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Bank von England : Tag der Wahrheit für Britanniens Geldhüter

Durch die grauen Mauern der Bank von England sickert die Hoffnung: Kommt es zur Wende? Bild: Reuters

Großbritanniens Niedrigzins war als Notmaßnahme gegen die Weltfinanzkrise gedacht. Doch auch nach mehr als zehn Jahren hat die Bank von England diese nicht beendet. Kommt jetzt die Wende?

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          Es ist fast wie bei „Warten auf Godot“, Samuel Becketts berühmtem Theaterstück, in dem sich die beiden tragisch-komischen Helden Estragon und Wladimir so hartnäckig wie vergebens in Geduld üben: Seit Jahren wird immer wieder damit gerechnet, dass die Bank von England schon bald die lange Zeit der ultraniedrigen Leitzinsen in Großbritannien beenden werde. Immer wieder hat der Notenbank-Chef Mark Carney diese Erwartungen genährt – und dann doch wieder gedämpft. Am Ende blieben die Geldschleusen stets bis zum Anschlag geöffnet.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch jetzt – ein ganzes Jahrzehnt nach der letzten Leitzinserhöhung – soll das Unerhörte tatsächlich geschehen: Die Akteure an den Finanzmärkten sind sich weitgehend einig, dass die Geldhüter am Donnerstag erstmals seit Juli 2007 den Leitzins nach oben setzen werden. Erwartet wird zwar nur eine Erhöhung um 0,25 Prozent auf immer noch sehr niedrige 0,5 Prozent. Die Symbolwirkung dieser Zinswende wäre dennoch groß: Nach der amerikanischen Federal Reserve würde damit die zweite große Zentralbank die Weichen in Richtung einer Normalisierung der Geldpolitik stellen.

          Klare Signale für Kurswechsel

          Die zurückliegenden Jahre nach der Weltfinanzkrise waren in der Geldpolitik Großbritanniens einmalig: Nie zuvor in den mehr als drei Jahrhunderten seit der Gründung der Bank von England ist ihr Leitzins so niedrig gewesen wie seit der Weltfinanzkrise. Zehn Jahre lang haben sich die Notenbanker in der Londoner Threadneedle Street nicht getraut, die zum neuen Normalfall gewordene Notmaßnahme des extrem billigen Geldes zumindest graduell wieder rückgängig zu machen. Immer fanden sie Gründe dafür, warum der richtige Zeitpunkt noch nicht gekommen sei.

          Bild: F.A.Z.

          Doch seit dem Sommer haben die Geldhüter sehr klare Signale für einen Kurswechsel gegeben: Mitte September hielt eine Mehrheit des neunköpfigen Notenbankrates „eine gewisse Verringerung des monetären Impulses in den kommenden Monaten“ für wahrscheinlich. So steht es im damals veröffentlichten Sitzungsprotokoll. Der Wink mit dem Zaunpfahl führte sofort zu einer Erholung des arg gebeutelten Wechselkurses des Pfunds. Die Renditen britischer Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit zogen deutlich an. Einige Wochen später bekräftigte der Gouverneur Carney, es sei wohl „in relativ naher Zukunft“ mit einem steigenden Zins zu rechnen.

          Zinswende ist umstritten

          Dabei ist die erwartete Zinswende durchaus umstritten: Die Rahmenbedingungen dafür seien „untypisch“, kommentierten diese Woche die Volkswirte der amerikanischen Großbank Morgan Stanley. Ein stark abgeschwächtes Wirtschaftswachstum, sinkende Einkommen der privaten Haushalte und die erhebliche wirtschaftliche Ungewissheit durch den bevorstehenden Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union – all das lege höhere Zinsen nicht unbedingt nahe. Wenn sich die britischen Geldhüter schon ein Jahrzehnt lang Zeit damit gelassen hätten, die Zügel anzuziehen, sollten sie jetzt noch ein paar Monate länger warten, bis die Brexit-Folgen besser abschätzbar seien, mahnt die Wirtschaftszeitschrift „The Economist“.

          Die Befürworter höherer Zinsen führen dagegen vor allem die stark gestiegene Inflationsrate an: Im September lagen die Verbraucherpreise um 3,0 Prozent über dem Vorjahresniveau und damit klar über dem Inflationsziel von 2,0 Prozent, das die Regierung der Notenbank vorgeben hat. Noch vor zwei Jahren herrschte dagegen Preisstabilität. Hauptgrund für den Inflationsschub ist die starke Abwertung des Pfunds seit dem Brexit-Votum. Mit 4,3 Prozent ist zudem die Arbeitslosigkeit weiterhin niedrig, und mögliche Engpässe am Arbeitsmarkt könnten ebenfalls preistreibend wirken. Die Vergabe von Konsumkrediten wiederum steigt sprunghaft, was die Geldhüter ebenfalls mit wachsender Sorge sehen. Höhere Zinsen könnten den Konsum auf Pump eindämmen.

          Notenbankchef fürchtet Auswirkungen des Brexit

          Der Notenbankchef Carney hat aber auch grundlegendere Bedenken: Er befürchtet, der Brexit führe zumindest vorübergehend zu einem niedrigeren Wachstumspotential der britischen Wirtschaft, denn der EU-Austritt werde beispielsweise den Außenhandel behindern. Die Wachstumsgrenze, ab der die Wirtschaft überhitzt und mit Inflation zu rechnen ist, sei damit in Zukunft niedriger als bisher. Carney spricht von „einem niedrigeren Tempolimit“ für die Konjunktur. Dass vergangene Woche die erste Schätzung für das Wirtschaftswachstum im dritten Quartal mit 0,4 Prozent etwas kräftiger ausfiel als erwartet, wird deshalb umso mehr als eine rot aufleuchtende Warnlampe auf dem Armaturenbrett der Notenbank interpretiert.

          Inzwischen hat sich Carney rhetorisch so stark festgelegt, dass alles andere als eine Zinserhöhung am Donnerstag eine faustdicke Überraschung wäre. Wenn jetzt der Leitzins wieder nicht steigt, wird das Pfund wohl stark unter Druck geraten – was wiederum dem ohnehin umstrittenen Notenbankgouverneur angelastet würde. Es gibt also wohl kaum noch ein Zurück. Die spannende Frage ist allerdings, wie die weiteren Pläne der Geldhüter aussehen und wie klar sie diese jetzt schon skizzieren werden: Stellen sie zügige weitere Zinsschritte in Aussicht oder dämpfen sie diese Erwartungen? Die Meinungen darüber gehen auseinander. Dass jetzt ein Anfang gemacht wird, gilt als ausgemachte Sache – was danach kommt, aber keineswegs.

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