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Technische Analyse : Licht und Schatten bei den BRIC-Ländern

  • -Aktualisiert am

Blick auf das Finanzviertel Pudong von Schanghai. Bild: Reuters

Die Aktienbörsen der BRIC-Staaten haben in den vergangenen Monaten sehr unterschiedliche Kursentwicklungen geliefert. Wo lohnt es sich jetzt einzusteigen und welche Aktienmärkte sollte man meiden?

          Die führenden Aktienindizes aus den BRIC-Staaten (steht für Brasilien, Russland, Indien und China), die nach der Finanzkrise aufgrund der dort aufstrebenden Volkswirtschaften als langfristige Investment-Alternative zu den etablierten Aktienmärkten in den Vereinigten Staaten und Europa in der Diskussion waren, haben sowohl in den vergangenen Jahren als auch in den vergangenen Monaten eine sehr unterschiedliche Kursentwicklung geliefert.

          Der chinesische Schanghai Composite Index, der in den vergangenen Monaten zusätzlich von einer schwächeren chinesischen Währung belastet war, befindet sich in einer technischen Baisse. Der rohstofflastige, russische RTS Index, der in Dollar notiert wird, bewegt sich seit 13 Jahren in einer übergeordneten Seitwärtspendelbewegung und hat dabei – nach den Kursgewinnen seit 2016 – zurzeit dasselbe Kursniveau wie im Jahr 2006.

          Aktuell steckt der RTS Index wieder in einer kurz- bis mittelfristigen Seitwärtspendelbewegung fest. Aus technischer Sicht ist nur der indische Aktienmarkt hervorzuheben. Der dortige S&P BSE Sensex 30 Index befindet sich seit 40 Jahren – sowohl in lokaler Währung als auch in moderaterer Form in DM und Euro – in einer sehr langfristigen Hausse-Bewegung. Die zuletzt aufgetretenen, neuen Allzeithochs signalisieren, dass sich die technische Klettertour im Sensex fortsetzen sollte.

          Indiens Börse setzt Dauerhausse fort

          Der indische S&P BSE Sensex Index (kurz Sensex), dessen Kursbasis im Jahr 1978 bei 100 Punkten liegt, wurde im September 2003 auf eine Berechnung nach Streubesitz umgestellt. Aktuell umfasst der Index die 31 führenden indischen Aktien. Der Sensex ist aus technischer Sicht der Marathonläufer unter den BRIC-Aktienindizes und befindet sich seit den frühen 1980er Jahren und einem Kursniveau um 120 Punkte in einer fast 40-jährigen Hausse-Bewegung.

          Hierbei liegt der zentrale Hausse-Trend aktuell bei 24 000 Punkten. Speziell vom Jahr 2003 an hat dieser Hausse-Trend eine idealtypische Form mit dem Wechselspiel aus Investment-Kaufsignalen, mittelfristigen Aufwärtstrends und mittelfristigen Konsolidierungen beziehungsweise Korrekturen angenommen. Seit Februar 2016 und einem Startniveau von 22 494 Punkten hat der Index wieder einen neuen mittelfristigen Aufwärtstrend etabliert, wobei die Aufwärtstrendlinie aktuell bei 33 500 Punkten liegt. In den vergangenen Monaten seit Januar 2018 befand sich der Index – unterhalb der Widerstandszone von 36 000 bis 36 250 Punkten – in einer trendbestätigenden Konsolidierung.

          Zuletzt ist der Index mit einem neuen Investment-Kaufsignal angesprungen, so dass sich die mittel- und langfristige relative Stärke im Vergleich der wichtigen BRIC-Aktienindizes mit neuen Allzeithochs weiter fortsetzen sollte. Dieses Investment-Kaufsignal deutet als neues mittelfristiges technisches Etappenziel für den Sensex den Bereich um 40 000 Punkte an. Die technische Gesamtlage signalisiert, dass der indische Sensex – sowohl in lokaler Währung als auch mit einem etwas geringeren langfristigen Aufwärtsmomentum in Euro – seine Dauerhausse fortsetzen wird.

          Investments an Russlands Börse nur mit Sicherungsstopps

          Der Russian Trading System Cash Index (kurz RTS Index) umfasst zurzeit die 43 liquidesten Aktien der Moskauer Börse. Der Index startete am 1. September 1995 und wird in Dollar notiert. Der Index ist von Rohstoff- sowie Öl- und Gas-Aktien geprägt. Die technische Gesamtlage dieses Index lässt sich in drei wesentliche technische Phasen einteilen. Zuerst die technische Bilderbuch-Hausse von Oktober 1998 (Start bei 37,7 Punkten) bis Mai 2008 mit einem Anstieg auf 2498 Punkte.

          Seitdem befindet sich der Index in einer sehr langfristigen Seitwärtspendelbewegung mit einer negativen Grundausrichtung. Von April 2011 an und Kursen um 2134 Punkte ergab sich ein idealtypischer Baisse-Trend, der im Dezember 2014 (Krim-Krise) im Ausverkauf bei 578 Punkten endete. Vom 1. Quartal 2016 an etablierte der RTS Index (Start bei 816 Punkten) wieder einen moderaten Aufwärtstrend, dessen Trendlinie nach mehr als zwei Jahren bei ungefähr 1050 Punkten liegt.

          Mit dem Rückenwind der steigenden Rohölnotierungen stieg der Index bis zum Februar 2018 bis auf 1339 Punkte (neue Widerstandszone). Danach sorgte ein Gewinnmitnahmesignal für einen Kursrutsch, so dass der Index jetzt in einem mehrmonatigen Trading-Markt im Umfeld der fast waagerecht verlaufenden 200-Tage-Linie (zurzeit bei 1180 Punkten) mit der Kernhandelsspanne von 1100 bis 1200 Punkten seitwärts festhängt. Aus übergeordneter technischer Sicht fehlen die Hinweise, dass der RTS Index seine Aufwärtsbewegung in den kommenden Monaten wiederaufnimmt. Aktuell wäre ein Index-Investment nur eine technische Halteposition mit einem strategischen Sicherungsstopp bei 1020 Punkten. Denn fällt der Index unter dieses Niveau, wäre der moderate Aufwärtstrend der vergangenen zwei Jahre beendet.

          Eine Stabilisierungschance in Schanghai

          Der Schanghai Stock Exchange Composite Index (kurz Schanghai Composite), der am 19. Dezember 1990 bei 100 Punkten startete, umfasst alle chinesischen A- und B-Aktien der Schanghai Stock Exchange. Dies sind zurzeit 1476 chinesische Aktien. Dieser Index weist drei langfristige technische Charakteristika auf. Zuerst befindet sich der Schanghai Composite seit dem Jahr 1996 und Kursen um 512 Punkte in einer sehr langfristigen Hausse-Bewegung, wobei der mehr als 20 Jahre andauernde Hausse-Trend aktuell schon bei etwa 2500 Punkten nur leicht unterhalb des aktuellen Kursniveaus von 2780 Punkten liegt.

          Zweitens gibt es im Index nur kurze Zeitperioden wie 2005 und 2014 mit sehr ausgeprägten Aufwärtstrends und danach viele Jahre mit Seitwärtspendelbewegungen beziehungsweise technischen Zwischenbaissen. Als Konsequenz befindet sich der Index drittens – trotz des noch intakten, sehr langfristigen Aufwärtstrends – schon seit dem Jahr 2005 nur noch in einer Seitwärtspendelbewegung. Seit dem Zwischenhoch bei 5180 Punkten im Juni 2015 setzte ein sehr ausgeprägter Abwärtstrend ein, der im Januar 2016 bei 2638 Punkten (neue mittelfristige Unterstützungszone) endete.

          In den zwei folgenden Jahren ergab sich im Schanghai Composite ein Aufwärtskanal, der den Index wieder bis auf 3587 Punkte (Januar 2018; neue Widerstandszone) führte. Im Januar 2018 rutschte der Index mit einem neuen Verkaufssignal aus diesem Aufwärtstrend heraus und hat wieder einen Zwischenbaisse-Trend etabliert, der zurzeit bei 2950 Punkten liegt. Der Index ist jetzt sowohl in die Nähe der alten Unterstützungszone um 2640 Punkte zurückgefallen als auch mit einer mittelfristig überverkauften Lage ausgestattet. Als Konsequenz deutet sich zumindest eine mittelfristige Stabilisierungschance auf dem aktuellen Kursniveau an, das der Index schon zum Jahresanfang 2007 aufwies. Solange aber nicht eine technische Bodenformation vorliegt, sollte die zurzeit defensive technische Haltung gegenüber dem Schanghai Composite nicht gelockert werden.

          Der Autor leitet in der Commerzbank den Bereich Technische Analyse & Index Research.

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