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Britisches Pfund : Brexit-Furcht am Devisenmarkt

Der neue britische Premierminister Boris Johnson Bild: Reuters

Der harte Kurs der neuen Regierung in London sorgt für einen Kurssturz des britischen Pfunds. Marktteilnehmer sind verunsichert durch die harsche Rhetorik.

          Am Devisenmarkt ist die Furcht vor einem chaotischen EU-Austritt Großbritanniens zurückgekehrt. Das Pfund hat gegenüber wichtigen anderen Währungen binnen vier Tagen rund 3 Prozent an Wert verloren. Am Dienstag sank der Wechselkurs der britischen Währung im Handelsverlauf gegenüber Euro und Dollar um weitere 0,4 Prozent. Das Pfund notierte am Nachmittag bei 1,09 Euro und damit auf dem niedrigsten Stand seit rund zwei Jahren. Vom Schwächeanfall des Pfunds während der Ferienzeit profitieren unter anderem kontinentaleuropäische Urlauber in Großbritannien. Für britische Urlauber in der Eurozone ist die Kursentwicklung dagegen ungünstig.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auslöser für die Verkaufswelle waren Äußerungen der neuen britischen Regierung. Premierminister Boris Johnson, der seit der vergangenen Woche im Amt ist, hat bereits in den vergangenen Monaten keinen Hehl daraus gemacht, dass er notfalls einen ungeordneten No-Deal-Brexit Ende Oktober in Kauf nehmen würde, falls die EU-Seite nicht bereit sein sollte, das vorliegende Austrittsabkommen mit Großbritannien nachzubessern. Die EU lehnt dies jedoch bislang strikt ab. Es gebe in dieser Frage Geschlossenheit unter den Mitgliedstaaten, bekräftigte am Dienstag der irische Regierungschef Leo Varadkar.

          Die Marktteilnehmer am Devisenmarkt sind verunsichert durch die harsche Rhetorik: Zu Wochenbeginn hatte eine Sprecherin Johnsons gesagt, dieser wolle sich nicht mit Vertretern der EU treffen, solange der Staatenbund seine ablehnende Haltung gegenüber den von den Briten geforderten Nachverhandlungen nicht ändere. Zuvor hatte bereits der für die Brexit-Vorbereitungen zuständige Minister Michael Gove in einem Interview gesagt, die Regierung arbeite „unter der Annahme“, dass es in weniger als 100 Tagen einen Brexit ohne Austrittsabkommen geben werde. Ökonomen warnen seit langem, dass eine solche abrupte Scheidung ohne Übergangsregelungen für die wichtigen Handelsbeziehungen großen wirtschaftlichen Schaden anrichten würde.

          Pfund dürfte weiter an Wert verlieren

          Der Premierminister Johnson versuchte zwar die Wogen zu glätten, indem er versicherte, er werde der EU-Seite gegenüber „die Hand ausstrecken“ und „tausend Meilen weit gehen“, um doch noch einen durch ein Abkommen geregelten Austritt zu erreichen. Doch konnte der britische Regierungschef damit die Kursverluste des Pfunds nicht stoppen, die sich auch am Dienstag fortsetzten.

          Währungsexperten rechnen damit, dass das Pfund angesichts der wachsenden Brexit-Furcht weiter an Wert verlieren wird. Die Analysten der niederländischen Großbank ING prognostizieren, der Euro werde auf 95 Pence aufwerten. Am Dienstagnachmittag notierte die Währung bei rund 91 Pence. In Relation zur amerikanischen Währung rechnen die Analysten mit einem Rückgang auf 1,18 Dollar, gegenüber knapp 1,22 Dollar am Dienstag.

          GBP/EUR

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          Möglicherweise wird auch die Bank von England diese Woche den Pfundkurs weiter unter Druck setzen. Die britischen Geldhüter veröffentlichen am Donnerstag ihren quartalsmäßigen Inflationsbericht. Sollten sie darin verstärkt Hinweise auf eine Senkung des Leitzinses geben, könnte dies die Talfahrt des Pfunds beschleunigen. Am Finanzmarkt herrscht derzeit die Meinung vor, dass die Notenbank wegen der Brexit-Ungewissheit den Leitzins bis Jahresende um 25 Basispunkte senken werde.

          Politische Pattsituation in Großbritannien

          Manche Beobachter in den Londoner Bankentürmen zeigten sich allerdings auch überrascht über die starken Einbußen des Pfunds seit dem Regierungswechsel in London. Der neue Premier Johnson habe schließlich schon lange vor seiner weithin erwarteten Amtsübernahme klar signalisiert, dass er beim Brexit auf eine kompromisslosere Verhandlungstaktik setzen werde als seine gescheiterte Vorgängerin Theresa May, wundert sich Jordan Rochester, Ökonom der japanischen Großbank Nomura in London.

          Auch an der politischen Pattsituation in Großbritannien hat sich durch den Führungswechsel in der Regierung nichts geändert: Im Parlament gibt es weiter große Widerstände gegen einen No-Deal-Brexit, und auch der neue Premier verfügt im Unterhaus nur über eine hauchdünne Abgeordnetenmehrheit. Die Spekulationen verdichten sich deshalb, dass es in den kommenden Monaten zu Neuwahlen und womöglich einer abermaligen Verschiebung des Austrittstermins kommen wird.

          Der Weg zu einer vorzeitigen Parlamentswahl ist jedoch schwer kalkulierbar. Möglich ist diese in der britischen Demokratie nur, falls ein Misstrauensvotum gegen die Regierung erfolgreich ist oder aber zwei Drittel der Unterhausabgeordneten für Neuwahlen votierten sollten. Ob tatsächlich proeuropäisch gesinnte Parlamentarier aus Johnsons konservativer Partei ihren eigenen Premier stürzen würden um einen No-Deal-Brexit zu verhindern, bleibt fraglich.

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