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Zurück an die Börse : Das Comeback der Solaraktien

Großer Stromlieferant: Solarpark in der Pfalz Bild: Blue Elephant Energy

Die Solarbranche hat viele Jahre voller Pleiten und Kursstürze hinter sich. Nun zieht es den Hamburger Konzern Blue Elephant Energy an die Börse. Eine zweite Chance für die Branche.

          5 Min.

          Solar-Dax wurde er mal genannt, der Tec-Dax. Da kamen rund ein Dutzend der 30 Tec-Werte aus dem Bereich der Erneuerbaren Energien. Doch dann kamen die Chinesen. Ihre Solarmodule waren billiger, vielleicht auch besser, und die deutsche Solarbranche wurde dahingerafft. Pleiten und Kursstürze fegten die Aktien vom Parkett. Und das, obwohl alle Welt grüner Geld anlegen will.

          Daniel Mohr
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch nun kommt Blue Elephant Energy. Der Hamburger Solarkonzern könnte der erste seit vielen Jahren sein, der wieder den umgekehrten Weg geht: Börsengang statt Rückzug von der Börse. Der Boden ist bereitet. Im März hat die Deutsche Börse entschieden: Encavis und Nordex rücken in den M-Dax auf, SMA Solar in den Tec-Dax. Nach Jahren des Rückwärtsgangs steigen erstmals wieder Solar- und Windaktien auf. Ein Beleg, dass die Anleger nach Zeiten teils desaströser Verluste den Solar- und Windfirmen wieder vertrauen. Die Aktienkurse haben sich zeitweise kräftig erholt, zuletzt sind sie wieder ein gutes Stück gefallen.

          So unstet eben wie der Wind und die Sonne, werden Kritiker sagen. Doch wer genauer hinschaut, findet Geschäftsmodelle, die wesentlich besser plan- und kalkulierbar sind als in den meisten anderen Branchen. Blue Elephant zum Beispiel. „90 Prozent unserer Umsätze in den nächsten 15 Jahren sind schon fest kontrahiert“, sagt Felix Goedhart, der das Unternehmen vor fünf Jahren gegründet hat. Er kauft und betreibt Solar- und Windparks. Mit den Risiken von Genehmigungen will er nichts zu tun haben, das machen Projektentwickler, mit denen er schon viele Jahre zusammenarbeitet. Haben die alle Genehmigungen in der Tasche und können bauen, gibt Goedhart mit seiner Blue Elephant Energy AG das Geld und verkauft später den Strom.

          Einspeisevergütung hieß über viele Jahre das Zauberwort, mit dem in der Regel für zwanzig Jahre feste Preise für den Strom garantiert werden. „Mittlerweile sind wir komplett wettbewerbsfähig, gehen weg von den Einspeisevergütungen und schließen mit den Stromabnehmern direkt Verträge mit langen Laufzeiten“, sagt Goedhart. Gerade hat Blue Elephant in Spanien ein solches Projekt mit einem deutschen Energieversorger unter Dach und Fach gebracht, der für zehn Jahre den Strom aus einem 150-Megawatt-Solarpark in Spanien kauft.

          Hohe Solar-Renditen in der Karibik

          Blue Elephant ist mit seinen Projekten in West- und Südeuropa stark vertreten, betreibt den größten Solarpark Griechenlands und ist Marktführer in den Niederlanden. Aber auch der größte Solarpark der Karibik steht in den Büchern des Hamburger Unternehmens. „Wir haben mit dem staatlichen Energieversorger der Dominikanischen Republik einen lang laufenden Vertrag“, sagt Goedhart. „Die Rendite dort ist viel höher als hier, aber auch die Risiken sind größer.“ Ein ähnliches Projekt betreibt er in Chile. „Wir machen das nur mit Partnern zusammen, die wir lange kennen wie der DEG, der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft, einer Tochtergesellschaft der KfW.“ Solche Projekte schließen dann den Bau von Solaranlagen auf Schulen, den Kauf von Feuerwehrautos und die Unterstützung von Krankenhäusern und der Lebensmittelversorgung ein. „Das geht nur in enger Zusammenarbeit mit der lokalen Community.“

          Die Zahl der Sonnenstunden würde solche Projekte auch in Afrika sinnvoll erscheinen lassen. „Das ist aber sehr herausfordernd in diesen Ländern. Noch machen wir das nicht, wir müssen auch die Investoren und die Sicherheit ihres Geldes im Blick haben, aber mit Projektentwicklern, die wir kennen, und flankiert von der DEG wäre das auch denkbar“, sagt Goedhart. Gegründet hat der 57 Jahre alte Manager das Unternehmen zusammen mit elf Kollegen, mit denen er zusammen bei Encavis gearbeitet hat. Jenes Hamburger Unternehmen, das gerade in den M-Dax aufgestiegen ist, hat Goedhart neun Jahre als Vorstandsvorsitzender geführt und von einer existenzgefährdeten Mini-Firma zu einem der führenden Solarparkbetreiber in Deutschland gemacht.

          Felix Goedhart, 57, Chef von Blue Elephant Energy
          Felix Goedhart, 57, Chef von Blue Elephant Energy : Bild: Blue Elephant Energy

          Mit dem Geld der Familien Wacker (Wacker Chemie) und Jahr (ehemals Gruner und Jahr) sowie eigenen Mitteln hat er dann das Abenteuer gewagt, mit Blue Elephant noch mal ganz neu zu starten. Rund eine Milliarde Euro wurde seither investiert in 74 Solar- und Windparks in der Größe von 10 bis zu 100 Fußballfeldern. „Wir brauchen dafür eine ebene Fläche, manchmal sind es Industriebrachen, in der Regel aber landwirtschaftliche Flächen in bestenfalls mittelmäßiger Bodenqualität“, sagt Goedhart. „Alles andere würde uns auch unter erheblichen Rechtfertigungsdruck bringen. Wir achten sehr darauf, dass die Natur möglichst nicht beschädigt wird und Renaturierung an anderer Stelle stattfindet.“

          Das Wachstum des Unternehmens ist rasant. „Wenn die Chemiebranche anfängt, sich zu elektrifizieren, wenn wir grünen Wasserstoff wollen und immer mehr Elektroautos durch die Gegend fahren, dann brauchen wir sehr, sehr viel mehr Strom vor allem aus erneuerbaren Quellen, um die Klimaziele erreichen zu können“, sagt Goedhart. Eine Flächenknappheit dafür gebe es nicht, sagt der Manager, der früher mal Mitglied der Geschäftsführung des Sky-Vorgängers Premiere war und im Aufsichtsrat des Fußballvereins Hamburger SV sitzt.

          Gerade hat sich Blue Elephant neue Flächen in Deutschland für Anlagen mit 300 Megawatt gesichert, die etwa 120 000 Menschen im Jahr Strom liefern werden. Das nötige Kapital könnte ein Börsengang bringen, über den in Frankfurt schon spekuliert wird. Von 150 Millionen Euro ist die Rede, die dem Unternehmen aus einer Kapitalerhöhung zufließen könnten bei kolportierten Börsenwertschätzungen von bis zu einer Milliarde Euro. Das erscheint angesichts eines Jahresumsatzes der Blue Elephant Energy AG von 82 Millionen Euro in 2020 recht viel. „Aber unsere operative Gewinnmarge von 74 Prozent bei niedrigem Risiko dürfte für Investoren interessant sein“, sagt Goedhart. Exklusiven Zugang zu Projekten mit 1300 Megawatt Leistung hat er sich schon gesichert, die in den nächsten Jahren entstehen werden. Die aktuelle Pipeline bevorstehender Projekte wird auf rund 1700 Megawatt beziffert, was mehr als eine Verdopplung der aktuellen Kapazitäten darstellen würde. Das rasante Unternehmenswachstum der vergangenen Jahre könnte sich also fortsetzen.

          Gut planbares Geschäft

          Der Unterschied zu den früheren, gescheiterten Solar-Aktien ist, dass es nicht um die Herstellung von Solarmodulen geht. Hier hat sich vor allem die chinesische Konkurrenz durchgesetzt. Jetzt geht es um den möglichst effizienten Betrieb der Anlagen, gute Kontakte zu Projektentwicklern, Finanzierern, Energieanbietern, Regierungen, um solide, wasserdichte Verträge und damit letztlich ein gut planbares Geschäft. In seinen Jahren bei Encavis haben Goedhart und sein Team gezeigt, dass sie das können. Auch die Jahre seit der Gründung 2016 von Blue Elephant deuten in dieselbe Richtung, zumal mit den Familien Wacker und Jahr sehr renommierte Geldgeber hinter den Projekten stehen.

          Das ist natürlich keine Garantie für einen Selbstläufer am Aktienmarkt. Eine solche Garantie gibt es nicht. Viele Fondsmanager werden sich die Aktie aber näher anschauen, sollte sie tatsächlich an den Markt kommen. Immer mehr Anleger wollen nachhaltig und grün ihr Geld anlegen, und bei wenigen Aktien fällt die Argumentation leichter, sie ins Depot aufzunehmen als bei einem Solarparkbetreiber. Wobei Blue Elephant (Mitgründer und Geldgeber Peter-Alexander Wacker mag die Eigenschaften von Elefanten und hat schon mehrere Unternehmen entsprechend getauft) in kleinerem Rahmen auch Windanlagen betreibt. „Der Wind ist nicht so gut planbar, und die Themen optischer Störeffekt, Schall, Schattenwurf und Vogelflug sorgen für mehr Diskussionen“, sagt Goedhart. Baureife Projekte an Land nimmt Blue Elephant dennoch gerne ins Portfolio. „Wenn wir die Energiewende hinbekommen wollen, brauchen wir beides, Wind und Sonne.“ Und wenn es windstill und dunkel ist? „Diese Dunkelflaute haben wir vielleicht an sechs bis sieben Tagen im Jahr, dafür braucht es als Ergänzung flexible Gaskraftwerke. Wir haben aber viel mehr Tage, an denen wir unseren Strombedarf schon zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien decken.“

          Und Goedhart mahnt, den technischen Fortschritt nicht zu unterschätzen. „Das Thema Speichern wird massiv kommen, wir werden auch Speicher an unsere Solarparks hängen, wahrscheinlich bald zuerst mit einem Pilotprojekt in den Niederlanden, und dann macht die Versorgung aus Wind- und Solarstrom noch mal einen Sprung nach vorne.“ Aber erst mal könnte Blue Elephant der Sprung aufs Parkett gelingen und die rar gewordenen Erneuerbare-Energien-Aktien wieder etwas mehr aus dem Schatten holen.

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