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Joachim Nagel : „Die Inflationsrate könnte länger erhöht bleiben“

Wechsel an der Spitze der Bundesbank: Joachim Nagel folgt auf Jens Weidmann. Bild: dpa

Feierstunde für einen außergewöhnlichen Wechsel: Der neue Bundesbankpräsident Joachim Nagel verspricht Kontinuität im Geiste – und sieht die hohe Inflation keineswegs nur durch Sondereffekte der Pandemie hervorgerufen.

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          Es ist ein außergewöhnlicher Wechsel an der Spitze der Deutschen Bundesbank, der am Dienstag mit einer Feierstunde begangen wurde: Mitten in einer Phase mit hoher Inflation und einer zögerlichen Europäischen Zentralbank (EZB) hört Jens Weidmann vorzeitig auf und übergibt an den in der breiten Öffentlichkeit wenig bekannten Joachim Nagel von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Selbst EZB-Präsidentin Christine Lagarde sagte zur Feierstunde, sie könne über Nagel nicht viel sagen, dafür kenne sie ihn nicht genug. Erstmals in der Geschichte der Institution fand die Amtsübergabe zudem als Online-Veranstaltung statt – Ausdruck der außergewöhnlichen Situation, in der sich auch die Bundesbank in der Pandemie befindet.

          Immerhin versicherte der neue Bundesbankpräsident nachdrücklich, er werde die stabilitätsorientierte Geldpolitik seines Vorgängers fortsetzen. Schließlich sehe er die Gefahr, „dass die Inflationsrate länger erhöht bleiben könnte als gegenwärtig erwartet“. Zwar sei es richtig, dass die aktuellen Inflationsraten auch auf Sondereffekte im Zusammenhang mit der Pandemie zurückzuführen seien, die automatisch ausliefen – aber eben nicht nur, hob Nagel hervor. Auch der mittelfristige Preisausblick sei „außergewöhnlich unsicher“.

          Mehr Digitalisierung und Diversität

          Damit positioniert sich der neue Bundesbankpräsident im Spannungsfeld der Ökonomen zwischen dem „#TeamTransitory“, wie es auf dem Nachrichtendienst Twitter heißt, das die höhere Inflation für ein vorübergehendes Phänomen hält, und dem „#TeamPersistent“, das mit längerfristig höheren Raten rechnet, offenbar ähnlich wie Weidmann in einer Art diplomatisch mahnenden Mittelposition.

          „Bei aller Unsicherheit ist eines ganz klar“, sagte Nagel: „Wenn es die Preisstabilität erfordert, muss der EZB-Rat handeln und seinen geldpolitischen Kurs anpassen.“ Inflation habe schließlich nicht nur wirtschaftliche, sondern auch soziale Kosten: „Menschen mit geringem Einkommen werden härter getroffen, weil sie einen größeren Teil ihrer Einkünfte für Konsumzwecke ausgeben.“

          Die Zentralbanken sollten daher ihre Unabhängigkeit bewahren und ihr Mandat eng auslegen, sagte Nagel. Zugleich müsse die Bundesbank „eine moderne, effiziente Institution sein, die die Herausforderungen des Wandels annimmt“. Unter anderem kündigte Nagel an, die Themen Digitalisierung und Diversität in der Bundesbank vorantreiben zu wollen. Auch die Bekämpfung des Klimawandels sei ein wichtiges Ziel – auch wenn dabei Regierungen und Parlamente die Hauptentscheidungen treffen müssten.

          Bundesbank-Vizepräsidentin Claudia Buch nannte den scheidenden Weidmann „das Gesicht der Bundesbank“: „Eine Ära geht zu Ende“, sagte sie. Lutz Supplitt vom Personalrat der Bundesbank hob hervor, dass Weidmann auch bei den Mitarbeitern sehr beliebt gewesen sei: „Besser kann man die Rolle nicht ausfüllen.“

          Auch der neue Finanzminister Christian Lindner (FDP) lobte den scheidenden Bundesbankpräsidenten – verbunden mit ernsten Worten an dessen Nachfolger. Viele Menschen verfolgten die hohen Inflationsraten mit Sorge. Die Bundesregierung habe aber Vertrauen in die Handlungsfähigkeit von EZB und Bundesbank. Lindner sprach einen möglichen Konflikt an, der sich in letzter Zeit in der Führung der EZB abzeichnete. Während EZB-Chefvolkswirt Philip Lane in einem Interview mit einer italienischen Zeitung noch mal die bisherige Linie der Notenbank betonte, der zufolge die Inflation bald wieder sinken wird, brachte EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel zumindest die Möglichkeit mittelfristig höherer Inflationsraten im Zusammenhang mit der Klimapolitik ins Gespräch. Lindner sagte: „Wir als Bundesregierung beobachten diese Debatte und halten Sensibilität in dieser Frage für richtig.“

          EZB-Präsidentin Christine Lagarde äußerte sich zu den Grundsatzfragen zurückhaltend. „Uns ist bewusst, dass steigende Preise vielen Menschen Sorge bereiten, und wir nehmen diese Sorge sehr ernst“, hob sie hervor. Die Menschen könnten sich aber darauf verlassen, dass die EZB „unerschütterlich“ an ihrem Preisstabilitätsziel festhalten werde. Lagarde sagte, trotz aller Kontroversen habe sie die Zusammenarbeit mit Weidmann sehr geschätzt. Sie werde ihn vermissen. Weidmann habe das Beste aus der Tradition der Bundesbank verkörpert, nämlich „die Treue zum Mandat“.

          „Die Unsicherheit bleibt hoch“

          Weidmann dankte Lagarde für die Zusammenarbeit – äußerte sich zur Geldpolitik aber durchaus kritisch. Diese habe in den Krisen der vergangenen Jahre eine stabilisierende Rolle gespielt, sei jedoch „nie ganz aus dem Krisenmodus herausgekommen“. Der permanente Ausnahmezustand habe Spuren hinterlassen: „Das Koordinatensystem hat sich verschoben.“ Es sei zwar in der Pandemie gelungen, eine Strategie zu erarbeiten. Die Bewährungsprobe stehe allerdings noch aus. Schließlich sei die Inflation auf Höchstwerte seit Gründung der Währungsunion geklettert. Die Raten dürften dieses Jahr zwar wohl wieder zurückgehen: „Die Unsicherheit bleibt aber hoch, ob sie perspektivisch unter 2 Prozent sinken oder sich eher verfestigen.“ Es sei wichtig, dass die Notenbank ihr Ziel der Geldwertstabilität nun ohne Abstriche verfolge – insbesondere ohne Rücksicht auf die Finanzierungskosten der Staaten.

          Zum Abschied zitierte Weidmann für seinen Nachfolger eine alte Rollenbeschreibung des Harvard-Ökonomen Robert Barro für einen idealen Zentralbanker. „Er soll in der Öffentlichkeit stets düster auftreten, niemals Witze erzählen und ständig über die Gefahren der Inflation klagen.“ Wirklich dran gehalten, habe er sich aber nicht, sagte Weidmann und schloss mit: „Auf Wiedersehen“.

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