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Technische Analyse : Was geht noch im Dow Jones?

  • -Aktualisiert am

Wie geht es weiter an der New Yorker Wall Street? Bild: AFP

Ist die Luft an der Börse nach oben raus? Eine Antwort ist schwer, denn so leicht machen es einem die Märkte nicht. Eine technische Analyse.

          In den vergangenen Jahren habe ich an dieser Stelle schon das eine oder andere Mal geschrieben, dass mir meine Arbeit auch deswegen viel Freude bereitet, weil ich viele Fehler machen darf. Ehrlich gestanden, hätte ich stets noch den folgenden Nachsatz hinzufügen sollen: Diese Freude empfinde ich vor allem dann, wenn ich gerade keine Fehler mache. In jedem anderen Fall ist es ein schwerer Gang. Dieser Beitrag ist ein schwerer Gang.

          Es steht völlig außer Frage, dass sich meine Erwartungen an die Aktienmärkte in den vergangenen beiden Monaten in sehr überschaubaren Grenzen hielten. Niemals hätte ich zum Beispiel damit gerechnet, dass der amerikanische Leitindex Dow Jones auch nur in die Nähe seiner bisherigen historischen Bestmarken knapp unter 27.000 Punkten gelangen würde. Die Wahrscheinlichkeit für eine solche fulminante Rally lag in meinen Augen weit unter 50 Prozent. Dennoch gelang dem weltweit bekanntesten und beachteten Börsenbarometer diese Rally. Wieder einmal bleiben zwei zentrale und eigentlich banale Erkenntnisse zurück: Wahrscheinlichkeiten sind erstens eben nur Wahrscheinlichkeiten und keine Gewissheiten. Deshalb darf ich zweitens nicht nur Fehler in erheblichem Umfang machen – ich werde sie sogar immer wieder machen müssen.

          Was ist nun von dieser Entwicklung zu halten? Wenn sich ein Chart deutlich fester zeigt, als dies im Durchschnitt zu erwarten war, dann ist dies im Regelfall ein Zeichen von Stärke. Man sollte diesem Chart künftig also eher mehr zutrauen: Ein Aufwärtstrend könnte sich weiter fortsetzen und Abwärtstrends den Bären weniger Laune bereiten als ursprünglich gedacht. Das gilt in erster Näherung auch aktuell für den Dow Jones.

          Nun bestehen technische Analysen aus vielen Facetten. Eine einzige Erkenntnis reicht so gut wie nie für eine gute Prognose aus. So leicht machen es einem die Märkte nicht. Um eine Parallele zu ziehen: Ein fundamentaler Analyst, der allein auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis schaut, wird früher oder später nicht allzu viel Spaß mit seinen Prognosen haben. Deshalb gilt es weiter Beobachtungen in die Analyse mit einzubeziehen. Die aktuell technisch bedeutendste:

          Der Dow Jones ist an seinen historischen Bestmarken aus dem vergangenen Jahr gescheitert. Der Widerstandsbereich zwischen 26.650 und 26.850 Punkten, den Gipfelpunkten der Rallys aus dem letzten Jahr, erwies sich in den Wochen rund um Ostern als nicht überwindbar. Diese Entwicklung war wahrscheinlich. Allzeithochs sind mächtige Widerstände. Die dort aufkommende Abgabebereitschaft macht ein Scheitern im ersten Anlauf in den meisten Fällen zum Normalfall. Weniger normal ist, wie der Dow Jones gescheitert ist: krachend.

          Bei entscheidenden Indikatoren klare Schwächesignale

          Beispielsweise ließ die Dynamik nach oben zuletzt erheblich zu wünschen übrig – die nach unten gerade in den letzten Tage hingegen bestimmt nicht. Das muss hellhörig machen: Oft gibt die Dynamik Aufschluss über die Hauptrichtung des Marktes. Wichtiger noch: Die Bemühungen des Dow Jones, sich im Bereich seiner Bestmarken zumindest zu etablieren, hinterließ bei entscheidenden Indikatoren klare Schwächesignale. Während der Dow Jones noch neue Zyklushochs markierte, blieben diese Indikatoren hinter ihren bisherigen Hochs zurück. Mit diesen „negativen Divergenzen“ ist selten zu spaßen

          Beides konterkariert die anfänglich attestierte Stärke und ist im Kontext weiterer technischer Momente ein relativ klarer Hinweis darauf, dass die Luft nach oben erst einmal raus und der Blick nach unten zu richten ist. Neue Bestmarken über 27.000 Punkte sind deshalb zwar nicht unbedingt für alle Zeiten aufgehoben, aber wohl schon für längere Zeit aufgeschoben. Ins Blickfeld rückt vielmehr die Unterstützungszone zwischen 23 500 und 23 850 Punkten. Dieser Bereich stellt momentan für die nächsten Monate zwar mehr den schlechtesten Fall als ein durchschnittlich wahrscheinliches Szenario dar. Aber erstens könnte sich das schon bald ändern, und zweitens hat gerade an den Finanzmärkten Vorsicht noch nie geschadet.

          War meine negative Einschätzung des Dow zuletzt also doch nur so eine halbe Fehlprognose? Ich denke, als Analyst tut man gut daran, sich nicht mit solchen Fragen aufzuhalten. Nicht richtig ist nicht richtig und wird auch durch eine rückblickende Neuinterpretation nicht besser oder richtiger. Eine Ergänzung:

          Sollte der Dow Jones es explizit wider Erwarten schaffen, die bisherigen Bestmarken hinter sich zu lassen, würde sofort erheblicher neuer Spielraum nach oben entstehen. Typischerweise stünden dann weitere 5 bis 10 Prozent auf der Agenda: Die in den letzten Jahren schon beeindruckend starke Wall Street würde sich ein weiteres Denkmal setzen. Dann wäre es auch nicht mehr statthaft, meine für beide Seiten des Atlantiks bekanntermaßen sehr zurückhaltende Einschätzung des Aktienjahres 2019 aufrechtzuerhalten.

          Und dann hätte ich wieder – noch – mehr Freude an meinen Beruf: Denn neben Fehlprognosen komme ich emotional auch nach fast 30 Berufsjahren mit „Fällt“-Prognosen nicht so richtig klar. Vor allem, wenn sie richtig sind.

          Der Autor leitet die Staud Research GmbH in Bad Homburg.

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