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Finanzmarkt Belgien : Belgiens Börse holt Corona-Rückstand auf

Viel Tradition: Belgiens Börse in Brüssel Bild: AP

Erst langsam, dann immer schneller: Der belgische Leitindex BEL-20 hat innerhalb eines Jahres um 30 Prozent zugelegt. Die Marktentwicklung spiegelt eine gute Stimmung in den Unternehmen wider.

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          Länger als anderswo in Europa hat es in Belgien gedauert, bis sich die zügige Konjunkturerholung nach dem Corona-Schock auch an der Börse niederschlug. Im Verlauf des Jahres 2020 berappelte sich der Brüsseler Leitindex BEL 20 nur unter Mühen und deutlich weniger dynamisch als etwa der Dax. Im laufenden Jahr hat sich das aber deutlich geändert. Am Montag übersprang der BEL 20 erstmals seit zwölf Jahren wieder die Marke von 4300 Punkten und setzte damit die stetige Aufwärtsentwicklung seit Jahresbeginn fort. Stolze 30 Prozent liegt der Index nun über dem Niveau von August 2020; im Juni hatte er erstmals wieder das Vorkrisenniveau vom Februar 2020 erreicht.

          Werner Mussler
          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Fast 19 Prozent hat der BEL 20 seit Beginn des Jahres zugelegt. Nur auf diesen Zeitraum bezogen, hat er sich damit deutlich dynamischer entwickelt als der Dax mit knapp 15 Prozent. Schon die erste Jahreshälfte markierte an der Brüsseler Börse das kräftigste Plus seit 1998, und seit Anfang Juli ist der Index noch einmal um dreieinhalb Prozent gestiegen. Die Marktentwicklung spiegelt die ex­trem gute Stimmung in den belgischen Unternehmen wider.

          Unternehmen aus traditionellen Branchen profitieren

          Der von der belgischen Notenbank ermittelte Geschäftsklimaindex stieg im Juli um 0,3 auf 10,1 Punkte. Das ist der höchste Stand seit Einführung des Indikators in seiner aktuellen Zusammensetzung im Jahr 1980. Wegen der engen wirtschaftlichen Verflechtung Belgiens mit den Eurovolkswirtschaften Deutschland, Frankreich und den Niederlanden gilt das belgische Unternehmensvertrauen als Frühindikator für die gesamte Eurozone.

          Ein Blick auf die Einzelwerte zeigt, dass besonders Unternehmen aus traditionellen Branchen vom stetigen Aufwärtstrend profitieren. Mehr als verdoppelt hat sich im Jahresvergleich der Wert der Aktie von Aperam, einer Tochter des Stahlkonzerns Arcelor-Mittal. Über 50 Prozent zugelegt haben auch der Beteiligungskonzern Sofina, das Chemie- und Pharmaunternehmen Solvay sowie der Versorger Umicore. Nur drei Unternehmen aus dem 20 Werte umfassenden Leitindex stehen schlechter da als vor einem Jahr: der Handelskonzern Colruyt sowie die beiden Pharmaunternehmen UCB und Galapagos, die beide in der Entwicklung von Corona-Impfstoff und -Arzneien keine Rolle spielen.

          BEL 20

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          Die gute Stimmung der Anleger können offensichtlich auch keine schlechten Tagesnachrichten für einzelne Unternehmen trüben. Besonders gilt das für die belgische Supermarktkette Delhaize. In der vergangenen Woche wurde bekannt, dass auf den Mutterkonzern Ahold Delhaize Steuernachforderungen des belgischen Staats von 380 Millionen Euro zukommen.

          Die belgischen Behörden vertreten die Auffassung, dass das Unternehmen beim Zukauf weiterer Märkte in den Vereinigten Staaten und der damit verbundenen Umstrukturierung seiner amerikanischen Töchter einen deutlich zu geringen Kaufpreis ausgewiesen und dadurch ungerechtfertigt Steuern vermieden habe. Nach einem Bericht der Tageszeitung L’Echo ficht Ahold Delhaize den Steuerbescheid an. Es dürften mehrere Jahre ins Land ziehen, bis der Rechtsstreit entschieden ist. Vielleicht ist ja das der Grund, dass die Märkte auf das Bekanntwerden der Nachforderung praktisch gar nicht reagierten – im Gegenteil. Die Delhaize-Aktie kletterte in der vergangenen Woche um 1,9 Prozent, was den Monatstrend (plus 5,2 Prozent) noch bekräftigte.

          Glaubt man den Analysten, wird sich der positive Trend in Belgien fortsetzen. Im Überblick der Website Guruwatch über die aktuelle Marktanalyse überwiegen nur für zwei der 20 BEL-20-Unternehmen die Verkaufsempfehlungen. Demnach gelten Umicore und der Autozulieferer Melexis als überbewertet. Für alle anderen Werte werden positive Kursziele aufgerufen.

          Bemerkenswert ist die Bewertung des weltgrößten Bierkonzerns AB InBev, in Löwen beheimatet und mit einer Indexgewichtung von knapp 13 Prozent ein BEL-20-Schwergewicht. Dem AB-InBev-Papier trauen die Analysten binnen Jahresfrist im Durchschnitt eine Kurssteigerung von rund 40 Prozent zu. Der Konzern, zu dem die drei globalen Marken Budweiser, Stella Artois und Corona, aber auch Beck’s, Diebels, Hasseröder und Spaten-Löwenbräu gehören, wies im zweiten Quartal einen Nettogewinn von 1,86 Milliarden Dollar aus. Das war zwar mehr als viermal so viel wie im Vorjahresquartal, als die pandemiebedingten Umsatzausfälle besonders stark zu Buche schlugen. Dennoch blieb AB InBev hinter den Erwartungen der Anleger zurück. Im Monatsvergleich sank der Kurs der AB-InBev-Aktie gegen den Markttrend um mehr als 11 Prozent. Der Optimismus der Marktbeobachter hängt an der Hoffnung, dass die Pandemie den Bierkonsum nicht mehr stark einschränkt und der Konzern zu Umsatzzahlen zurückkehrt, die er vor Corona gewohnt war.

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