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Chaos an den Börsen : Zum Aussteigen zu spät

Dramatische Tage an der Börse. Bild: Wolfgang Eilmes

Angesichts abermals stark fallender Kurse stellt sich wieder die Frage: Jetzt noch die Reißleine ziehen? Doch dafür ist es zu spät.

          4 Min.

          Es sind außergewöhnliche Zeiten. Ohne Vorankündigung hat sich die Welt über Nacht verändert. Der Alltag, aber ebenso auch die Welt der Geldanlage. „Ich denke, dass mindestens noch zwei Wochen alles schlimmer wird, das Virus sich weiter ausbreitet eben auch in Europa, da haben wir den Zenit ja noch nicht überschritten im Gegensatz zu China möglicherweise“, sagte Bernhard Langer in einem Interview F.A.Z. – am 28. Februar, also vor zweieinhalb Wochen.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Kurse fallen und fallen, allein in der vergangenen Woche gaben die Börsennotierungen in Deutschland um 20 Prozent nach und an diesem Montag zeichnet sich ein sattes Minus ab von bislang mehr als 8 Prozent. Wer seit Beginn des Kursrutsches nicht schon alle Aktien, ETF, Investmentfonds und alles andere verkauft hat – und darob erst einmal froh sein dürfte – fragt sich seitdem: Sollte ich nicht auch verkaufen?

          Eins vorweg: Rechtlich sind alle gängigen Anlagen, also Aktien, Anleihen oder ETF- und Fondsanteile gesichert. Selbst wenn die Depotbank in die Insolvenz ginge, gehören sie stets den Anlegern, die sie gekauft haben und nicht der Bank. Es mag Schwierigkeiten geben, auf diese Vermögenswerte zuzugreifen, aber das Eigentum ist gesichert. Doch ganz ehrlich: Diese Situation will man sich nicht nur nicht vorstellen – wenn sie denn einträte, gäbe es mit Sicherheit noch drängendere Sorgen.

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          Wer also nicht gerade ein apokalyptisches Szenario erwartet, dem stellen sich nun zwei Fragen: Lohnt es, jetzt noch zu verkaufen? Und was mache ich mit dem Geld?

          Letztlich hängt dies von der Entwicklung der Weltwirtschaft ab. Der wirtschaftliche Schock durch die Pandemie scheint die Vorstellungskraft derzeit zu übersteigen: Im Februar fiel die Industrieproduktion in China um 13,5 Prozent, die Investitionen um 24,5 und die Einzelhandelsumsätze um 20,5 Prozent. Prognostiziert worden war ein Minus von jeweils drei, zwei und vier Prozent. Diese Dimensionen zeigen deutlich, wie wenig sich die Folgen immer noch auf Dauer abschätzen lassen.

          Blickt man auf die historischen Bärenmärkte, also durchschnittliche Kursrückgänge am Aktienmarkt von 20 Prozent oder mehr, so geben diese kein einheitliches Muster ab. In den vergangenen 100 Jahren dauerte ein Bärenmarkt an der amerikanischen Börse zwischen 9 Wochen (1940) und drei Jahren (1946 bis 1949). Der Kursrückgang betrug zwischen 20 Prozent (1990) und 86 Prozent (1929 bis 1932) und auch die Schärfe war mit minus 11 bis minus 86 Prozent auf Jahresbasis höchst unterschiedlich.

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          Zudem fehlen für den aktuellen Bärenmarkt historische Erfahrungen völlig. Der Absturz erfolgte ungewöhnlich rasch und völlig unvorhergesehen. Die Weltfinanzkrise mag im Jahr 2008 viele Anleger überrascht haben, aber ganz unerwartet kam sie nicht. Dass sich unsolide Immobilienfinanzierungen zu einer Finanzkrise zuspitzen würden, war für Experten durchaus absehbar – das Coronavirus war es nicht. Ähnliches gilt für die Überbewertung der Technologieaktien im Jahr 2000 und das Abflauen des damaligen Investitionsbooms.

          Selbst die Weltkriege helfen als Vergleichsmaßstab nicht richtig weiter, da ihr Effekt weniger weltumspannend und nicht so kurzfristig war. Eine Pandemie, die das Wirtschaftsleben der Welt binnen kürzester Zeit lähmt, das ist neu.

          Manch ein Experte ist indes optimistisch. „Den Großteil des Weges haben wir mit hoher Wahrscheinlichkeit aber hinter uns“, sagt etwa Robert Greil, Chefstratege des Bankhauses Merck Finck. Andere sind es weniger. Christian Kahler, der Chefstratege der DZ Bank, verweist darauf, dass in den Vereinigte Staaten die Kurse noch nicht so stark eingebrochen sind wie in Europa.

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