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Chancen am Aktienmarkt : Die Börse wartet auf Jerome Powell

Die Federal Reserve Bank in Washington. Bild: AFP/Andrew Caballero-Reynolds

An den Finanzmärkten ist die Bereitschaft zurück, ins Risiko zu gehen. Ob es dabei bleibt, hängt nicht zuletzt von der amerikanischen Geldpolitik ab.

          Mit besonderer Spannung warten viele Teilnehmer auf den kommenden Mittwoch. Dann wird der Vorsitzende der amerikanischen Notenbank Federal Reserve, Jerome Powell, auf einer Pressekonferenz zur wirtschaftlichen und geldpolitischen Lage sprechen. Geldpolitische Entscheidungen werden in dieser Woche nicht erwartet, aber anders als seine Vorgänger will Powell nicht nur alle vier Monate mit den Medien sprechen, sondern viel häufiger. Und für den Fortgang der Hausse an den Aktienmärkten dürften Powells Einschätzungen wichtig sein.

          Die Macht der Fed an der Börse zeigte sich Ende vergangenen Jahres. Zunächst hatte Powell nach der Dezembersitzung der Fed für das Jahr 2019 mit Verweis auf die robuste Konjunktur zwei weitere Leitzinserhöhungen in Aussicht gestellt. Dies hatte die Baisse an den Börsen erheblich beschleunigt. Kurz darauf hielt der wegen der Zinserhöhungen von Präsident Donald Trump hart kritisierte Vorsitzende der Notenbank eine Rede, in der er ein flexibles Vorgehen der Fed für das neue Jahr ankündigte.

          Darauf drehte die Stimmung an den Börsen, und die seitherige Erholung am Aktienmarkt dauert immer noch an. So hat der S&P-Index für 500 Werte seit Weihnachten rund 13 Prozent zugelegt. Fragt man technische Analysten nach ihrer Einschätzung der Börse, ist häufig zu hören: Die Erholung muss noch nicht zu Ende sein, aber ist bislang noch nicht so stark, dass sie die Gefahr einer längerfristigen Baisse gebannt hätte. Deswegen ist wichtig, ob der Aktienmarkt noch einmal einen weiteren Schub erhält.

          Einschätzungen von Großbanken

          Aus der Sicht der Großbank JP Morgan ist in den aktuellen Renditen amerikanischer Staatsanleihen die Annahme berücksichtigt, dass die Fed in der Erwartung eines langsameren Wirtschaftswachstums im laufenden Jahr ihren Leitzins nicht mehr erhöht. Sowohl der Markt für amerikanische Aktien als auch der Markt für Unternehmensanleihen mit schwächerer Bonität seien aber noch nicht so weit.

          „Sollte die Fed ihre geldpolitische Straffung beenden, könnten diese Märkte ihre Höchststände aus dem Jahr 2018 testen“, heißt es im Hause JP Morgan Chase optimistisch. Für den S&P-500-Index bedeutete dies einen weiteren Zugewinn von mindestens 9 Prozent: „Die Aktienkurse steigen nach geldpolitischen Wendepunkten üblicherweise stark.“ Und die Renditeabstände zwischen amerikanischen Unternehmens- und Staatsanleihen dürften sich als Folge von Kursgewinnen bei den Unternehmensanleihen einebnen.

          Eine etwas andere Einschätzung ist von der amerikanischen Großbank Citi zu hören. Sie stellt zunächst fest, dass die Gewinnschätzungen der Analysten am Aktienmarkt derzeit besonders stark von vermuteten Änderungen des Wirtschaftswachstums abhängen. Und da die Citi eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums in den Vereinigten Staaten erwartet, geht sie von Reduzierungen der Gewinnschätzungen aus. Daher setzt sie keine großen Hoffnungen in den amerikanischen Aktienmarkt. Stattdessen empfiehlt sie, amerikanische Unternehmensanleihen und Aktien aus Schwellenländern zu erwerben.

          Ein Auge auf die Politik

          Die schweizerische Großbank UBS sieht weitere Chancen am Aktienmarkt, warnt aber auch vor blinder Euphorie. Ihr Anlagestratege Mark Haefele erinnert zunächst an die Kursverluste im vierten Quartal und analysiert: „Seitdem hat die Fed den Märkten versichert, dass sie ihre Politik von den Daten abhängig machen werde, und auch die Gespräche zwischen den Vereinigten Staaten und China erscheinen konstruktiver. Sollten die politischen Entscheidungsträger ihren jüngsten Worten Taten folgen lassen, haben die Anleger Grund zum Optimismus“, schreibt Haefele.

          Aber den Hoffnungen müssen auch Taten folgen: „Wir müssen aber auch darüber nachdenken, ob die Fed die Zinsen bei einer angespannten Arbeitsmarktlage wirklich stabil halten kann und ob sich die Vereinigten Staaten und China bei Schlüsselthemen wie dem Schutz geistiger Eigentumsrechte deutlich angenähert haben. Daher müssen die Anleger auf potentielle politische Enttäuschungen gefasst sein.“

          Auch Franck Dixmier von der Fondsgesellschaft Allianz Global Investors sieht in einer Pause im Zinserhöhungszyklus der Fed eine Chance auf weitere kurzfristige Kursgewinne am Aktienmarkt. Aber wie Haefele rät Dixmier, einen Blick auf die längerfristigen Perspektiven zu werfen: „Wir rechnen nicht mit Leitzinsanhebungen im Januar oder März. Das wirft die Frage auf, ob dies nur eine Unterbrechung oder das Ende des Zinserhöhungszyklus in den Vereinigten Staaten ist.“

          Hoffnungen auf Schwellenländer

          Und hier verweist Dixmier auf die Möglichkeit, dass Zinserhöhungen nur aufgeschoben würden, aber entgegen der Ansicht der Teilnehmer an den Anleihemärkten später schon noch kommen könnten. „Unserer Ansicht nach wird die Fed jedoch Flexibilität behalten wollen. Eine Zinserhöhung im Jahr 2019 ist somit nicht gänzlich auszuschließen. Bei einer Arbeitslosenquote von unter 4 Prozent bleibt das amerikanische Wachstum über der Potentialrate, und steigende Löhne könnten die Inflation anheizen.“

          Auch die britische Barclays Bank sieht Chancen am Aktienmarkt und wie ihre Konkurrentin Citi blickt sie vor allem hoffnungsvoll auf die Aktienmärkte in den Schwellenländern. Sie erinnert daran, dass in den vergangenen Wochen zwar die Aktienkurse deutlich gestiegen seien, aber viele Großanleger, darunter Hedgefonds, die Erholung verpasst hätten und daher in den kommenden Wochen mit weiteren Aktienkäufen zu rechnen sei.

          Der Trend zugunsten von Aktien in Schwellenländern ist auch aus amerikanischen Daten über Zuflüsse in Fonds erkennbar. 15 Wochen in Folge waren dort nun Schwellenländerfonds gefragt. Besonders viel amerikanisches Geld fließt derzeit in die Aktienmärkte in China, Südkorea, Taiwan, Brasilien, Indien und Südafrika.

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