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Neuer Bilanzskandal : Wie riskant sind griechische Aktien?

Seit dem vergangenen Sommer zeigt die Entwicklung der Indizes in Griechenland wieder nach unten. Bild: AFP

Der Bilanzskandal um Folli Follie belastet die griechische Börse. Aber auch die politische Unsicherheit hat den Aktienmarkt auf einen historischen Tiefstand gedrückt. Was machen Anleger aus dem Ausland?

          3 Min.

          Nach dem tiefen Absturz des griechischen Aktienmarktes von 2014 bis Anfang 2016 schien von 2017 bis Mitte 2018 eine ganz langsame Erholung angesagt. Doch seit dem vergangenen Sommer zeigt die Entwicklung der Indizes in Griechenland wieder nach unten. Nun sind sie wieder in der Gegend des historischen Tiefstandes angekommen.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Zu den Zweifeln an Griechenland hat ein Skandal um einen bisherigen Erfolgstitel beigetragen: beim Schmuckhersteller Folli Follie, der zuletzt einen Umsatz von 1,4 Milliarden Euro vorwies, flog eine weitreichende Bilanzfälschung auf, derzufolge das Geschäftsvolumen wohl nur halb so groß ist wie ursprünglich behauptet. Etwa ein Drittel der Aktionäre von Folli Follie kommt aus dem Ausland.

          Wegen der unausweichlichen Umstrukturierung der Schulden litten auch die Banktitel. Die waren ihrerseits Gegenstand von Spekulationen über die faulen Kredite, die sich beim Blick auf sanierte Bankbilanzen als übertrieben erwiesen. „Natürlich hat Griechenland ein größeres Glaubwürdigkeitsproblem als andere Länder“, sagt ein Athener Fachmann aus der Finanzwelt. „Denn nach der Fälschung von öffentlichen Statistiken ist das Misstrauen so groß, dass jede weitere schlechte Nachricht, auch aus der Unternehmenswelt, großen Schaden anrichtet.“

          Doch zurück auf dem Tiefpunkt der Börse sehen die Athener Akteure der Finanzwelt nun dennoch die Zukunft etwas rosiger, mit etwas verhaltenem Optimismus. Für Tasos Anastasatos, dem Chefökonomen von Eurobank, hat Griechenland nun das Schlimmste hinter sich, auch wenn er ansonsten vielerlei Einschränkungen macht: Das wirtschaftliche Umfeld außerhalb des Landes sei 2019 nicht mehr so günstig, und die heimische Entwicklung berge gewisse Risiken. Doch politische Unsicherheit in einem Wahljahr sei wirklich keine griechische Spezialität, das gebe es überall, meint Anastasatos. Selbst ein bedauerlicher Skandal in der Unternehmenswelt habe nun seine positiven Seiten, denn nun habe die Diskussion über eine längst nötige Reform der Unternehmensgesetzgebung begonnen.

          Zehn Titel mit guten Dividendenaussichten

          Der Chefanalyst des Athener Finanzhauses Beta Securities, Manos Chatzidakis, kommt gleich zur Sache: Bei den gegenwärtigen Kursen gebe es derzeit an Griechenlands Börse Schnäppchen mit attraktiven Dividenden, wie Jumbo als Großhändler von Spielwaren, die Fluglinie Aegean Airlines und den Aluminiumproduzenten und Kraftwerksbauer Mytilineos. Zwei weitere börsennotierte Unternehmen könnten aus der Sicht von Chatzidakis wegen ihrer Perspektiven auf Privatisierungsfortschritte eine interessante spekulative Anlage sein:

          Dazu gehöre zum einen der staatliche Ölkonzern Hellenic Petroleum. Zum anderen biete der Immobilieninvestor Lamda die Gelegenheit, in den geplanten Bau eines ganzen neuen Stadtviertels auf dem ehemaligen Athener Flughafen zu investieren. Die Verträge für das Projekt waren 2014 abgeschlossen und dann von der gegenwärtigen Regierung Tsipras immer wieder verzögert worden. In der Spekulation schwingt bei manchen Griechen auch die Erwartung eines Regierungswechsels zu den Konservativen mit, der von den Meinungsumfragen derzeit vorausgesagt wird und für Lamda endgültig den Weg freimachen würde.

          Selbst in der nicht gerade liquiden Sparte des Aktienmarktes für kleinere Unternehmen sieht Manos Chatzidakis von Beta Securities zehn Titel mit guten Dividendenaussichten, Exportstärke und Aussichten auf bessere Kurse, wenn sich die dunklen Wolken über Griechenland verzogen haben. Doch Griechenland werde Zeit brauchen, die Anleger zu überzeugen. Vorerst habe sein Haus mit internationalen Investoren noch einmal die Bilanzen vieler Unternehmen durchgesehen, um Zweifeln zu begegnen.

          Staatstitel mit fünf oder zehn Jahren Laufzeit

          Wem die griechische Unternehmenswelt zu undurchsichtig ist, bietet das Land in diesem Jahr wohl wieder Staatstitel mit fünf oder zehn Jahren Laufzeit an. Weil Griechenland erst ab 2032 mit der Tilgung von Staatsschulden beginnen muss und zudem die Tilgung auf Jahrzehnte gestreckt wurde, scheinen derzeit neue griechische Staatstitel einigermaßen sicher. Es gebe Aussicht auf Zinsen von um die vier Prozent, aber keinen besonders liquiden Markt, sagt Manos Chatzidakis von Beta Securities, denn die meisten Anleger wollten ihre Titel bis zum Fälligkeitsdatum behalten.

          Die staatliche Schuldenverwaltung dürfe nun einigermaßen frei entscheiden, wie die Emissionen 2019 aussehen, erläutert Chefökonom Tasos Anastasatos von Eurobank. Denn es gebe einen Liquiditätspuffer der Regierung von mindestens 26 Milliarden Euro und eine durchschnittliche Laufzeit der Schulden von 18,5 Jahren. Zehnjährige Titel seien nützlich für die Erzeugung einer neuen Ertragskurve für griechische Titel, fünfjährige Titel wären beim Zinsaufwand etwas billiger.

          Nicht so langsam, an manchen Stellen schon etwas stürmischer, ist die Entwicklung der Investitionsperspektiven für Immobilieninvestitionen nach einem Rückgang der Preise um durchschnittlich 42 Prozent. Die Erholung der heimischen Nachfrage führte zu steigenden Preisen für Büros in den besten Lagen, an den bekannten Straßen im Zentrum von Athen oder im Vorort Maroussi, in dem die Unternehmen sitzen, mit bester Anbindung an Autobahn und U-Bahn.

          Kräftiges Wachstum der Touristenzahlen und Internetbörsen für Appartements haben die Preise für Appartements in Athens Zentrum und an anderen Touristenzielen zum Teil deutlich steigen lassen. Am oberen Ende des Marktes, bei teuren Immobilien auf den Inseln oder in Athener Nobelvororten nahe am Meer, wirkt sich wiederum die Politik der Regierung aus, zahlungskräftigen Einwanderern mit Kapital ein „goldenes Visum“ anzubieten.

          Sobald die politische Unsicherheit um die Neuwahlen und eine neue Regierung überwunden ist, könnte Griechenland schließlich auch wieder Investoren für Unternehmen finden. „Griechenland bietet viele Anlagemöglichkeiten in vielen Sparten“, sagt Tasos Anastasatos von Eurobank. „Dazu gehören industrielle Produktion, Logistik, Energie und Tourismus.“

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