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Chefstratege von Blackrock : „Draghi hat einen Bombenjob gemacht“

Die Frankfurter Bankenwelt im Rücken; Der Blackrock-Kapitalmarktstratege Martin Lück spricht mit der F.A.Z. über aktuelle politische Risiken und die Börsen. Bild: Wolfgang Eilmes

Was lässt einen Kapitalmarktstrategen nachts nicht schlafen? Martin Lück von Blackrock blickt auf die Krisenherde der Welt und erklärt im FAZ-Gespräch, wieso Trump sich in einer zweiten Amtszeit auf die Börsen konzentrieren könnte.

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          Die Welt war immer ein unsicherer Ort, sagt Martin Lück, Leiter für die Kapitalmarktstrategie von Blackrock in Deutschland. Im Gespräch mit der F.A.Z. blickt er auf die unterschiedlichen Krisenherde der Welt, die nicht nur die Politik, sondern auch die Märkte bewegen.

          Antonia Mannweiler

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Lück beginnt mit Amerika und China. Es gibt derzeit wohl kein anderes Thema, das die Märkte so sehr bewegt wie der Handelskonflikt zwischen der größten und zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass es dabei um viel mehr als um das Handelsbilanzdefizit der Amerikaner geht. „Es geht um eine strategische Rivalität“, sagt Lück. Und um Zugriffsrechte auf knappe Ressourcen. Dennoch – aus Sicht von Lück glaubt der amerikanische Präsident Donald Trump wirklich, dass das Handelsbilanzdefizit der Amerikaner durch die Importzölle auf chinesische Produkte sinkt. „Das ist natürlich Quatsch. Die Wahrheit ist, dass die Amerikaner mehr verbrauchen und sich deswegen im Ausland verschulden.“ Trumps Argumentation sei dagegen flach und kurzfristig, findet Lück. Sie sei vor allem so, dass sie jeder Amerikaner verstehen könne.

          Beim zweiten Mal kümmert sich Trump um die Börsen

          Lück glaubt aber nicht, dass Trump auf eine Verschärfung des Handelskonfliktes aus ist, vor allem nicht während seines Wahlkampfes für eine zweite Amtszeit. „Trump will im Wahlkampf auf jeder einzelnen Veranstaltung sagen können: Ich habe den größten Deal ausgehandelt.“ Aktuell sei es aber noch zu früh, den „Plot aufzulösen“, meint Lück. Trump werde das jedoch machen, bevor negative Konsequenzen sichtbar werden. Es sei also eine Frage des „richtigen Timings“. Noch am Donnerstag erklärte Trump, dass die Zoll-Decke noch nicht erreicht sei: Er könne noch um weitere 300 Milliarden Dollar nach oben gehen. Sollte dies so kommen, würde das vermutlich für zusätzliche Nervosität der Finanzmärkte und schwächere Wachstumsaussichten sorgen. Die Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung der amerikanischen Notenbank Fed würde dann steigen.

          Lück erklärt die Zölle aber nicht zu einem Dauerthema. Gewinne Trump ein zweites Mal die Wahlen, werde er daran arbeiten, dass die Börsen weiter gut laufen. Der amerikanische Präsident werde dann ganz andere Ziele verfolgen und seinen Weg in die Geschichtsbücher suchen, sagt Lück. Dabei nennt er explizit den Friedensnobelpreis.

          Der steht jedoch im starken Kontrast zu einem weiteren Spannungsfeld, auf dem sich der amerikanische Präsident aktuell bewegt. „Das Risiko einer Eskalation in Iran ist groß“, sagt Lück. Auch wenn er nicht glaube, dass es zu einem „heißen Konflikt“ kommen könne. Der Präsident spekuliere seit der Aufkündigung des Iran-Abkommens auf einen besseren Deal. Dass er diesen bekommt, daran äußert Lück Zweifel. Damals kam eine Konstellation zustande, die es so nicht mehr geben werde, findet er. Mit Blick auf die aktuellen politischen Spannungen unter den damaligen Partnern sei es ausgeschlossen, dass es dazu komme. „Den Iran-Deal aufzukündigen war einer der gefährlichsten Aktionen der letzten zehn Jahre im Nahen Osten“, konstatiert er daher. Im schlimmsten Fall werde der Druck auf Iran so groß werden, bis dort radikale Kräfte wieder an die Macht kommen könnten. Sollten neben Iran noch andere große Öllieferanten der Region in den Konflikt hineingezogen werden, dürften Sorgen um eine Verknappung des Ölangebots zunehmen – steigende Ölpreise wären die Folge.

          Lück spricht auch über Europa. Und darüber, dass der Kontinent seine Stärke nicht wirklich ausspiele. Zwar habe Europa ein wirtschaftliches Gewicht, aber keine Stimme. Das liege auch daran, dass nationale Interessen über europäischen Interessen lägen. Die Kleinteiligkeit sei eine „Schande“, findet Lück. Die Kommunikation in Bezug auf Europa sei nicht ehrlich. So müsse man „auch mal eine Kröte schlucken – das sollte die politische Message sein“. Wer den Euro retten wolle, müsse daher auch eine Transferunion akzeptieren.

          Auch wenn Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), viel Gegenwind erfahre, habe er in den vergangenen Jahren einen „Bombenjob gemacht“. Er sei ein hervorragender Chef, der einen großen Teil dazu beigetragen habe, dass es Europa noch so gebe. Dabei habe sich der Kontinent immer nur dann weiterentwickelt, wenn er kurz vor dem Scheitern war, meint Lück. Gerade mit Blick auf den Brexit habe Europa bewiesen, dass es die Reihen schließe, wenn es darauf ankomme. „Wir dürfen nicht zulassen, dass ein Keil zwischen uns getrieben wird“, sagt Lück. Zum Beispiel dann, wenn es um Forderungen der Amerikaner gehe, dass die Europäer ihnen mehr Agrarprodukte abnehmen – gerade weil das Trumps Wählerschaft betreffe. Damit lege Trump einen Interessenkonflikt zwischen Deutschland und Frankreich offen, weil das im Widerspruch zu den französischen Interessen und deren Fokussierung auf Agrarprodukte liege. Es sei also wichtig, Kompromisse zu finden. „Wir sind in diesem Club gefangen – mit gemeinsamen Interessen“, sagt Lück. Am Ende obsiege immer die Vernunft. Diese Hoffnung bleibe bei ihm bestehen.

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