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Brexit : Die Finanzmärkte werden nervös

Vor der Londoner Börse. Bild: Reuters

Vor den Nachbesserungen am Brexit-Deal rechneten die wenigsten Finanzmarkt-Analysten mit einem ungeordneten EU-Austritt. Die neusten Entwicklungen zeugen aber von großer Nervosität.

          Es war ein seltsamer Gegensatz: Trotz  düsterer Nachrichtenlage und ohne Aussicht auf eine Einigung über einen geordneten EU-Austritt Großbritanniens schien an den Finanzmärkten auch weniger als drei Wochen vor dem Brexit-Termin stoischer Optimismus zu herrschen, dass alles schon irgendwie gutgehen werde.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bestes Barometer war der Devisenmarkt: Zwischen  Jahresanfang und Ende Februar wertete das Pfund gegenüber dem Euro um mehr als 5 Prozent auf und gegenüber dem Dollar um mehr als 4 Prozent auf, bevor es dann doch zum Dollar zu schwächeln begann. Auch am Londoner Aktienmarkt stiegen die Kurse, wenn auch etwas schwächer als die in den Ländern der Europäischen Währungsunion.

          Doch am Dienstag zeigen sich die Märkte von ihrer nervösen Seite. Dabei hatte es so schön angefangen: Nachdem Kommissionspräsident Juncker und Großbritanniens Premier Theresa May  Nachbesserungen am Austrittsabkommen verkündet hatten, wertete das Pfund gegen Dollar und Euro am Montag um rund 2 Prozent auf. Und da hielt es sich am Dienstag zunächst auch. Das waren immerhin fast drei amerikanische und zweieinhalb europäische Cent - eine für Devisen fast schon extrem zu nennende Bewegung.

          Pfund je Dollar

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          Doch das war wohl eher trügerisch: Nachdem Mays Rechtsberater, Generalstaatsanwalt Geoffrey Cox, sagte, es gebe weiter juristische Risiken, wertete das Pfund deutlich um fast zwei Cent auf nur noch 1,3011 Dollar und 1,1561 Euro ab. Damit ist die gesamte Aufwertung vom Montag wieder dahin.

          Großbritannien habe im Fall von "unüberwindlichen Meinungsverschiedenheiten" weiter keine rechtliche Handhabe, um aus der Auffang-Regelung für die irische Grenze auszusteigen, sagte Cox. Allerdings sei das Risiko gesunken, dass Großbritannien unbefristet und unfreiwillig im sogenannten Backstop gehalten werden könne.

          Neil Wilson, leitender Marktanalyst für Markets.com, hatte damit Recht behalten, als er zuvor zur Vorsicht  gemahnt hatte und schrieb Cox' Wort sei von zentraler Bedeutung. Schon die Tatsache, dass das Pfund die Marke von 1,32 Dollar nicht durchbrochen hatte, habe Zweifel gezeigt, dass die Vereinbarung die Zustimmung der „Brexiteers“  werde gewinnen können. Und Labour-Chef Jeremy Corbyn hatte schon sofort Ablehnung angekündigt.

          GBP/EUR

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          Am Dienstagabend soll das britische Unterhaus nun abermals über das Austrittsabkommen abstimmen. Sollte der Brexit-Deal wieder abgeschmettert werden, folgt am Mittwoch eine Abstimmung des Parlaments, die darauf abzielt, zumindest einen wirtschaftlich besonders schädlichen No-Deal-Brexit auszuschließen. Am Donnerstag soll dann über eine mögliche Verschiebung des Austrittstermins abgestimmt werden. Bisher soll der Brexit am 29. März vollzogen werden.

          Die nächsten Tage werden damit auch zur Probe, wie belastbar der Brexit-Optimismus der Märkte ist. Bisher war das Meinungsbild ziemlich klar: In der vergangenen Woche hatte eine Bloomberg-Umfrage ergeben, dass nur 9 Prozent der Bankanalysten mit einem No-Deal-Brexit rechnen. Im Januar war es noch jeder fünfte. 54 Prozent der Analysten erwartete zuletzt, dass der EU-Austritt verschoben wird. 37 Prozent prognostizierten, Regierungschefin May werde ihr Abkommen doch  durch das Parlament bekommen. Das dürfte nun anders aussehen.

          Je nachdem, wie die Abstimmungen ausgehen, könnte das Pfund diese Woche aber wieder stark zulegen. Sollte das Unterhaus am Dienstag doch dem Austrittsabkommen zustimmen, rechnen Analysten mit einer Pfund-Rally, welche die britische Währung bis auf 1,38 Euro aufwerten ließe. Für wahrscheinlich halten dies aber die wenigsten.

          Falls es so weit kommen sollte, dass dann am Donnerstag eine Parlamentsmehrheit für eine Brexit-Verschiebung stimmt, dürfte dies nach Einschätzung der Analysten wohl ebenfalls zu einer Aufwertung des Pfunds führen. Allerdings ist fraglich, wie nachhaltig diese wäre, denn auch die EU-Seite müsste einem späteren Brexit-Termin zustimmen und der Staatenbund könnte dafür von London Gegenleistungen fordern – welche wiederum in Großbritannien womöglich innenpolitisch schwer durchsetzbar wären.

          Einer Minderheit der Beobachter am Finanzmarkt ist der Brexit-Optimismus nicht ganz geheuer. Ein chaotischer No-Deal-Brexit sei derzeit am Devisenmarkt schlicht nicht eingepreist, bilanziert etwa die DZ-Bank. Entsprechend heftig könnte die Marktreaktion ausfallen, falls die Stimmung umschlägt. Im Falle eines ungeordneten EU-Austritts drohe dem Pfund eine Abwertung gegenüber dem Dollar um 15 bis 20 Prozent, prognostizieren die DZ-Bank-Analysten.

          Zum Katalysator für einen Stimmungsumschwung könnte die Abstimmung am Mittwoch werden, falls die Abgeordneten am Dienstag das Vertragspaket mit der EU abermals ablehnen. Die Mehrheit der Beobachter erwartet, dass das Parlament dann gegen den No-Deal-Brexit votieren wird.

          Sollte es anders kommen, könnte das Pfund wiederum stark unter Abwertungsdruck kommen und nach Schätzung von Analysten bis auf 1,20 Dollar absacken. Dies wiederum könnte dem Leitindex der Londoner Aktienbörse FTSE 100 Auftrieb geben: Denn er enthält viele stark international aufgestellte Unternehmen, die von einem schwachen Pfund profitieren würden. Am Dienstag gab es einen Vorgeschmack: Der FTSE 100 fiel mit der Aufwertung leicht und stieg mit der Abwertung an. Allgemein herrscht hier die Überzeugung, dass die meisten der im Index enthaltenen Werte Aktien von unternehmen seien, die international operierten und daher vom Brexit nicht so stark betroffen wären.

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