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Börsengang von Traton : Können Lastwagen reich machen?

Traton-Chef Andreas Renschler: Die VW-Tochter plant ihren Börsengang am Freitag. Bild: Getty

Am Freitag bringt Volkswagen seine Lkw-Sparte an die Börse. Die Idee hat einiges für sich – trotz Strafzöllen und Klimadebatte.

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          Es gilt in der Welt der Finanzmärkte als schweres Vergehen, einen Börsengang kurz vor dem Start wieder abzusagen. Insofern war es nach Ansicht vieler Fachleute fast schon selbstzerstörerisch, als im März dieses Jahres eine ungewöhnliche Nachricht aus dem Volkswagen-Konzern nach außen drang: Der geplante Börsengang von Traton, der VW-Tochtergesellschaft für Trucks und Busse, werde erst einmal nicht stattfinden, hieß es da. Offizielle Begründung:

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das unangenehme Marktumfeld mit hohen Kursschwankungen sei schuld. Inoffiziell aber war von ganz anderem zu hören. Das Interesse der Investoren war wohl nicht so hoch ausgefallen, wie es sich der VW-Vorstand erhofft hatte, auch von internen Streitigkeiten war die Rede. Jedem, der sich ein bisschen mit den Gepflogenheiten der Börse beschäftigt, schien danach klar: Eine zweite Chance für Traton wird es so bald nicht mehr geben.

          Was soll man sagen? Gerade einmal drei Monate nach der Absage ist Volkswagen jetzt doch noch gewillt, die Sache durchzuziehen. Am kommenden Freitag soll Traton nun an die Börse, es ist der letztmögliche Termin vor der Sommerpause. Und es ist der erste wichtige Börsengang in Deutschland in diesem Jahr, aller Voraussicht nach wird es auch der größte. Trotzdem könnten sich Anleger zu Recht fragen, was es bringen soll, auf Lastwagen zu setzen. Schließlich scheinen Nutzfahrzeuge, wie es im Ingenieursdeutsch korrekt heißt, nicht mehr so richtig zum Zeitgeist zu passen. Sie sind laut und stoßen Abgase aus – unmöglich, sich da lieb Kind mit den Demonstranten von „Fridays for Future“ zu machen.

          Autoaktien haben seit längerem einen schweren Stand

          Ohnehin haben Autoaktien an der Börse seit längerem einen schweren Stand. Dies gilt trotz manch kurzfristiger Kurserholung insbesondere für die Aktien von VW: Die Folgen des Diesel-Betrugs, die Handelskonflikte in aller Welt und die zunehmende konjunkturelle Unsicherheit – zusammengenommen ergibt dies eine ungesunde Mischung, die den Kurs unter Druck bringt. Warum sollte die VW-Abspaltung Traton davon verschont bleiben?

          Das Spannende ist: Auch wenn man es intuitiv nicht vermuten würde, sind Lkw und Pkw an der Börse zwei ziemlich unterschiedliche Geschäfte. „Lkw sind die bessere Alternative“, sagt Jürgen Pieper, Autoanalyst des Bankhauses Metzler. Obwohl naturgemäß niemand mit völliger Sicherheit weiß, wie sich Börsenkurse entwickeln werden, könnte die Traton-Aktie also einen Blick wert sein.

          Hinter dem Kunstnamen Traton verbergen sich zwei bekannte Marken, die bisher unter dem Dach des Volkswagen-Konzerns weitgehend unabhängig voneinander gewerkelt haben – MAN (einst gegründet unter dem Namen Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg) und die schwedische Marke Scania. Hinzu kommt noch die südamerikanische Lkw-Sparte von VW, Volkswagen Caminhões e Ônibus. Für alle diese Marken gilt genauso wie für ihre wichtigsten Konkurrenten, den schwedischen Hersteller Volvo und die Truck-Sparte von Daimler:

          Sie alle müssen weniger stark fürchten, was den klassischen Autoherstellern derzeit so sehr zusetzt – die Angst vor Donald Trumps Strafzöllen. Lkw werden nämlich in viel geringerem Maße zwischen den Kontinenten gehandelt, als dies bei Personenwagen der Fall ist. Mögliche Exportzölle treffen Lkw-Hersteller darum nach Ansicht von Metzler-Analyst Pieper in wesentlich niedrigerem Umfang. Donald Trump muss Traton-Aktionären deswegen viel weniger Angst machen als VW-Investoren.

          Lastwagen bleiben für den Welthandel erst einmal unverzichtbar

          Praktischerweise kommt hinzu, dass auch das andere große VW-Problem die Lkw-Sparte kaum trifft: Der Diesel-Betrug ist allein für Pkw-Fahrer von Bedeutung. Die Lkw-Hersteller haben zwar ihren eigenen Skandal (siehe unten: Das LKW-Kartell – 650 000 Seiten Klageschrift), aber dessen Folgen sind weit weniger dramatisch.

          Um Design, Innenausstattung und größtmöglichen Komfort müssen sich Lkw-Entwickler ebenfalls weniger Gedanken machen als normale Autoentwickler. „Ein privater Autokauf funktioniert auch über Emotionen und Leidenschaft für das Fahrzeug“, sagt Fondsmanager Michael Muders von Union Investment. „Ein Lkw dagegen ist ein rein betriebswirtschaftliches Gut.“ Es zählt allein: Wie effizient ist das Fahrzeug, also welche Menge kann es transportieren, und wie viel Sprit verbraucht es? Während ein Privatwagen oft nur für kurze Strecken genutzt wird, muss ein Lastwagen viele Stunden Einsatzzeit pro Tag verkraften. Es kommt darum vor allem auf seine Robustheit an. Ob dem Fahrer sein Lkw gefällt, ist nicht so entscheidend.

          Aber ist angesichts einer erstarkenden Umweltbewegung überhaupt davon auszugehen, dass Lkw auch in Zukunft weiter gebraucht werden? Traton-Chef Andreas Renschler macht sich deswegen überhaupt keine Sorgen. Wenn die Leute sich beschwerten, warum so viele störende Laster herumführen, laute seine Antwort: „Ihr seid die Nachfrage, wie werden die Supermärkte sonst voll über Nacht? Daran wird sich nichts ändern, außer die frischen Orangen kommen eines Tages aus dem Drucker“, sagte Renschler vor einigen Wochen im F.A.S.-Interview.

          Lastwagen bleiben für den Welthandel erst einmal unverzichtbar, das sehen auch unabhängige Experten so. Wie aber umgehen mit dem lauter werdenden Ruf nach einem elektrischen Antrieb, der zumindest das klassische Pkw-Geschäft vollkommen verändern könnte? Der Wandel wird die Branche eine ganze Menge Geld kosten, auch Lkw sind hiervon zwar betroffen. Allerdings nicht im gleichen Tempo. Ein echter Truck, der jeden Tag weite Strecken zurücklegen muss, ist auf absehbare Zeit nicht elektrisch zu betreiben: Allein das Gewicht und der Platz für die benötigte Batterie wären so gewaltig, dass kaum noch Raum für die übrige Ladung bleiben würde. Daher müssen andere ökologische Antriebe entwickelt werden.

          Beim autonomen Fahren sind die Lkw-Hersteller in der Forschung schon weiter, haben doch ihre Kunden daran ein hohes Interesse: Kann ein Unternehmen sich die Fahrer sparen, macht dies das Geschäft noch profitabler. Auch hier zeigt sich: Wer sich um die Produktion von Lastwagen kümmert, hat eine etwas komfortablere Ausgangsposition als jemand aus der Pkw-Abteilung.

          Ungünstiger Zeitpunkt für einen Börsengang?

          So scheint der zweite Traton-Versuch nicht schlecht anzulaufen: Die Stimmung an der Börse ist in Ordnung, die Kurse haben zuletzt wegen der Aussicht auf eine weiter lockere Geldpolitik etwas zugelegt. Allerdings sollte man sich nichts vormachen. Ein Einbruch der Weltwirtschaft würde alle Lkw-Produzenten hart treffen. So gesehen, kommt der Traton-Börsengang zu einem ziemlich ungünstigen Zeitpunkt.

          Dennoch bestehe Hoffnung, sagt Metzler-Analyst Pieper. Sollte der erwartete Rückgang der Weltkonjunktur nämlich nicht zu stark ausfallen, könnte sich Traton allein dadurch besserstellen, dass man Synergien hebe, von denen Unternehmen den Anlegern gerne vorschwärmen. Bei Traton könnte tatsächlich einiges zu heben sein. Denn innerhalb des VW-Konzerns haben die stolzen Traton-Marken Scania und MAN bislang kaum zusammengearbeitet. Das heißt: Hier besteht in Forschung und Produktion erhebliches Sparpotential. So gibt es zumindest eine gewisse Aussicht darauf, dass sich Tratons gute Gewinnentwicklung der Vergangenheit fortsetzt.

          16,5 Milliarden Euro wäre Traton wert, wenn das Unternehmen am oberen Ende der Preisspanne von 33 Euro je Aktie an den Markt käme. Dies macht den Konzern mit immerhin rund 80 000 Mitarbeitern zu einem Schwergewicht an der Börse. Die Aktie wäre gemessen an den erwarteten Gewinnen in etwa so teuer wie der wichtige Konkurrent Volvo, was zeigt: Die Preisvorstellung scheint realistisch zu sein. Größere Kurszuwächse sind vorstellbar, wenn Traton-Chef Renschler die neue Freiheit nutzt, um durch intelligente Zukäufe in Asien und Amerika zu wachsen. Allerdings muss ihn VW auch machen lassen. Der Wolfsburger Konzern behält zunächst rund 90 Prozent, will aber auf längere Sicht mehr Anteile abgeben.

          Zusammengenommen heißt all das: Auf längere Sicht spricht einiges dafür, dass sich der Kauf der Traton-Aktie lohnen wird, zumal das Unternehmen eine recht üppige Dividendenzahlung ankündigt. Auf kürzere Sicht aber werden Anleger gute Nerven brauchen. Trucks zu lenken, bleibt ein Abenteuer – ob an der Börse oder im richtigen Leben.

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