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Börsengang während Proteste : Alibabas Abenteuer in Hongkong

Vor Alibabas Hauptquartier in Hangzhou sieht es friedlich aus, doch auf Hongkongs Straßen brennt es: Trotzdem will der Internetkonzern mit einem Zweitlisting an die Börse gehen. Bild: Reuters

Die Stadt brennt, doch der Internetkonzern will dort mit einem Zweitlisting an die Börse. Warum ausgerechnet jetzt?

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          Als der chinesische Internetkonzern Alibaba im Juni 2014 seinen Gang an die New Yorker Börse ankündigte, stand daheim in der Volksrepublik im Großen und Ganzen alles zum Besten. Die chinesische Wirtschaft war im ersten Quartal mit 7,4 Prozent zwar etwas langsamer gewachsen als in den Vorjahren, aber damit fühle sich die Regierung „ganz wohl“, schrieben die Analysten. Südöstlich von Peking versuchte ein reicher Geschäftsmann, ein Pferderennen mit Wetten wie in Hongkong zu etablieren. Die 2000 Kilometer entfernte Finanzmetropole selbst war so selbstbewusst, dass sie Alibabas Gründer Jack Ma und seinen Gefährten deren Wunsch verweigert hatten, weiterhin im Unternehmen schalten und walten zu können, auch wenn die Mehrheit der Anteile nach einem Börsengang bei anderen liegen würde – worauf Ma der Stadt beleidigt den Rücken gekehrt und die New York Stock Exchange für die Plazierung der Alibaba-Aktien ausgewählt hatte.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Fünf Jahre später hat am Mittwoch Alibaba seinen zweiten Börsengang angekündigt – in Hongkong. Und das „Umfeld“, wie die Börsianer die politische und ökonomische Großwetterlage nennen, könnte dabei schlimmer kaum sein. Nicht nur, dass sich China im Handelskrieg mit Amerika befindet und Ökonomen vermuten, die Wirtschaft wachse wohl eher mit 2 bis 3 Prozent statt der offiziell verkündeten 6,2 Prozent, was immerhin ebenfalls das schwächste Wachstum seit über einem Vierteljahrhundert darstellen würde.

          Im Juni waren es noch 6 Milliarden mehr

          Es ist vor allem der Standort und Zeitpunkt für Alibabas Zweitplazierung, der Rätsel aufgibt. Denn in Hongkong haben die Proteste für freie Wahlen und die Unabhängigkeit von der Volksrepublik in dieser Woche ein Ausmaß erreicht, dass sich die Regierung am Montag, zwei Tage vor Alibabas Ankündigung, genötigt gesehen hatte, zu versichern, der Handel an der Börse werde nicht, wie im Internet gerüchteweise berichtet, bald eingestellt. Im August noch hatte der Konzern seinen geplanten Börsengang in Hongkong abgesagt – wegen der „instabilen“ Verhältnisse in der Stadt, wie es „mit der Sache vertraute Personen“ damals einer Nachrichtenagentur mitteilten.

          Warum also hat Alibaba nun ausgerechnet im bisher größten Chaos mit einer Roadshow begonnen? An deren Ende in zwei Wochen, am 26. November, will der Konzern laut Angebotsunterlagen bis zu 13,4 Milliarden Dollar an Kapital einsammeln. Den Preis für die 500 Millionen Aktien wollen die begleitenden Banken am 20. November festlegen – „sollte in Hongkong bis dahin nicht ein Wunder geschehen und alle Demonstranten und Polizisten friedlich nachhause gehen, dürfte dieser nicht sehr hoch ausfallen“, heißt es in der Finanzszene der Stadt. Tatsächlich hatte Alibaba Berichten zufolge noch im Juni angestrebt, rund 6 Milliarden Dollar mehr einsammeln zu wollen.

          Hinter den Kulissen wurde den Analysten am Donnerstag freilich ein anderer Grund eingehämmert: Alibabas „Singles-Day“ vom Montag, eine Rabattschlacht, bei der auf den Marktplätzen des Konzerns Waren im Wert von rund 38 Milliarden Dollar verkauft wurden, habe dem Unternehmen am Markt „Vertrauen“ gegeben – auf dieser Welle wolle Alibaba nun auch an der Hongkonger Börse zum Erfolg reiten, sagt der Schanghaier E-Commerce-Analyst Li Chengdong dieser Zeitung. Alibaba wolle sich im Zuge des Handelskriegs von der Abhängigkeit der amerikanischen Finanzmärkte lösen und verhindern, dass das Unternehmen durch mögliche Sanktionen der Regierung in Washington irgendwann einmal in finanzielle Bedrängnis gerate.

          Da derzeit nicht abzusehen sei, wann die Proteste in Hongkong endeten, könne man auch gleich an die Börse gehen. „Es ist nicht der ideale Zeitpunkt für Alibaba, aber gleichzeitig der derzeit beste“, sagt Analyst Li. Doch an dieser Darstellung haben Kenner der Hongkonger und festlandchinesischen Finanzmärkte erhebliche Zweifel. Offiziell äußern will sich niemand, zu groß ist die Angst vor der Rache Alibabas. Erst am Dienstag hatte der Konzern angekündigt, juristisch gegen jeden vorzugehen, der die Verkaufszahlen Alibabas öffentlich anzweifele und „Gerüchte“ verbreite. So bleiben die Zweifler auch im Fall des Börsengangs anonym und verweisen auf die kritische Lage des Hongkonger Finanzplatzes, den die chinesische Regierung mit allen Mitteln retten wolle.

          Schon beim überraschenden Rückzug von Jack Ma, der vor einem Jahr angekündigt und kürzlich vollzogen wurde, hatten viele Beobachter vermutet, dass Peking den Abgang forciert habe. Nun müsse man davon ausgehen, dass auch im Fall des Börsengangs in Hongkong die Regierung das Unternehmen dazu gedrängt habe, heißt es. Peking wolle auf Biegen und Brechen das Vertrauen in den Finanzplatz wiederherstellen, den es als Tor in die Welt brauche. Sänken die Kurse an der Börse weiter, würden Chinas Staatsfonds dort voraussichtlich kräftig kaufen – Alibaba sei nur der „erste Schuss“.

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