https://www.faz.net/-gv6-9groc

Brexit-Szenarien : Londoner Finanzmarkt zittert

Wolken ziehen auf über dem Londoner Finanzdistrikt Canary Wharf. Bild: dpa

Die Ungewissheit über den EU-Austritt Großbritanniens treibt die Anleger um. Finanzexperten warnen vor Spekulationen auf die unterschiedlichen Szenarien – vom weiteren Wertverlust des Pfunds ist die Rede.

          Stürzt Großbritanniens Premierministerin Theresa May über ein Brexit-Misstrauensvotum? Schlittert das Land in den kommenden Monaten in einen ungeordneten EU-Austritt? Oder machen die Briten gar auf der Zielgerade kehrt und stoppen den Brexit? Rund viereinhalb Monate vor dem „B-Day“ am 29. März 2019 ist keine dieser gegensätzlichen politischen Entwicklungen auszuschließen – und das macht die Lage am Finanzplatz London so unberechenbar wie seit vielen Jahren nicht mehr.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Anleger brauchen starke Nerven: Am Devisenmarkt schwankt der Pfundkurs heftig, an der Aktienbörse verzeichnen manche Titel schwere Kursverluste, und im Handel mit britischen Staatsanleihen sind die Renditen deutlich zurückgegangen. Am Aktienmarkt stehen vor allem die Papiere der Großbanken unter Druck: Die Notierung der Royal Bank of Scotland (RBS) ist seit Mitte der vergangenen Woche um rund 16 Prozent gefallen. Auch die Kurse von Barclays und Lloyds stehen unter Druck. Bauwerte wie Taylor Wimpey, Persimmon und Barratt erlitten ebenfalls Kursverluste.

          FTSE100

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Der Finanzmarkt in London steht ganz im Zeichen des Brexits: Seit der vergangenen Woche liegt ein Entwurf für das Austrittsabkommen zwischen der EU und Großbritannien vor. Nach jahrelangem Verhandlungspoker zwischen Brüssel und London wurde damit eine wichtige Hürde genommen. Dieser Brexit-Deal würde garantieren, dass es im nächsten Frühjahr zu einem geordneten und damit wirtschaftlich zumindest vorerst glimpflichen EU-Austritt kommt. Dank einer Übergangsfrist bis mindestens Ende 2020 würde für Unternehmen und Banken erst einmal alles beim Alten bleiben.

          Verhandlungsergebnisse nicht vorhersehbar

          Aber in Kraft treten kann das Brexit-Abkommen erst, wenn das britische Unterhaus zugestimmt hat – und der Widerstand ist groß. Das bedeutet: Das Risiko, dass im März ein wirtschaftlich besonders schädlicher „No-Deal-Brexit“ bevorsteht, ist keineswegs gebannt. Was also sollten Anleger in dieser Situation tun? Eine Antwort darauf ist schwierig. Aber die Analysten der Schweizer Großbank UBS haben zumindest einen Rat, was Investoren jetzt vermeiden sollten: „Wir empfehlen, sich nicht für ein bestimmtes Verhandlungsergebnis zu positionieren.“ Die weitere politische Entwicklung in London sei „zu unberechenbar“.

          Das Einzige, was sich aus Sicht von Volkswirten und Anlageexperten zumindest grob abschätzen lässt, sind die Auswirkungen der verschiedenen politischen Szenarien auf die Finanzmärkte. Einerseits könnte es nächstes Frühjahr – ob von den politischen Entscheidungsträgern in London absichtlich angestrebt oder aber, weil ihnen die Entwicklung entgleitet – tatsächlich zu einem ungeordneten No-Deal-Brexit kommen. Damit würden sich die schlimmsten Befürchtungen vieler Unternehmen auf beiden Seiten des Ärmelkanals bestätigen.

          Ein solcher destruktiver Brexit würde wohl wahrscheinlicher werden, falls es tatsächlich zu einem Misstrauensvotum gegen die Regierungschefin May kommt und sie dieses entweder verlöre oder nur mit knapper Not überstände, erwarten die Analysten der japanischen Großbank Nomura. Auch ein Rücktritt Mays ließe die Wahrscheinlichkeit für dieses Negativszenario steigen.

          Das Pfund könnte weiter abwerten

          Am Finanzmarkt rechnen viele Beobachter für dieses Negativszenario mit einer weiteren Abwertung des Pfunds. Denn die wenigsten Analysten gehen davon aus, dass ein solcher ultraharter Brexit bereits eingepreist ist. Eine Umfrage des Vermögensverwalters Schroders unter Marktteilnehmern kommt zum Ergebnis, dass das Pfund von derzeit gut 1,286 Dollar auf rund 1,12 Dollar absacken würde. Die britische Währung würde also um weitere 13 Prozent abwerten. Auch in Relation zum Euro wäre mit Einbußen zu rechnen.

          Ein ungeordneter EU-Austritt könnte abrupt zu gravierenden Störungen des wichtigen britisch-europäischen Güter- und Dienstleistungshandels führen und würde wohl das Wirtschaftswachstum auf der Insel scharf abbremsen. Auch eine Rezession wird nicht ausgeschlossen. Ein wirksames Krisenmanagement der Politiker in Brüssel und London könnte allerdings helfen, den Schaden einzudämmen.

          GBP/EUR

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Analysten gehen davon aus, dass in diesem Negativszenario vor allem die Aktienkurse von britischen Unternehmen, die stark vom Heimatmarkt abhängig sind, fallen würden, also beispielsweise die Notierungen der Banken, die Kurse von Konsumwerten wie Tesco und Marks & Spencer oder der Bau- und Immobilienwerte. International aufgestellte britische Konzerne wie etwa Vodafone, Shell und BP dürften dagegen vom schwachen Pfund profitieren. Am Anleihemarkt würden voraussichtlich die Renditen britischer Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit von derzeit 1,4 auf 1,2 Prozent fallen, prognostiziert die UBS.

          Das optimistische Gegenmodell zu diesem düsteren Ausgang des Brexit-Dramas wäre ein geordnete Trennung der Briten von der EU – oder gar ein Verbleib des Königreichs im europäischen Staatenbund. Die Zuversicht am Finanzmarkt, dass es dazu kommt, würde in den kommenden Tagen und Wochen wachsen, wenn es May gelingen solle, ein mögliches Misstrauensvotum mit klarer Mehrheit abzuschmettern. Die Schroders-Umfrage prognostiziert für diesen Fall eine Aufwertung des Pfunds um rund 9 Prozent auf gut 1,40 Dollar. Am britischen Aktienmarkt würden dann voraussichtlich die Kurse von Banken, Konsum- und Bauwerten steigen, ebenso wie die Renditen britischer Staatsanleihen.

          LSE verlegt Handel mit Staatsanleihen

          Die Londoner Börse LSE will ihren Handel mit europäischen Staatsanleihen noch vor dem Brexit Ende März 2019 nach Italien verlegen. Die London Stock Exchange kündigte am Montag an, dass die Sparte MTS Cash künftig von Mailand aus diese Geschäfte abwickeln solle – Europas größtem Markt für Staatsanleihen. MTS Cash verwaltet zwölf nationale Anleihemärkte. Nur der Handel mit britischen Staatsanleihen – den sogenannten Gilts – bleibt in London. Insidern zufolge sollen die Änderungen ab März wirksam werden. MTS-Chef Fabrizio Testa habe zudem kürzlich Kunden versichert, dass der Wechsel und der Brexit das Funktionieren der Märkte nicht beeinträchtigen werde. Zudem berate die LSE derzeit bereits mit den Schuldenagenturen der betroffenen Länder über daraus resultierende Änderungen bei der Regulierung, da dann künftig die italienische Finanzaufsicht zuständig sei. (Reuters)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Pläne der Senderführung beim HR sind ein Misstrauensvotum gegen die eigenen Mitarbeiter.

          Kurs des Hessischen Rundfunks : Weniger Kultur wagen?

          Beim Hessischen Rundfunk soll das Radio-Kulturprogramm hr2 nach dem Willen der Senderführung verschwinden. Die Argumentation für diesen Schritt ist typisch. Sie zeugt von Verachtung – für die Kultur, die Mitarbeiter und die Beitragszahler.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.