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Frisches Gas und Chaos in Rom : Dax, Euro und italienische Renditen reagieren mit heftigem Auf und Ab

Die Sonne geht auf über der Gasempfangsstation der Ostseepipeline Nord Stream 1 im Industriegebiet von Lubmin. Bild: dpa

Die Anleger erleben am Donnerstag ein Wechselbad der Gefühle. Die wieder aufgenommenen Gaslieferungen Russlands und Draghis Rücktritt halten den Dax auf Trab. Italiens Rendite legt zu.

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          Mit großer Erleichterung hat die Börse am Donnerstag auf die Wiederaufnahme des Gasflusses durch Nord Stream 1 reagiert. Allerdings trieb die sich zuspitzende Regierungskrise in Italien den Anlegern neue Sorgenfalten auf die Stirn. Nach einigem Auf und Ab gab der Dax vor der Sitzung der Europäischen Zentralbank bis zum Mittag um knapp 1 Prozent auf 13.160 Punkten nach. Pharma- und stark vom Gas abhängige Chemiewerte wie Merck KGaA und Brenntag legten unter den größten Tagesgewinnern im Dax um rund 4 und 2 Prozent zu. Die Aktie des Gasimporteurs Uniper, der um einen Einstieg des Staates verhandelt, sprang im M-Dax heftig auf und ab. Anfangs um 5 Prozent im Plus rutschte die Uniper-Aktie bis Donnerstagmittag 6 Prozent ins Minus und kostete 11,05 Euro.

          Hanno Mußler
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Darüber hinaus bewegten frisch vorgelegte Halbjahreszahlen die Kurse. Ganz vorn an der Dax-Spitze lag Satorius mit einem satten Plus von 6 Prozent. Der Laborausrüster übertraf mit seinen Halbjahreszahlen die Erwartungen. Dagegen litt die Aktie von SAP darunter, dass der Softwarehersteller wegen des Russland-Krieges seine Gewinnzielspanne für dieses Geschäftsjahr herabsetzen musste. Die SAP-Aktie verlor am Donnerstag deutlich um fast 3 Prozent auf 88,25 Euro. Noch stärker verlor nur der Kochboxenlieferant Hellofresh, der am Mittwochnachmittag einen höheren Umsatz und ein besseres Ergebnis für das zweite Quartal vorgelegt hat als Experten erwartet hatte. Gleichwohl senkte Hellofresh seine Ziele für 2022.  

          SAP

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          Der Euro, der unter den Spannungen zwischen der EU und Russland leidet und vor einer Woche unter die Parität zum Dollar gerutscht war, legte am Donnerstagmorgen zunächst um einen halben Cent auf 1,022 Dollar zu. Als dann wegen des Rücktritts von Italiens Premierminister Mario Draghi neue Sorgen über die Schuldentragfähigkeit Italiens aufflammten, rutschte der Euro wieder unter 1,02 Dollar. Die Rendite italienischer Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit legte von 3,2 Prozent am Mittwoch auf mehr als 3,5 Prozent am Donnerstagmittag zu.

          Holger Schmieding, der Chefvolkswirt der Bank Berenberg, kommentierte, ein Anstieg der italienischen Rendite vor allem im Abstand zu deutschen Bundesanleihen könne genau das Zeichen sein, um eine künftige italienische Regierung daran zu erinnern, wie viel Italien zu verlieren habe - nämlich etwa 5 Prozent seiner Jahreswirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt). So groß sei das EU-Programm NextGenEU im Fall Italiens, das den in der Corona-Pandemie offensichtlich gewordenen Investitionsbedarf etwa in der digitalen Infrastruktur finanzieren soll. Die EZ-Zahlungen sind allerdings an gewisse Auflagen an eine solide Finanzpolitik geknüpft. Italien dagegen ist schon mit rund 130 Prozent seiner Jahreswirtschaftsleistung hochverschuldet. Wie Schmieding darlegt, liegen 26 Prozent der italienischen Anleihen in der Bilanz der Europäischen Zentralbank.   

          Damit erhält die Sitzung des geldpolitischen Rats der Europäischen Zentralbank am Donnerstagmittag zusätzliche Würze. Anleger gehen fest davon aus, dass die EZB erstmals seit mehr als zehn Jahren den Leitzins erhöhen wird. Allein das Ausmaß, ob um 0,25 oder um 0,5 Prozentpunkte, ist unklar. Darüber hinaus soll auf der Sitzung ein Instrument vorgestellt werden, mit dem das Auseinanderlaufen der Renditen zwischen etwa Deutschland und Italien verhindert werden kann. Schmieding weist daraufhin, dass selbst wenn die EZB jetzt alle Staatsanleihekäufe einstellen würde, die italienischen Anleihen in ihrer Bilanz noch nahezu vollständig bis wenigstens Ende 2024 verblieben. Die Zinszahlungen, die Italien auf seine Staatsschuld gegenwärtig zahlen müsse, hätten im ersten Quartal 2022 dank der Niedrigzinspolitik der EZB  nur 3,7 Prozent der Wirtschaftsleistung ausgemacht - damit befände sich ihr Anteil nahe  einem Dreißig-Jahrestief.

          EUR/USD

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          Schon in den vergangenen beiden Tagen hatte Anleger begonnen darauf zu setzen, dass Russland seine Gaslieferungen nach 10 Tagen Wartungsarbeiten wieder aufnimmt. Allerdings gab es große Ängste, dass Russland nach den Sanktionen des Westens wegen seines Angriffes auf die Ukraine die Gaslieferungen drosseln oder gar nicht wieder aufnehmen könnte. Zusammen mit den steigenden Preisen für viele Rohstoffe und den deshalb zur Bekämpfung der Inflation notwendigen Zinserhöhungen durch Notenbank ergibt sich ein Szenario, in dem eine Rezession immer wahrscheinlicher wird. Die Erwartung einer schwächeren Wirtschafstleistung spiegelt sich auch in der Nachfrage nach Öl. Der Rohölpreis der Sorte Brent zeigte am Donnerstag eine eher negative Reaktion auf die wieder aufgenommen Gaslieferungen Russlands. 159 Liter Brent kosteten am Donnerstagmorgen gut 106 Dollar und damit etwa einen Dollar weniger als vor zwei Tagen.

          Wie aus der monatlichen Umfrage unter Fondsmanager der Bank of America Merrill Lynch hervorgeht, ist der Pessimismus unter Aktienanlegern derzeit sehr hoch.  Die Fondsmanager hielten so wenig Aktien wie seit dem Jahr 2008 nicht mehr, als die Pleite der amerikanischen Bank Lehman Schockwellen durch die Finanzmärkte jagte. Die Fachleute der Bank of America interpretieren die Umfrage als Kontraindikator: Eine Rezession sei eingepreist, die volle Kapitulation am Aktienmarkt sei erreicht. Nach der Bereinigung im ersten Halbjahr 2022, in dem die wichtigsten Aktienindizes wie der amerikanische S&P 500 und der deutsche Dax mehr als 20 Prozent gefallen sind, könne es nun wieder aufwärts gehen.

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