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Börsenstars 2017 : Der Tec-Dax hängt alle ab

Der Unternehmenssitz des Spezialmaschinenbauers Aixtron Bild: Reuters

Kennen Sie Firmen wie Siltronic und Aixtron? Sollten Sie. Denn sie locken mit hohen Gewinnen. Auch generell lohnt sich ein Blick auf den Tec-Dax.

          Von diesen Unternehmen dürften die allermeisten Deutschen noch nie etwas gehört haben: Aixtron oder Siltronic – unter diesen Namen könnte man sich alles Mögliche vorstellen, aber nicht unbedingt die deutschen Börsenstars des Jahres. Tatsächlich handelt es sich bei den beiden Firmen aber genau darum: Die Aktie von Aixtron hat seit Jahresanfang stolze 270 Prozent an Wert zugelegt, die Siltronic-Aktie um rund 170 Prozent.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Weitgehend unbekannte Aktien, die exorbitant an Wert zulegen, machen in aller Regel misstrauisch. Schnell kommt der Verdacht auf, es könne sich um sogenannte Pennystocks handeln, deren Kurse von ein paar Spekulanten manipulativ in die Höhe getrieben wurden.

          Doch nichts dergleichen ist wahr. Aixtron und Siltronic gehören vielmehr zu einem deutschen Börsenindex, der neben dem berühmten Dax häufig in Vergessenheit gerät. Die Rede ist vom Tec-Dax, zu dem die 30 wichtigsten deutschen Technologieaktien unterhalb des Dax zählen (gemessen an der Marktkapitalisierung und am Handelsumsatz an der Börse).

          Eine besondere Mischung

          Nun könnte manch ein Anleger über diese Bezeichnung zunächst ins Schmunzeln geraten. Deutsche Technologieaktien? Ein Unternehmen wie den iPhone-Hersteller Apple, die weltweit wohl bekannteste Technologieaktie, sucht man hierzulande vergebens. Die Dax-Werte SAP und Infineon fallen einem in der Kategorie vielleicht noch ein, das war es dann aber auch schon.

          Warum also sich mit dem Tec-Dax beschäftigen? Weil dieser Index trotz seiner Unbekanntheit in diesem Jahr den Dax weit hinter sich gelassen hat. Seit Jahresbeginn hat der Tec-Dax um 39 Prozent an Wert zugelegt, der Dax kam im Vergleich dazu auf lediglich 15 Prozent. „Der Tec-Dax ist ein Börsenbarometer mit vielen hervorragenden Unternehmen“, sagt Björn Glück, Fondsmanager des Anlagehauses Lupus Alpha.

          „Nicht darum gekümmert, nach mir die Sintflut“: Die Hypothekenpapiere aus der Vor-Finanzkrisen-Ära gibt es heute nicht mehr.

          Dass sich der Index einmal so gut entwickeln würde, war nicht vorherzusehen. Der Tec-Dax hatte keinen einfachen Start: 2003 als Nachfolger des berüchtigten Nemax 50-Index ins Leben gerufen, zu dem viele, letztlich enttäuschende Internetfirmen gehörten, betrachteten ihn die Anleger zunächst mit Misstrauen.

          Heute ist das nicht mehr nötig, im Gegenteil. Der Index macht Anlegern vor allem deshalb Freude, weil die darin enthaltenen Firmen eine besondere Mischung bilden. Grob gesagt, sieht diese Mischung so aus: Der Index setzt sich aus Internetfirmen wie United Internet, aus Biotechfirmen wie Morphosys und aus Unternehmen der Halbleiterbranche wie eben Aixtron und Siltronic zusammen.

          Fast 12 Milliarden Euro

          Um mit Letzteren zu beginnen: Unter dem Wort „Halbleiter“ können sich normale Menschen üblicherweise nichts vorstellen. Wenn man sich aber klarmacht, dass das deutsche Wort heute in der Regel durch den Begriff „Chip“ ersetzt wird, versteht man, warum sich die Aktienkurse solcher Firmen derzeit so gut entwickeln. Denn Computerchips, insbesondere Sensoren, sind die technische Neuerung, die heute fast überall zum Einsatz kommt – sei es im Auto oder im Smartphone.

          Aixtron, der Börsenstar des Jahres 2017, baut komplexe Anlagen und Maschinen, mit denen sich vor allem LED-Chips produzieren lassen. Siltronic, Börsenstar Nummer zwei, entwickelt die sogenannten Wafer – dies sind millimeterkleine Scheiben, die bei der Produktion von Computerchips eine wichtige Rolle spielen. „Solche Firmen entwickeln sich üblicherweise besonders gut in konjunkturellen Boomphasen wie derzeit“, sagt Fondsmanager Glück. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch: Läuft die Wirtschaft weniger gut, fallen die Aktienkurse dieser Unternehmen in der Regel stark.

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          Die Aktie von United Internet, mit einer Marktkapitalisierung von fast 12 Milliarden Euro einer der größten Werte im Tec-Dax, ist da weniger anfällig. Denn das Unternehmen um Gründer und Großaktionär Ralph Dommermuth hat sich vor allem mit sogenanntem Webhosting einen Namen gemacht. Das bedeutet: United Internet richtet Privatleuten und Firmen gegen eine fixe Jahresgebühr eine Internetseite ein und hilft – selbstverständlich wieder gegen Gebühr – beispielsweise dabei, dass die neue Internetseite möglichst gut zu finden ist (Stichwort: Suchmaschinenoptimierung). Da eine Homepage nur in den seltensten Fällen wieder abgemeldet wird und zudem ständig neue Domains (wie „.net“ oder „.tv“) entstehen, ist dies ein recht krisensicheres Geschäft.

          ETF oder einzelne Aktien

          Auch Biotechfirmen wie Morphosys sind weitgehend unabhängig von der Wirtschaftsentwicklung. Die Aktie hat in diesem Jahr ebenfalls stolze 60 Prozent an Wert gewonnen. Ein wichtiger Grund dafür: Im Juli erhielt ein Morphosys-Medikament gegen Schuppenflechte die Marktzulassung in den Vereinigten Staaten. Dies verdeutlicht zugleich aber auch, was mit den Aktienkursen von Biotechfirmen passiert, wenn Medikamente beispielsweise nicht für klinische Studien zugelassen werden – die Kurse geben dann kräftig nach. Die schlechteste Tec-Dax-Aktie des Jahres ist aber keineswegs eine Biotech-Aktie, sondern die Firma Nordex, ein Erzeuger von Windenergie.

          Bleibt die Frage: Sollen Anleger einzelne Aktien kaufen oder doch lieber einen ETF, der die Wertentwicklung des Tec-Dax exakt nachbildet, wie zum Beispiel der iShares Tec-Dax (ISIN: DE0005933972)? Die Antwort ist einfach: Wer Spaß daran hat, sich mit einzelnen Aktien zu beschäftigen, kann die Sache wagen. Wer sich damit nicht abmühen will, sollte den ETF kaufen. Egal, wie man sich entscheidet: Namen wie Aixtron oder Siltronic sollten dann jedenfalls keine Fremdwörter mehr sein.

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