten Manager diese Sorge.

          Die Umfrage verdeutlicht die Zweifel

          Auch in der EZB sorgen die langfristigen Wirkungen der Anleihekäufe von derzeit noch immer 60 Milliarden Euro für Zweifel. In der vergangenen Woche warnte EZB-Direktor Benoît Cœuré am Rande der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington vor den negativen Folgen eines zu langen Festhaltens an dem sehr expansiven Kurs. Dann bestehe die Gefahr von Finanzblasen, sagte er. Dazu kann auch eine zu sorglose Bewertung der Risiken zum Beispiel von Krediten führen, worauf Bundesbankpräsident Jens Weidmann mit Blick auf die Anleihekäufe regelmäßig hingewiesen hat. In dieser Woche legte Vizepräsidentin Claudia Buch, die im Bundesbank-Vorstand für den Bereich Finanzstabilität zuständig ist, in einer Veranstaltung des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) nach: Ihrer Ansicht nach bergen die niedrigen Zinsen und die hohen Bewertungen von Wertpapieren und Immobilien die Gefahr, dass die Risiken im Finanzsystem unterschätzt werden. Die CFS-Umfrage zeigt auch die Zweifel daran, ob die expansive Geldpolitik der EZB wirklich das Ziel erreicht, die Inflationsrate zu erhöhen und die Realwirtschaft anzukurbeln. Nur 12 Prozent halten die EZB-Geldpolitik für klar wirksam, 49 Prozent halten sie für zum Teil wirksam; 38 Prozent sind der Meinung, dass die Ziele nicht erreicht wurden.

          „Die Umfrage verdeutlicht die Skepsis der Marktteilnehmer gegenüber der Wirksamkeit der geldpolitischen Strategie der EZB“, sagt CFS-Geschäftsführer Volker Brühl. „Insbesondere die Befürchtung einer Blasenbildung in bestimmten Assetklassen sollte die EZB sehr ernst nehmen.“ Mehr als drei Viertel (78 Prozent) der befragten Finanzmarktteilnehmer wünschen einen raschen Ausstieg der EZB aus der expansiven Geldpolitik mit den billionenschweren Anleihekäufen, nämlich schon im ersten Quartal 2018. Doch nur jeder Vierte rechnet damit, dass es dazu kommt. Am 26. Oktober trifft sich der EZB-Rat und wird einen Beschluss über eine Fortführung des Anleihekaufprogramms mit einem reduzierten Kaufvolumen fällen.

          „Mit der Sorglosigkeit wächst die Gefahr von Blasen“

          „Auf jeden Fall stellen wir fest, dass die Sorglosigkeit der Anleger zunimmt“, sagte Stefan Hofrichter, Chefvolkswirt der Allianz Global Investors, auf Anfrage dieser Zeitung. Als Beispiel nannte er die hohen Bewertungen am amerikanischen Aktienmarkt oder der Anleihen bonitätsschwacher Unternehmen (High Yield Bonds) bei gleichzeitig niedriger Volatilität. So befindet sich der Volatilitätsindex für den Dax, der V-Dax, auf einem Rekordtief. Je tiefer dieser Index liegt, desto geringer sind die Befürchtungen an den Finanzmärkten vor Kursschwankungen.

          Anfang September hatte der Deutsche-Bank-Chef John Cryan deshalb schon vor einer zu großen Sorglosigkeit an den Finanzmärkten gewarnt. Das sieht auch Hofrichter so: „Mit der Sorglosigkeit wächst die Gefahr von Blasen.“ Doch nach seiner Erfahrung geht einer Blase immer ein starker Anstieg der privaten Verschuldung voraus. Die sieht er bisher nur im amerikanischen Unternehmenssektor sowie in einigen Schwellenländern. Das deckt sich mit der Befürchtung des chinesischen Notenbankgouverneurs, der auf die hohe private Verschuldung in China verwiesen hatte.

          Den niedrigen V-Dax-Stand wertet Felix Herrmann, Kapitalmarktstratege des Vermögensverwalters Blackrock in Deutschland, deutlich positiver: „Aus unserer Sicht ist die niedrige Schwankungsintensität an den Märkten vor allem eines: Ausdruck eines sehr robusten Wachstumsumfeldes einerseits sowie einer insgesamt weiter stark expansiven Geldpolitik andererseits.“ Die Analysen von Blackrock zeigten, dass die Volatilität an den Finanzmärkten in der Vergangenheit immer dann gering gewesen sei, wenn auch die Fundamentaldaten robust und wenig volatil gewesen seien. „Und genau das ist gegenwärtig der Fall“, fügt Herrmann hinzu. Hofrichter sieht den Schlüssel zur weiteren Entwicklung in der Geldpolitik. „Eine Richtungsänderung der expansiven Geldpolitik würde eine Blasenbildung abbremsen, ebenso wenn sich die Konjunktur abschwächen würde. Für beides kann ich aber keine Anzeichen erkennen“, gibt der Chefvolkswirt von Deutschlands größtem Vermögensverwalter zu Bedenken.

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