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Neuer Eigentümer : Britische Finanzinvestoren übernehmen Gerry Weber

Britische Finanzinvestoren übernehmen die Modemarke Gerry Weber Bild: dpa

Die insolvente Textilkette Gerry Weber wird von britischen Finanzinvestoren übernommen und erhält Millionen für die laufende Sanierung. Einer spielt derweil keine Rolle mehr.

          Es war ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Bis zuletzt wurde intensiv mit drei Kaufinteressenten für den insolventen Modekonzern Gerry Weber verhandelt, wie Sachwalter Stefan Meyer am Dienstag in einer Telefonkonferenz berichtete. Den Zuschlag erhielten die britischen Finanzinvestoren Robus und Whitebox. Von ihnen gemanagte Fonds werden das Unternehmen aus Halle in Westfalen ganz übernehmen. Die Investmentvereinbarung zur Sanierung im Rahmen eines Insolvenzplans sei der „entscheidende Schritt“ in der Restrukturierung der Kette, sagte der Generalbevollmächtigte Christian Gerloff. Die Entscheidung schaffe Klarheit am Markt, gerade vor der bevorstehenden Ordermesse CPD in Düsseldorf.

          Christine Scharrenbroch

          Freie Autorin in der Wirtschaft.

          Die künftigen Eigentümer schießen zunächst 49,2 Millionen Euro für die laufende Sanierung zu. Der Insolvenzplan sieht dann vor, dass das Kapital auf voraussichtlich null Euro herabgesetzt wird und anschließend eine Barkapitalerhöhung erfolgt. Die neuen Aktien werden vollständig von Robus und Whitebox gezeichnet. Die bisherigen Anteilsscheine werden eingezogen, die Altaktionäre gehen leer aus.

          Künftig wird die Gründerfamilie Weber keine Rolle mehr im Unternehmen spielen, wie Gerloff auf Nachfrage klarstellte. Gerhard Weber, der die Modemarke 1973 gründete, war bislang mit fast 30 Prozent der Anteile größter Aktionär. Knapp 53 Prozent der Anteile liegen im Streubesitz. Die schwer gebeutelte Gerry-Weber-Aktie büßte am Dienstag weitere 48 Prozent ihres Werts ein und notierte bei nur noch 16 Cent.

          Die Gründerfamilie hatte anfangs ebenfalls für das Unternehmen geboten, sich aber schon vor der Endrunde zurückgezogen. Gründersohn Ralf Weber, der bis Herbst 2018 als Vorstandschef fungierte, sitzt momentan noch im Aufsichtsrat. Der Konzern wird wohl von der Börse genommen. Im Zuge der Kapitalherabsetzung geht die Börsenzulassung verloren.

          Investorenvereinbarung einstimmig gebilligt

          Der Gläubigerausschuss hat die Investorenvereinbarung einstimmig gebilligt. Bislang haben rund 1500 Gläubiger Forderungen von rund 300 Millionen Euro angemeldet. In welchem Ausmaß ihre Ansprüche bedient werden, wird erst in zwei bis drei Wochen feststehen. Sachwalter Meyer stellte eine „überdurchschnittliche Quote“ im zweistelligen Prozentbereich in Aussicht. Den Gläubigern werden mehrere Optionen eröffnet: Neben einer Barabfindung können sie auch einen Teil ihrer Forderungen in Anleihen wandeln oder eine Wandelschuldverschreibung über die volle Höhe zeichnen. Ein solches „Potpourri“ habe es bisher in Deutschland so nicht gegeben, hieß es.

          GERRY WEBER

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          Den beiden Finanzinvestoren hält Johannes Ehling, der Vorstandssprecher von Gerry Weber, ihre Kenntnisse in der Modebranche zugute. Robus Capital Management ist beim Textilkonzern Laurèl eingestiegen – wo es zu einem heftigen Streit um die Insolvenzmasse kam – und hat erst kürzlich die Gerry-Weber-Tochtergesellschaft Hallhuber übernommen. Für Schlagzeilen sorgte der 2011 gegründete, mit Büros in London und Frankfurt ansässige Investor auch mit der Übernahme des Erotikhändlers Beate Uhse.

          Whitebox Advisors hat seine Handelserfahrungen vor allem auf dem amerikanischen und britischen Markt gesammelt. Der Anleihehorizont der beiden Investoren wird mit den üblichen drei bis fünf Jahren angegeben. Im dritten Quartal soll die Gläubigerversammlung stattfinden, die dem Insolvenzplan noch zustimmen muss. Möglichst bis zum 1. November sollen die Insolvenzverfahren der Muttergesellschaft Gerry Weber International AG und des Tochterunternehmens Gerry Weber Retail GmbH & Co. KG beendet werden.

          Wie der Vorstand betonte, wird das im Sommer 2018 begonnene Sanierungskonzept weiter umgesetzt. Bisherigen Angaben zufolge ist die Schließung von 146 deutschen Filialen vorgesehen, die zum Wegfall von 330 Vollzeitstellen führt. Zudem wurden in der Zentrale in Halle schon 140 Arbeitsplätze gestrichen. Unbeantwortet blieb die Frage, ob nun eine Verschärfung des Sanierungskurses droht. Es werde weiter jeder Stein umgedreht, hieß es dazu lediglich.

          „Die eingeschlagene Restrukturierung trägt erste Früchte“, berichtete Ehling. Die eingeleiteten Maßnahmen zeigten positive Resultate in Umsatz und Ertrag. In den vergangenen Monaten habe sich Gerry Weber in der Produktentwicklung konsequent auf die Zielgruppe „Frauen von 50 Jahren an aufwärts“ konzentriert und die Prozesse optimiert. Stark vorantreiben will der Vorstandschef zudem die Verknüpfung des stationären Geschäfts mit dem Online-Vertrieb. So soll bis Jahresende flächendeckend das Angebot „Click & Collect“ verfügbar sein: Die Kundin bestellt im Netz und holt ihre Ware in der Filiale ab.

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