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Britischer Aktienmarkt : Die Brexit-Unsicherheit weicht langsam

Für die Anleger am britischen Aktienmarkt waren die vergangenen Monaten eine kleine Achterbahnfahrt. Bild: Reuters

Für Anleger am britischen Aktienmarkt waren die vergangenen Monaten eine kleine Achterbahnfahrt. Die Neuwahl im Dezember könnte ein Wendepunkt sein.

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          Für die Anleger am britischen Aktienmarkt waren die vergangenen Monaten – wie an vielen anderen Börsen der Welt – eine kleine Achterbahnfahrt. Ende Juli fielen die Kurse vom Höchststand 7727 Punkte und sanken in Richtung 7000 Punkte. Ende August und im September ging es wieder nach oben, dann folgte wieder ein kleiner Absturz, bevor sie wieder zulegten. Seit Jahresbeginn legte der wichtigste Aktienindex FTSE 100 nun um gut 13 Prozent zu und kletterte am Montag wieder knapp über 7300 Punkte.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Im internationalen Vergleich liegt der britische Markt damit aber am unteren Ende der Liste. Der deutsche Aktienindex Dax hat sich mit plus 18,5 Prozent besser entwickelt, noch stärker der französische CAC 40 mit plus 22,5 Prozent, der europäische Index EuroStoxx 50 stieg um 21 Prozent in diesem Jahr. Der amerikanische S&P-Index legte sogar um mehr als 24 Prozent seit Jahresbeginn zu. Schlechter als am britischen Aktienmarkt lief es in den Schwellenländern – der MSCI-Index für aufstrebende Märkte ist seit Jahresbeginn nur knapp 10 Prozent im Plus – sowie in Spanien mit plus 6 Prozent.

          Was den FTSE 100 zuletzt zurückgehalten hat, war der Anstieg des Pfund-Kurses. Als sich die Aussicht auf ein neues Abkommen zum EU-Ausstieg verbesserten und die Ängste vor einem No-Deal-Brexit wichen, machte das Pfund im Oktober kräftig Boden gut. Gegenüber Euro und Dollar stieg es auf die höchsten Stände seit einem halben Jahr. Ein höherer Wechselkurs bedeutet jedoch, dass die globalen Einnahmen der an der Londoner Börse notierten Konzerne in Pfund weniger wert sind. Da die FTSE-100-Firmen mehr als 70 Prozent ihrer Umsätze außerhalb des Königreichs machen, reagieren die Kurse stark auf Wechselkursänderungen.

          Die Wahl könnte ein Wendepunkt sein

          Unsicherheit über den Brexit hat die Wirtschaft in Großbritannien lange belastet und Investoren zögern lassen – nun kommt noch die Unsicherheit vor der Neuwahl am 12. Dezember hinzu. Die Wahl könnte aber ein Wendepunkt sein, sagt die Investmentbank Goldman Sachs. „Unsere Ökonomen sehen jetzt zwei zwingende Gründe dafür, einen Anstieg des Wirtschaftswachstums nach der Wahl am 12. Dezember zu erwarten“, schreibt die Bank in ihrem jüngsten Kapitalmarktausblick. Erstens werde die Brexit-Unsicherheit wahrscheinlich weichen, wobei eine Regierung der Konservativen eine schnellere Klärung verspreche. Und zweitens hätten beide Parteien so hohe Ausgaben angekündigt, dass dies die Konjunktur antreiben müsse.

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          Goldman Sachs hat seine BIP-Prognosen für die nächsten drei Jahre folglich deutlich angehoben. Für die zweite Jahreshälfte 2020 erwartet die Bank sogar 2,4 Prozent Wachstum, im Jahr 2021 rund 2 Prozent und im folgenden Jahr 2,1 Prozent. Das sind etwa 0,4 bis 0,3 Prozentpunkte mehr als in der vorigen Prognose. Goldman Sachs erwartet wegen des höheren Wachstums eine Zinserhöhung der britischen Notenbank spät im Jahr 2020 – im Gegensatz zu Spekulationen an den Märkten über Zinssenkungen demnächst wegen des schwachen Wachstums.

          FTSE100

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          Im Sommer ist die britische Wirtschaft an einer Rezession vorbeigekommen. Nachdem das BIP im zweiten Quartal um 0,2 Prozent geschrumpft war, legte die Wirtschaftsleistung im Juli bis September wieder moderat zu, um 0,3 Prozent verglichen zum Vorquartal. „Während eine Rezession vermieden wurde, ist jedoch klar, dass die Wirtschaft ziemlich schwach ist“, sagt Ruth Gregory, Volkswirtin bei der Beratungsgesellschaft Capital Economics.

          Der private Konsum ist eine Stütze

          Eine stete Stütze ist der private Konsum. Er profitiert auch vom robusten Arbeitsmarkt, der beinahe Vollbeschäftigung signalisiert. Auf 3,8 Prozent ist die Arbeitslosenquote im September gesunken, das ist der niedrigste Wert seit 1974. Allerdings gibt es Indizien dafür, dass die Brexit-Unsicherheit zuletzt doch Spuren im Arbeitsmarkt hinterlässt. Das Lohnwachstum verlangsamte sich etwas auf 3,6 Prozent, bei einer Inflationsrate von zuletzt nur 1,5 Prozent bleibt indes ein kräftiges Reallohnplus von gut 2 Prozent, so dass die Beschäftigten real mehr Geld zum Einkaufen und Konsumieren haben.

          Besonders schwach abgeschnitten haben in diesem Jahr die britischen Bank-Aktien, die um weniger als 5 Prozent zulegten. Sie blieben hinter den europäischen Wettbewerbern zurück. Amandeep Singh, der für Deutsche Bank Research die Geldhäuser des Vereinigten Königreichs unter die Lupe nimmt, führt dies vor allem auf die Brexit-Unsicherheit zurück. „Aber über die vergangenen paar Monate hat das Risiko eines Crash-Brexits abgenommen und die britischen Bank-Aktien haben den Markt übertroffen“, sagt er. Die Kurse der Banken dürften indes volatil bleiben, da noch immer politische Risiken existieren.

          Nach dem Anstieg des Gesamtmarktes um 13 Prozent in diesem Jahr stellt sich die Frage, ob noch Luft nach oben ist. Die Dividendenrendite der britischen Aktien liege bei 4,4 Prozent, rechnet Peter Dixon von der Commerzbank in London vor; damit erscheinen sie attraktiv verglichen mit dem Anleihemarkt, wo die Rendite zehnjähriger Staatspapiere nur bei 0,7 Prozent liegt. Allerdings ist die Risikoprämie für Aktien schon auf hohe 9 Prozent gestiegen, was spiegelbildlich auf die niedrigen Zinsen reflektiert.

          Mit Blick auf die gegenüber deutschen und französischen Aktien schwächere Entwicklung sagt Dixon: „Wenn wir erwarten, dass es keinen harten Brexit im Januar gibt, dann ist es wahrscheinlich, dass der UK-Markt die Lücke ein bisschen schließen sollte, aber es bleibt eine inhärente Unsicherheit im Brexit-Prozess.“ Er erwartet, dass der Londoner Aktienmarkt in der ersten Jahreshälfte 2020 bei hohen Schwankungen eher seitwärts geht.

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