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Börsengang On-Off AG : Mittelständler reüssiert mit Industrie 4.0

Sitz der On-Off AG im niedersächsischen Wunstorf Bild: Unternehmen

Börsengänge sind in Deutschland Mangelware. Aber es gibt sie, vor allem von kleineren Unternehmen. Mit der On-Off AG kommt jetzt ein Industrie 4.0-Spezialist ins Nachwuchssegment Scale.

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          Pünktlich zum zweiten Geburtstag von Scale erlebt das Segment seinen achten Börsengang. Die On-Off AG aus Wunstorf bei Hannover strebt dem (virtuellen) Parkett zu. Vom 25. Februar bis voraussichtlich zum 1. März und damit einen Tag vor dem Geburtstag von Scale stehen 1,25 Millionen Aktie des Unternehmens zur Zeichnung aus. Der Handel soll indes erst nach den Fastnachtstagen beginnen, genauer gesagt am Aschermittwoch, dem 6. März.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          On-Off ist kein Start-Up, kein Internet-Unternehmen, sondern ein deutscher Mittelständler, der sich schon vor gut zehn Jahren der Digitalisierung in der Industrie verschrieben hat. Industrie 4.0 ist aktuell das Geschäft der Niedersachsen. Der technische Wandel war aber von jeher das Aufgabenfeld. Das war schon bei der Gründung vor 30 Jahren der Fall, als es noch unter dem Stichwort CIM (Computer Integrated Manufacturing) um Prozessautomatisierung ging und man vorwiegend noch Schaltschränke für Produktionsanlagen entwickelte.

          2008 kam zur On-Off Engineering dann die On-Off IT Solutions dazu, beide Firmen arbeiten unter dem Dach der Holding. On-Off hat sich auf Digitalisierungsprozesse in regulierten Branchen spezialisiert, die Hälfte des Umsatzes macht man mit der pharmazeutischen Industrie. „Die Anforderungen in regulierten Industrien sind höher und daher auch die Margen. Derzeit gibt es nicht viele Spezialisten wie uns, die sowohl IT als auch Elektro-, Mess- und Regeltechnik können. Die Nachfrage ist weit größer und so müssen wir nicht jeden Auftrag annehmen“, sagt Finanzvorstand Uwe Ganzer. Und Schnittstellen zwischen verschiedenen Herstellern sind stets eine Fehlerquelle.

          Ein Zukunftsthema in der Pharmazie

          Das Ziel ist, die eigenen Softwarelösungen stärker zu standardisieren. „Wir gehen von der pharmazeutischen Branche aus, weil diese die höchsten regulatorischen Anforderungen hat und nutzen Synergien. Die Standard-Software muss dann immer noch auf die Anforderungen einer Branche zugeschnitten werden.“, sagt der operative Vorstand Hartmut Dieterich. Trivial ist das nicht, zumal On-Off nicht nur die Software liefert, sondern auch die Hardware wie Netzwerke, Computer oder auch wie ehedem Schaltschränke.

          Letztlich sollen digitalisierte, miteinander kommunizierende Produktionsprozesse entstehen, die es ermöglicht, Vorteile wie eine engmaschigere Qualitätskontrolle oder vorausschauende Wartung zu nutzen. Aber es geht auch darum, Produktionsanlagen zu modularisieren und so Kleinchargen kostengünstiger zu machen. „Das ist ein Zukunftsthema in der Pharmazie, in der der Trend zur individuellen Medikation unverkennbar ist. Es wäre etwa möglich, anonymisierte, individuelle Patientendaten direkt in die Produktion zu leiten“, zeichnet Dieterich seine Vision. Ein weiteres Thema ist die Nachhaltung von Daten, um etwa besser auf Produktreklamationen reagieren zu können.

          500.000 Aktien aus einer Kapitalerhöhung und bis zu 750.000 Aktien der Altaktionäre will On-Off verkaufen. Die Preisspanne hat On-off schon in der Vorwoche bekannt gegeben. Angeboten werden sollen die Aktien zu 16 bis Euro 18. Bei voller Plazierung würde die Kapitalerhöhung dem Unternehmen acht bis neun Millionen Euro einbringen. Davon sollen rund zwei Drittel in das organische Wachstum fließen. „Wir brauchen vor allem neue Mitarbeiter und wollen vorhandene qualifizieren“, sagt Ganzer, der hofft, dass eine Börsennotierung den Bekanntheitsgrad des Unternehmens erhöht und es für qualifizierte Fachkräfte interessanter macht. Ein Viertel des Erlöses ist für Zukäufe reserviert. „Es gibt Angebote und wir werden da opportunistisch vorgehen“, sagt Ganzer. „Das heißt, es kann sich hier auch etwas verschieben.“

          Hohes Kurs-Gewinn-Verhältnis

          Sollten alle Optionen ausgeübt und alle Aktien plaziert werden, ergäbe sich ein Streubesitz von knapp 50 Prozent. . Die Alt-Aktionäre der Gründerfamilien Arneke und Bergmann bleiben mit jeweils 23,5 Prozent langfristig beteiligt. Rolf Arneke ist Aufsichtsratsvorsitzender, Manfred Bergmann leitet den Bereich Schaltschrankbau und Günther Bergmann den Bereich Engineering. Sie verpflichten sich, binnen zwölf Monaten keine Aktien zu verkaufen.

          Das Unternehmen wäre nach dem Börsengang mit 40 bis 45 Millionen Euro bewertet. Auf 18,2 Millionen Euro nach 15,1 Millionen im Jahr davor schätzen Solventis Research in ihrer Emissionsstudie den Umsatz des vergangenen Jahres, eine Schätzung, mit der sich Ganzer „sehr wohl fühlt.“ Mehr als 23 Millionen sollen es in diesem Jahr werden.

          Mit 31 bis 34 scheint das Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2019 zunächst einmal recht hoch. Mit Blick auf die kommenden Jahre relativiert es sich:  Für 2020 liegt es bei 19 bis 21 und für 2021 bei 13 bis 15. Die zugrunde liegenden Gewinnschätzungen müssen sich natürlich aber auch manifestieren. Indes bringt On-Off nicht nur Erfahrung mit, sondern auch einen Auftragsbestand von rund  35 Millionen Euro. Eine Dividende wird es vor 2021 nicht geben. „Wir wollen ja nicht die eingeworbenen Mittel gleich wieder ausschütten“, sagt Ganzer. „Das gibt keinen Sinn.“

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