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Unterschiedliche Berechnungen : Unterschätzt die EZB die Gewinne deutscher Banken?

  • -Aktualisiert am

Unterschätzen Bundesbank und EZB die Gewinne deutscher Banken gravierend? Bild: dpa

EZB und Bundesbank berechnen regelmäßig die Rentabilität der deutschen Banken. Nur kommen unterschiedliche Ergebnisse heraus. Laut einer Studie sind beide deutlich zu niedrig.

          Die Rentabilität von Deutschlands Banken ist im Vergleich zu ihren internationalen Mitbewerbern schlecht. Die jüngsten Quartalszahlen haben belegt, wie gut beispielsweise Amerikas Großbanken dastehen und wie mager im Vergleich dazu etwa der Gewinn der Deutsche Bank ausgefallen ist. Es gibt derzeit keine Handvoll Analysten, die deutsche Bankaktien zum Kauf empfehlen. Ist aber deshalb der ganze deutsche Bankensektor unattraktiv und nicht genügend rentabel?

          Eine neue Studie der Düsseldorfer Datenexperten von Barkow Consulting hat dieses Thema näher beleuchtet, auch wenn sie einräumen, dass es schwer ist, die eigentliche Rentabilität des deutschen Bankensystems herauszufinden. Ein wesentliches Hindernis sei, dass nicht börsennotierte Banken den Markt dominierten. Diese erstatten aber nicht regelmäßig zum Quartal oder Halbjahr Bericht. Das gilt vor allem für die mehr als 1300 Spar- und Genossenschaftsbanken, die ihr Zahlenwerk obendrein nur nach deutschem Bilanzrecht (HGB) bekanntgeben.

          Dennoch gebe es eine Möglichkeit, den deutschen Bankensektor als Ganzes zu analysieren, so Barkow. Die Deutsche Bundesbank veröffentlicht jährlich sehr detaillierte Daten zur Rentabilität des deutschen Bankensystems. Der Datensatz umfasse die wichtigsten Gewinn- und Verlust-Positionen verschiedener Teilbereiche (Geschäfts-, Spar-, Genossenschafts-, Staatsbanken). Die Europäische Zentralbank gibt ebenfalls Daten heraus. Einmal im Quartal veröffentlicht die EZB wichtige Positionen zur Rentabilität der Bankensysteme aller Länder des Euroraums. 

          Deutliche Diskrepanz zwischen EZB und Bundesbank

          Diese Daten hat Barkow Consulting miteinander verglichen. Ergebnis: Die Berechnungen der beiden Notenbanken klaffen deutlich auseinander. Schon seit zehn Jahren gibt es nach Berechnungen der Daten-Experten eine kumulierte Gewinnlücke von mehr als 90 Milliarden Euro.

          Die Autoren der Studie machten nun einen Pro-Forma-Abgleich der EZB- und Bundesbank-Zahlen für das Jahr 2017 und kamen am Ende auf einen Wert, der fast zweimal höher war als der von der EZB ausgewiesene und fast 40 Prozent höher als das Ergebnis der Deutschen Bundesbank: Barkow kommt auf eine Summe von 27.7 Milliarden Euro, die EZB nur auf 14,2 Milliarden Euro. Wie kann das sein?

          Verantwortlich sind vor allem die Berechnungsgrundlagen. Die Bundesbank stützt ihren Berechnungen vollständig auf das HGB und ist davon abhängig. Ein wesentlich verzerrendes Element des HGB sei aber die Möglichkeit, allgemeine Bankreserven aufzubauen (§340f und §340g). Diese werden dann als Aufwand betrachtet, nach internationalem Standard IFRS und selbst nach deutschem Steuerrecht sind diese aber Teil des Gewinns. 

          Die Deutsche Bundesbank korrigiert daher die Reserven und kommt so auf realistischere Gewinnzahlen. Die betreffenden Rücklagen nach §340f werden von der Bundesbank aber nicht berücksichtigt, da sie buchstäblich aus Finanzberichten nicht ersichtlich sind, so Barkow Consulting weiter. Darüber hinaus, so merken die Experten an, werden alle anderen verbleibenden Unterschiede zwischen HGB und IFRS von der Bundesbank leider nicht berücksichtigt und angepasst.

          EZB berücksichtigt große Teile der Gewinne deutscher Banken nicht

          Die EZB wiederum stützt ihre Bilanz auf IFRS-Nummern. Bei Genossenschafts- und Sparkassen ist die EZB jedoch auf die deutschen Rechnungslegungsnummern angewiesen. Nach dem Verständnis der Experten scheint die EZB die deutsche HGB-Darlegung in gewissem Maß dann im Standard IFRS abzubilden. Mit einem entscheidenden Fehler: Sie berücksichtige eben nicht die Gewinn-und Verlustdaten aus eben jenen allgemeinen Bankreserven. Diese schätzt Barkow auf etwa 8,4 Milliarden Euro. Eine gewaltige Summe die in der Berechnung der EZB so fehlt.

          Zudem, so die Datenexperten weiter, schließe die EZB deutsche Banken mit einer Mutterbank in einem anderen Land des Euroraums aus der Berechnung aus. Soll heißen, in der Berechnung der Rentabilität des deutschen Bankensystems fehlen der EZB Daten deutscher Banken wie der Hypovereinsbank mit der Unicredit oder der deutschen ING.

          Darüber hinaus berücksichtigt die EZB auch nicht die staatseigene KfW. Letztlich führe dies, so die Experten, zu einer massiven Unterrepräsentation der deutschen Bankgewinne führen. Die langfristigen Folgen für die deutschen Banken wären groß: „Es könnte negative Auswirkungen auf das Kredit- und Aktienrating beinhalten, was wiederum zu höheren Kapitalkosten für bestimmte deutsche Banken oder Bankensektoren führen kann“, so Peter Barkow.

          Das Fazit der Studie ist sehr klar: Beide Datensätze seien verwirrend, müssten überarbeitet und harmonisiert werden. Schließlich seien die Daten von zwei der wichtigsten Institutionen der europäischen Bankenbranche und würden von den meisten Analysten und Marktteilnehmern als richtig eingeschätzt werden. Eine Abweichung von 40 oder gar 100 Prozent, basierend auf einer groben Pro-Forma-Rechnung, könnte ein gutes Argument sein, Daten noch einmal zu überarbeiten und zu harmonisieren.

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