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Börsengang Ant Financial : Eine Ameise treibt Chinas Aktienkurse

Der Internetauftritt von Ant Financial, gesehen durch eine Lupe Bild: mauritius images / Louisa Svenss

Der Börsengang von Ant Financial soll den chinesischen Finanzplatz an die Weltspitze katapultieren. Rosige Aussichten für den Wirtschaftsstandort China dürften außerdem dazu beitragen.

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          Am größten Börsengang der Geschichte teilzunehmen ist für Chinas Kleinanleger ganz einfach. Auf der Smartphone-App Alipay einfach in einen von fünf Fonds investieren – beispielsweise 10.000 Yuan (1250 Euro) –, und schon wird 10 Prozent der Summe in den Kauf der Aktie von Ant Financial investiert, jenem Fintech-Konzern, dem die App Alipay gehört und der möglicherweise noch in diesem Jahr mit einem Emissionsvolumen von geschätzt bis zu umgerechnet 35 Milliarden Dollar noch mal deutlich mehr Geld einsammeln könnte als der saudischen Erdölkonzern Aramco bei seiner Erstnotiz Ende vergangenen Jahres.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Die Hälfte der Summe will Ant Financial an der Börse in Schanghai erlösen, die andere in Hongkong. Während sich die internationalen Fonds und Banken auf dem internationalen Finanzplatz auf der Insel um die Anteile ohnehin reißen, dürften aus Mangel an Alternativen in der von Corona gebeutelten Weltwirtschaft, stellt der Konzern eine ausreichende Nachfrage auf dem Festland auf andere Weise sicher.

          Am dortigen Schanghaier Börsensegment für Technologieaktien, dem Star Markt, dürfen eigentlich nur jene investieren, die mindestens 500.000 Yuan (62.500 Euro) auf ihren Brokerkonten haben. Das soll sicherstellen, dass Chinas Neuer Markt, der im vergangenen Jahr in Konkurrenz zur New Yorker Nasdaq an den Start gegangen ist, nicht dasselbe Schicksal erleidet wie die Kurse an der klassischen Schanghaier Mutterbörse: Diese fuhren über die Jahre wie eine Achterbahn hinauf und hinunter, so dass nach zehn Jahren gerade mal ein Gewinn von 24 Prozent zu Buche steht. Der Kurs des amerikanischen Leitindex Dow Jones stieg in diesem Zeitraum um fast das Dreifache.

          Damit jedoch auch die chinesischen Kleinanleger vom Börsengang des Anbieters der App Alipay profitieren können, die mehr als jeder zweite Chinese auf seinem Smartphone hat, können diese über den Umweg der Fonds in Ant Financial investieren. Einzige Bedingung: eine Haltefrist von 18 Monaten, damit die Kurse der Ant-Aktie nicht gleich wieder ins Bodenlose fallen, wenn die Ersten ihren Gewinn gleich wieder mitnehmen wollen.

          So wie im Schanghaier Straßenverkehr in manchen Gegenden in der Innenstadt gleich zwölf Polizisten an der Kreuzung stehen und jeden hinauswinken, der im Auto falsch die Spur wechselt, auf dem Fahrrad an unerlaubtem Platze fährt oder als Fußgänger das Rotlicht missachtet, will Chinas Staat die Gelegenheit des Ant-Börsengangs nutzen, um das chinesische Volk zur Disziplin zu erziehen. Das hat in der Vergangenheit an der Börse begeistert gezockt, hat sich beim Kaufen und Verkaufen von Aktien jedoch selten an Fundamentalwerten wie der Umsatzentwicklung orientiert, sondern eher am Bauchgefühl und einer guten Portion Lust am Risiko.

          In einer Welt, die geprägt ist von Corona und dem amerikanisch-chinesischen Handelskrieg, soll nun endlich auch nicht nur das Finanzzentrum Hongkong, sondern auch die Börsen auf dem Festland aufsteigen in die erste Liga. Die Gelegenheit dazu ist günstig. Weil China, in dem vermutlich im Dezember in der Stadt Wuhan das Coronavirus ausgebrochen war, das Land von Ende Januar an praktisch lahmgelegt und in weiten Teilen mit brutalen Methoden unter Quarantäne gestellt hat, scheint die Pandemie innerhalb der weitgehend geschlossenen Staatsgrenzen so gut wie besiegt. In der Folge haben die Festlandbörsen eine der besten Entwicklungen aller Aktienmärkte rund um den Globus hingelegt.

          Bild: Refinitiv/ F.A.Z-Grafik Kaiser

          Vom Jahresbeginn an gerechnet, liegt der Schanghaier Leitindex Composite wieder im Plus, während die Kurse in New York und Frankfurt weiter klar im Minus sind. Seit dem Tiefpunkt des Shanghai Composite Ende März hat sein Wert sogar um über ein Fünftel zugelegt. An der Börse im südlichen Shenzhen, wo vor allem Technologieaktien notiert sind, sieht es noch besser aus. Hier steht ein Kurssprung seit dem Tiefpunkt um fast zwei Drittel zu Buche.

          Es ist nicht nur der Mangel an Freizeitbeschäftigung der chinesischen Kleinanleger, der die Kurse treibt. Zwar ist es eine Tatsache, dass im Jahr der Pandemie viele Chinesen zum Aktienhandel gefunden haben, während sie wochenlang zu Hause in der Quarantäne ausharren mussten. Dass sich die eigentlich so reisefreudigen Chinesen zudem weiter kaum ins Ausland trauen, trägt auch zur neuen Börsenfaszination bei. Ausschlaggebend, so sind sich alle Beobachter einig, ist jedoch eine andere Entwicklung: Mit der chinesischen Wirtschaft geht es wieder deutlich aufwärts. Als einziges großes Industrieland dürfte China am Jahresende ein Bruttoinlandsprodukt vermelden, das nach Schätzung des Internationalen Währungsfonds gegenüber dem Vorjahr gewachsen ist.

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