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Börse in Sydney : Rekordfieber in „down under“

An der australischen Börse in Sydney stehen die Aktienkurse auf dem höchsten Stand seit 12 Jahren. Bild: AFP

Der Aktienmarkt in Australien nimmt nach fast zwölf Jahren eine wichtige Hürde. Die Anleger wollen dem Frieden nicht so recht trauen.

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          Der Himmel über Australien klart auf und der Aktienindex des Landes hat endlich seinen Rekordstand aus den Monaten vor der Weltfinanzkrise 2008 hinter sich gelassen. Am Montag schloss der S&P/ASX 200 nach einem Anstieg um 32 Punkte noch bei 6825,8 Punkten, nicht einmal 3 Punkte unter seinem Höchststand von 6828,7 am 1. November 2007. Einen Tag später war es dann soweit. Am Dienstag schloss der Index mit einem Plus von 0,3 Prozent bei 6845 Punkten auf einem Rekordhoch. Als der Index den Rekord vergangene Woche streifte, wurde noch nicht gefeiert – als sei das in diesem Tagen politisch nicht korrekt.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Vielleicht hängt die Stille allein damit zusammen, dass es vom Höchststand vor knapp zwölf Jahren nur wenige Wochen dauerte, bis die Krise losbrach. Und damit, dass die australische Notenbank RBA es just in der vergangenen Fast-Rekord-Woche für nötig hielt, die Wirtschaft weiter anzufeuern. Läuft sie also gar nicht so rund, wie die Märkte vermuten lassen? Politisch sieht die Lage „down under“ immer besser aus.

          Die völlig unerwartet und nur knapp wiedergewählte Regierung sitzt fester und fester im Sattel. Der neue alte Ministerpräsident Scott Morrison verzeichnete bei der Meinungsumfrage am Sonntag den größten Vorsprung vor der Opposition seit Januar 2016 und damit sowieso in seiner kurzen Amtszeit. Vor dem von der Wirtschaft gefürchteten Labor-Führer Anthony Albanese führt Morrison nun mit 48 gegenüber 31 Prozent der Stimmen.

          Damit sehen die Börsianer größere Chancen für die Fortsetzung der wirtschaftsfreundlichen Politik der konservativen Liberalen in Canberra. Dass Morrison zuvor das Füllhorn über seine Bürger ausgeschüttet hatte, mit Steuersenkungen im Wert von 158 Milliarden australischen Dollar (98,06 Milliarden Euro) und Subventionen für die von der Dürre geschlagenen Bauern, kommt ihm natürlich zugute.

          Die Bewertung einiger Papiere ist hoch

          Wichtiger noch sind aber die Äußerungen des zurückhaltenden Notenbankgouverneurs Philip Lowe. Er verkündete vergangene Woche, Australien stehe vor einer längeren Periode der Niedrigzinsen. Zuvor hatte er im Juni und Juli den Leitzins auf nur noch ein Prozent gedrückt. Auf ein solches Signal haben die Spekulanten und Investoren eigentlich gehofft – auch wenn es sie zugleich in seinem Volumen zu verunsichern scheint. Seit Jahresbeginn haben sie den Index in Australien schon um 20 Prozent aufwärtsgetrieben.

          Zwar liegen die Bewertungen einiger Papiere hoch, doch gilt im risikofreudigen Australien mehr als sonst wo, dass ein Mangel an Alternativen den Aktienmarkt treibt. Aktien seien noch das schönste Haus in einer hässlichen Straße, sagte ein Händler am Montag. Der sonst so wichtige Immobilienmarkt ist nach den Preisrückgängen zumindest vorübergehend ausgebremst. Auf diesem Niveau gibt es schlicht keine Angebote von Häusern und Appartements. Die potentiellen Verkäufer sitzen auf ihren Immobilien, weil sie darauf spekulieren, dass die Niedrigzinspolitik Lowes die Preise über kurz oder lang anheizen werde.

          Lowe ist für Australien wichtig, sein Gegenüber der amerikanischen Fed aber ist wichtiger. Doch schwingt Jerome Powell im selben Takt: Auf der ganzen Welt rechnen die Börsianer damit, er werde den Leitzins am frühen Donnerstagmorgen in Australien um weitere 0,25 Prozentpunkte senken und damit die Märkte ein weiteres Mal anfeuern. Wäre es gar ein halber Prozentpunkte, drohten Investoren indes in Unsicherheit zu geraten und sich zu fragen, welches Gespenst Powell am Horizont ausmache, das sie nicht erkennen können.

          „Die meisten Risiken schmelzen derzeit“

          John Normand, der Chefstratege für Anlagen bei der amerikanischen Investmentbank JP Morgan, sieht die Aktien-Welt dementsprechend rosig: „Die meisten Risiken schmelzen derzeit“, lässt er sich zitieren. „Viele der Risiken, die wir beobachten, wie Gewinne, Geopolitik und die Reaktionen der Notenbanken, klingen ab.“ Werden die Erwartungen für die nächsten Tage Wirklichkeit, dürfte der ASX an der Börse in Sydney also die Rekordmarke vielleicht schon am Dienstag nehmen. Die vorsichtigen Stimmen sind relativ leise. Zu ihnen zählt die Bank Morgan Stanley, die davor warnt, dass die Berichtssaison im August für hässliche Überraschungen sorgen könne. Denn die Preise für die Anteilscheine lägen inzwischen so hoch, dass Firmen sich schon sehr anstrengen müssten, die Erwartungen zu erfüllen.

          Dies könnte etwa auf Bodenschatzaktien wie diejenige von BHP zutreffen. Ende der Woche will der Konzern zeigen, was er sich aus dem Geschäft rund um Batterien für Elektroautomobile erwartet. Zugleich hat er zwischen den Zeilen mit einem Ausstieg aus der Kohle spekuliert (F.A.Z. vom 24. Juli), was ihm langfristig Zugang zu anspruchsvollen Finanzquellen sichern sollte. Dauerbrenner wie das Softwarehaus Atlassian oder der Milchkonzern A2 sind schon extrem hoch bewertet, scheinen aber ungebremst weiterzulaufen.

          Und dann gibt es Nachzügler wie den Avocado- und Beeren-Konzern Costa, der sich im vergangenen Jahr heftig die Finger verbrannte, dessen Wert sich nach schlechten Ernten halbierte, der nun aber wieder in einer frühen Aufwärtsbewegung ist. All dies könnten Käufe sein für jene, die Lowe vertrauen und einen längeren Anlagehorizont haben. Die Aktie des Spielhallen-Konzerns Crown Resorts gab aufgrund von Zeitungsberichten über Verflechtungen mit der chinesischen Mafia am Montag satte 3 Prozent nach.

          Wer weder Häuser noch Aktien kaufen mag, kann sich an Auktionen von Luxuswaren versuchen. Gut erhaltene Sessel des australischen Designers Grant Featherston aus den fünfziger Jahren, die in den Achtzigern reihenweise auf dem Sperrmüll landeten, kommen heute schon für 15.000 australische Dollar unter den Hammer – Tendenz um mehr als zehn Prozent jährlich steigend. Eine Renaissance erleben Bilder australischer Maler, auch die nach Skandalen über Jahre gebeutelte Aboriginal-Kunst. Und schließlich – wie könnte es anders sein – auch gute Weine. Und das erst recht, wenn Aktionäre auf einen nach fast zwölf Jahren gebrochenen Rekord anstoßen.

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