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Börsengang in Hongkong : Jetzt hat Alibaba fast so viel Bargeld wie Apple

Viel Prominenz bei Alibabas Börsendebüt in Hongkong Bild: Reuters

Bewacht von Bereitschaftspolizei in Kampfmontur hat der Internetkonzern in Hongkong ein erfolgreiches Zweitlisting hingelegt. Der erste Börsentag war vielversprechend.

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          Draußen vor dem „Exchange Square“-Hochhäusern, die Hongkongs Börse beherbergen, marschierte die Bereitschaftspolizei in grün-schwarzer Kampfmontur. Drinnen plazierte der chinesische Internetkonzern Alibaba am Dienstagmorgen zum zweiten Mal nach dem Jahr 2014 seine Aktien – und verhalf mit einem erfolgreichen Börsengang dem Hongkonger Finanzplatz wieder zu Glanz, nachdem dieser sechs Monate lang von teilweise gewalttätigen Protesten voller von Tränengas getränkter Straßenkämpfe in eine seiner schwersten Krisen gestürzt war. Unternehmensgründer Jack Ma, der sich jüngst aus der Führung Alibabas zurückgezogen hatte, war allerdings im Gegensatz zur Erstnotiz vor fünf Jahren dieses Mal nicht in der ersten Reihe mit dabei.

          Deutliches Kursplus

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Gegenüber dem Ausgabepreis von 176 Hongkong-Dollar (20,41 Euro) stieg der Kurs der Aktie bis zum Handelsschluss um 6,6 Prozent auf 187,60 Hongkong-Dollar (21,76 Euro). Damit sammelte Alibaba in Hongkong umgerechnet etwas über 10 Milliarden Euro an frischem Kapital ein. Es handelt sich um den größten Börsengang in diesem Jahr. Durch weitere Zugriffsrechte von Banken könnte der Betrag noch steigen, wird jedoch wohl deutlich unter dem Ziel bleiben, das der Konzern noch Anfang des Monats anvisiert hatte.

          Beobachter vermuten, dass Alibaba mit einem Ausgabepreis am unteren Ende der geplanten Spanne die Gefahr vermeiden wollte, dass die Nachfrage nach den Aktien nicht so stark ausfalle wie erhofft. Schließlich hatten Beobachter im Vorfeld vermutet, dass der Konzern trotz der blutigen Proteste in Hongkong nur deshalb zu diesem Zeitpunkt an die Börse geht, weil die chinesische Regierung in Peking ein Zeichen der Stärke an die internationale Finanzwelt senden wollte. Der Sprung auf das Handelsparkett in Hongkong wurde nach Regeländerungen des Börsenbetreibers HKEX im vergangenen Jahr möglich.

          ALIBABA GR.HLDG SP.ADR 8

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          Trotzdem ist Alibaba damit in Hongkong mit einem Schlag das Unternehmen mit der größten Marktkapitalisierung. Dem wichtigsten Börsenindex Asiens, dem Hang Seng, half das am Dienstag nur bedingt. Der Index, der die Kurse der 50 größten und meistgehandelten Unternehmen an der Börse abbildet, sank bis zum Handelsschluss im Vergleich zum Vortag leicht um 0,3 Prozent.

          Das allerdings ändert nichts daran, dass sich alle Beobachter einig sind, dass Alibaba mit dem Zweitlisting in Hongkong ein Coup gelungen ist. Denn langfristig will sich der Konzern unabhängiger machen vom amerikanischen Kapitalmarkt. Dort hatte er vor fünf Jahren in New York seine Erstnotierung hingelegt, in der er fast 22 Milliarden Dollar einsammelte und seitdem den größten Börsengang der Geschichte stellt.

          Gegenwind in Amerika

          Diesen Titel könnten die Chinesen allerdings an den staatlichen saudi-arabischen Ölkonzern Saudi Aramco verlieren, der das wahrscheinlich profitabelste Unternehmen der Welt ist und seine Erstnotiz an der saudischen Börse Tadawul in Riad am 11. Dezember plant.

          So wie auch im Zuge des Handelskriegs zwischen den beiden größten Wirtschaftsmächten, den Vereinigten Staaten und China, der amerikanische Präsident Donald Trump Druck auf amerikanische Unternehmen ausübt, sich aus China zurückzuziehen, werden in Amerika die Rufe lauter, dass chinesische Unternehmen von amerikanischen Börsen genommen werden sollen.

          Derzeit sind 150 Firmen aus China an Amerikas Börsen notiert. Die größten davon, die Internetkonzerne Alibaba, Baidu und JD.com, haben zusammen eine Marktkapitalisierung von mehr als 500 Milliarden Dollar.

          Der Schanghaier E-commerce-Analyst Li Chengdong, der früher für die Internetkonzerne Tencent und JD.com gearbeitet hat, glaubt vor diesem Hintergrund den wahren Grund für Alibabas Zweitnotiz in Hongkong zu kennen. Damit wolle der Konzern das Risiko eines erzwungenen Rückzugs aus den Vereinigten Staaten mindern und zudem das starke Vertrauen der Chinesen in die ihr wohl bekannte Marke zu Geld machen. Durch den Investment-Tunnel „Shanghai–HongKong Stock Connect“ können auch Festlandchinesen bis zu einer Kappungsgrenze an der Hongkonger Börse Aktien kaufen.

          Dass Alibaba seinen Börsengang in Hongkong vor allem aus politischen Gründen zum jetzigen Zeitpunkt durchgezogen hat, dafür spricht die Einschätzung von Analysten, dass der Konzern das frisch eingenommene Kapital derzeit eigentlich nicht braucht. Nach der Emission sitzt das Unternehmen auf einem Bargeldbestand in Höhe von rund 43 Milliarden Dollar.

          Unter den weltweit börsennotierten Unternehmen hat nur der kalifornische iPhone-Hersteller Apple mit rund 49 Milliarden Dollar mehr Geld zur freien Verfügung. Die Frage ist, was Alibaba-Vorstandschef Daniel Zhang mit seiner Kriegskasse vorhat.

          Alibaba hat gesagt, dass es das Geld für weitere Zukäufe nutzen wird, womöglich in China selbst für Dienste wie den Esssenslieferservice Ele.me, den es im vergangen Jahr für 9,5 Milliarden Dollar übernommen hatte. Außerdem wird Alibaba wohl die Läden seiner Lebensmittelketten in Lieferdienste umwandeln und stark in das Cloud-Geschäft investieren.

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