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Esma-Kandidat : „Eine Kapitalmarktunion wäre jetzt nützlich“

Carmine Di Noia Bild: Consob

Der Italiener Carmine Di Noia ist ein Kandidat für die europäische Finanzmarktaufsichtsbehörde Esma. Er plädiert für eine vertiefte Kapitalmarktunion und möchte den Zugang zum Kapitalmarkt für Investoren erleichtern.

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          Derzeit würde eine Vertiefung und Vereinheitlichung des europäischen Kapitalmarktes viel Nutzen bringen, sagt in Rom eines der Vorstandsmitglieder der italienischen Börsenaufsicht Consob, Carmine Di Noia. Der Italiener ist derzeit einer von zwei Kandidaten für das Spitzenamt der europäischen Finanzmarktaufsichtsbehörde Esma – neben der Kandidatin Verena Ross mit einem deutsch-britischen Hintergrund.

          Tobias Piller
          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Aus Sicht von Di Noia liefern sowohl der Brexit als auch das irgendwann bevorstehende Ende der Corona-Krisen neue Argumente für einen besser funktionierenden europäischen Kapitalmarkt. Es gehe nicht darum, die Börsen der einzelnen Länder zu einer einzigen zu vereinen, sondern um eine bessere Integration der verschiedenen Märkte. Die derzeitige Fragmentierung habe vielfältige Gründe, in den Regeln, den Steuergesetzen, der Technik, aber auch in den Gewohnheiten. „Es sollte aber viel einfacher sein, von Deutschland aus in einem italienischen Unternehmen zu investieren oder etwa als deutsches Unternehmen italienische Investoren zu finden und umgekehrt“, sagt Di Noia.

          Vertiefte Kapitalmarktunion kann helfen

          Nach dem Ende der Corona-Krise werde es besonders wichtig sein, Investoren und Unternehmen näher zueinander zu bringen, als Anbieter und Nachfrager von Kapital. Viele Unternehmen müssten für den Aufschwung nach der Krise neue Finanztitel auf den Markt bringen, um sich zu finanzieren, andererseits gebe es in Europa viel Liquidität, die nach Anlagemöglichkeiten suche. Mit einer vertieften Kapitalmarkunion könne für alle der Nutzen erhöht werden.

          Das zweite Argument für ein neues Engagement zu einer Vereinheitlichung der Kapitalmärkte ist aus Sicht von Di Noia der Brexit. „Denn damit ist mit London der bisher größte Finanzmarkt aus der Europäischen Union ausgeschieden“, unterstreicht der Italiener Di Noia. Nun gehe es für die Europäer darum, auch ohne den Magneten London Kapital von außerhalb der EU anzuziehen. Dafür müsse Europa offen sein und genügend Vertrauen bieten. Für den Vertreter der Spitze der italienischen Börsenaufsicht ist auf dem Weg zu einem europäischen Finanzmarktsystem die Transparenz besonders wichtig. Di Noia unterstützt daher die Forderung nach einem einheitlichen Zugang zu allen Markt- und Unternehmensdaten, dem „single point of access“. Damit solle es Investoren leichter gemacht werden, an die Daten der einzelnen Unternehmen oder Märkte zu kommen.

          Consob als Vorreiter

          Die italienische Börsenaufsicht Consob sei derzeit noch eine der wenigen europäischen Institutionen ihrer Art, die im Internet für alle zugänglich zu allen börsennotierten Unternehmen auch deren wichtigsten Aktionäre publik mache. Auf eine Finanzmarktreform des ehemaligen Generaldirektors im Schatzministerium, Mario Draghi, geht zudem die Regel zurück, dass für jedes einzelne Mitglied im Verwaltungsrat auch die Zuwendungen aus dem Unternehmen veröffentlicht würden. Schließlich sei von Italien ein Programm für mittlere und kleinere Börsenkandidaten namens „Elite“ lanciert worden, das inzwischen über die Landesgrenzen hinausreiche. Damit verbreite man allgemeine Finanzmarktkultur und mache die Unternehmen bereit für einen späteren Börsengang.

          In der Praxis, muss Di Noia zugeben, ist es allerdings schwierig, mit der Kapitalmarktunion voranzukommen. Die Europäische Finanzmarktaufsicht wird geführt vom jeweiligen Chef der Esma und daneben den nationalen Verantwortlichen von 27 Finanzmarktaufsehern. „Da wird immer eine Einigung gesucht, auch wenn Mehrheitsabstimmungen möglich wären“, sagt Di Noia. Es gebe allerdings erste Erfolgsbeispiele, etwa eine gemeinsame Regulierung für die Kreditratingagenturen, oder die Verpflichtung für Akteure am Finanzmarkt, nach Leerverkäufen von Aktien größere Positionen öffentlich zu machen.

          „In Europa ist alle zehn Jahre eine neue Krise ein neuer Anlass, einen neuen Schritt in Richtung einer Integration der Finanzmärkte zu machen“, sagt der Italiener Di Noia, der sich seit seinem Studium in Rom und den Vereinigten Staaten mit wirtschaftlichen Institutionen, Finanzmärkten und Börsenaufsicht auseinandergesetzt hat. Sein Fazit zum Thema Kapitalmarktunion lautet: „Besser integrierte Märkte sind in Krisenzeiten auch widerstandsfähiger“.

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