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Verängstigte Anleger : Bankenkrise in Indien erfasst weiteres Kreditinstitut

Der Aktienkurs der indischen Yes Bank ist vergangene Woche eingebrochen Bild: Picture-Alliance

Die indische Notenbank senkt abermals den Leitzins, die Börse reagiert aber nicht auf die Lockerung. Manche Sparer bangen gar um Einlagen.

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          Die indische Notenbank kommt in diesen Tagen nicht aus dem Sperrfeuer: Am Freitag musste sie ihre Wachstumsprognose für Asiens drittgrößte Volkswirtschaft von 6,9 auf nun nur noch 6,1 Prozent deutlich zusammenstreichen. Zuvor hatten Analysten ihre Erwartungen auf nur noch 5,5 Prozent verringert. Zeitgleich senkten die Notenbanker zum fünften Mal seit Jahresanfang den Leitzins. Mit einem Minus von 25 Basispunkten steht er nun bei 5,15 Prozent. Geholfen hat das nicht:

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die Märkte reagierten nicht auf die Lockerung, sondern auf die realistischere Einschätzung der Lage – die Aktienindizes verloren fast ein Prozent nach der Erklärung. Börsianer beunruhigt insbesondere, dass die Notenbanker sich zweimal innerhalb weniger Tage gezwungen sahen zu erklären, das indische Bankensystem sei sicher.

          Je lauter die regierungsnahen Zentralbanker dies aber verkünden, umso weniger Glaube wird ihnen geschenkt. So verlor die indische Yes Bank in dieser Woche fast 40 Prozent ihres Wertes. „Es gibt Gerüchte über einige Banken an einigen Orten, die Angst unter den Sparern hervorrufen. Das indische Bankensystem ist sicher und stabil“, verkündeten währenddessen die Notenbanker. Tage zuvor hatten sie vor „Panik“ im Markt warnen müssen.

          Wirren im Bankensektor

          Dahinter stehen die wachsende Arbeitslosigkeit und Wirren im Bankensektor, die kein Ende nehmen wollen. Die Wirtschaft stockt, Verbraucher kaufen keine Autos mehr, was zu einem Absatzrückgang von gut 30 Prozent im Jahresvergleich führt. Die Bauindustrie bekommt kein frisches Kapital von den Schattenbanken mehr, weil diese auf einem Berg uneinbringlicher Kredite sitzen. Ihre Ausleihungen sollen bei rund 450 Milliarden Dollar liegen. Rund 100 Milliarden Dollar sollen sie sich von den Geschäftsbanken geliehen haben, die sich nun nicht mehr trauen, weitere Kredite zu vergeben.

          Damit kommen Entwicklungsprojekte im Wert von rund 70 Milliarden Dollar zu einem Zeitpunkt zum Stillstand, zu dem Indiens Infrastruktur schneller denn je wachsen sollte. Gerade erst hat Finanzministerin Nirmala Sitharaman eine Fusion mehrerer Staatsbanken auf Kosten der Steuerzahler verkündet, um deren Kapitalbasis zu stärken. Sie warnte, dass einige der rund 50 Schattenbanken „Zeichen von Zerbrechlichkeit“ zeigten. „Wir bemühen uns darum, dass es nicht zu einer Ansteckung kommt.“

          Zuvor war zutage getreten, dass die Punjab and Maharashtra Co-operative Bank (PMC) Kredite über mehr als 600 Millionen Dollar vor allem an die Schattenbank Housing Development and Infrastructure Limited (HDIL) ausgeteilt hatte. Auch sie ist zahlungsunfähig, hatte ihre Lage aber über mehr als 21 000 fiktive Konten verschleiert. Als das herauskam, blockierte die Notenbank sie von der weiteren Kreditvergabe und entließ die Führungsriege. Hunderttausende Kleinsparer bangten um ihre Einlagen und bildeten lange Schlangen vor den Bankschaltern, um noch ein paar ihrer Rupien von ihren Konten abheben zu können.

          Verängstigte Anleger

          Vor diesem Hintergrund verängstigt Anleger nun der Fall der Yes Bank, der viertgrößten Geschäftsbank des Landes. Auch sie ist mit einer Schattenbank verbunden, Indiabulls Housing Finance Ltd. Deren Börsenwert gab um fast 40 Prozent nach, weil Aktionäre fürchten, auch sie habe sich verhoben. Ein Hinweis darauf war die Ankündigung der Yes Bank, sie müsse rund eine Milliarde Dollar frisches Kapital aufnehmen. Einige wussten wohl um die schwierige Lage:

          Gründer Rana Kapoor und weitere Spitzenmanager hatten zuvor 100 Millionen ihrer Yes-Aktien abgegeben. Als das durchsickerte, gab die Aktie fast 70 Prozent nach. Inzwischen sah sich die Yes Bank gezwungen zu erklären, sie habe ihre Ausleihungen an die Schattenbanken um 30 Prozent verringert und sei kapitalkräftig. Die Schweizer Credit Suisse allerdings schätzt, dass fast 10 Prozent der Kredite der Yes Bank restrukturiert werden müssten.

          Wie unberechenbar der Markt nun ist, zeigte sich am Donnerstag: Spekulanten trieben die Aktie der Yes Bank um 33 Prozent nach oben. Gleichwohl pendelt er rund 80 Prozent unter seinem Stand vor einem Jahr. Vorstandschef Ravneet Gill erklärte, die Bank sei sicher und suche nach frischem Kapital bei strategischen Partnern, Kapitalanlagegesellschaften oder reichen Familien.

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