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Leitindex im Abwärtstrend : Der Dax ist auf dem Weg in die Baisse

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Frankfurter Skulpturen-Paar: Der Bär ist das Symbol für weniger schöne Zeiten an der Börse Bild: EPA

Der deutsche Leitindex wird im nächsten Jahr wohl weiter fallen. Darauf deuten seine technischen Signale hin. Von zwischenzeitlichen Erholungen sollten sich die Anleger nicht täuschen lassen.

          Oft ist das Offensichtliche so offensichtlich, dass seine Erwähnung bestenfalls ein gelangweiltes Gähnen hervorruft. Zu dieser Kategorie gehören Sätze wir: „Unsere Kicker sind nicht erst seit ihrem Abstieg zweitklassig.“ Oder: „Deutschland hat die Digitalisierung selbstgefällig verpennt.“ Oder: „Meine Frau ist schön und schlau.“

          Manchmal allerdings ist das Offensichtliche zwar auch völlig offensichtlich, wird aber dennoch kaum erkannt oder akzeptiert. Ein Satz wie der folgende ruft kann dann schon einmal erhebliche Irritationen hervorrufen: „Der Dax befindet sich in einem mittel- bis langfristigen Abwärtstrend.“

          Als ich diesen Satz vor längerer Zeit erstmals formulierte, war die Aufmerksamkeit gering und der Widerstand groß. Er schien völlig abwegig zu sein. Der Dax befand sich damals zwar nicht unbedingt in Feierlaune, aber für die meisten Marktteilnehmer erinnerte das, was er tat, viel zu sehr an eine herkömmliche Korrektur in einem ganz normalen Aufwärtstrend.

          Die Kurse werden bis 2020 weiter fallen

          Seit diesem Herbst hat sich diese Einschätzung zumindest bei dem einen oder anderen Investor geändert. Zu offensichtlich ist das, was der abgebildete Kursverlauf zeigt: Im September ist der Dax mit Kursen um 12.000 Punkte unter den langfristigen Aufwärtstrend seit dem Jahr 2009 gefallen. Seither notiert der deutsche Leitindex per definitionem in einem Abwärtstrend. Mit einem Hang zur Dramatik könnte man auch schreiben: Er befindet sich nun in einem Bärenmarkt beziehungsweise einer Baisse. Weil diese Abwärtstrends ihre ganz eigenen Verhaltensmuster kennen, mit denen wir uns – Gott sein Dank! – seit fast einem Jahrzehnt nicht mehr konfrontiert sahen, dürfte gerade jetzt ein Blick auf ihre Charakteristik sinnvoll sein.

          Der vielleicht wichtigste Punkt vorneweg: Eine Baisse kann viel länger dauern, als sich die meisten Investoren, Kommentatoren und Analysten vorstellen können – mich eingeschlossen. Wird mit dem Bruch eines langfristigen Aufwärts- ein ebenso langfristiger Abwärtstrend eingeläutet, dann sollte man schon damit rechnen, dass der Abwärtstrend 30 Prozent der Zeit des vorangegangenen Aufwärtstrends anhalten wird. Diese Erkenntnis ist nicht besonders schön: Der Aufwärtstrend des Dax dauerte vom Jahr 2009 bis zum Jahr 2018. Das dürfte dem aktuellen Abwärtstrend Zeit bis zum Jahr 2020 geben. Damit verbunden ist leider auch die Erkenntnis, dass in einer Baisse die Kurse weiter fallen können, als man sich das gemeinhin vorstellen kann oder will – mich eingeschlossen.

          Ein weiterer Punkt: In Abwärtstrends steigt traditionell die Volatilität deutlich höher an als in einen Aufwärtstrend. Sie ist Ausdruck der zunehmenden Verunsicherung der Marktteilnehmer. Wenn demnach die Volatilität zu einem Beobachtungszeitpunkt noch nicht stark angestiegen ist, dann ist die Chance für eine nachhaltige Wende gering. Den Endpunkt einer Baisse markiert in der Regel ein Ausverkauf. An diesen Tagen geht die nackte Angst um.

          Oft genug ist eine Nachricht aus dem fundamentalen Bereich der Auslöser. Es kommt zu riesigen Umsätzen bei extrem hoher Volatilität. Während eines Ausverkauf wird locker das dreifache Volumen eines normalen Börsentages gehandelt. Kurssprünge von 3 bis 5 Prozent binnen Stunden sind keine Seltenheit. Auch hier gilt: Ohne Ausverkauf ist die Wahrscheinlichkeit einer Wende klein.

          Heimtückisch ist, dass es in Bärenmärkten oft zu weitreichenden Erholungen kommt. Sie fühlen sich nicht selten wie die Wende zum Besseren an, sind es aber nicht. Auch viele technische Instrumente zeigen im Vorfeld oder im Laufe einer solchen Bärenmarkt-Rally die – irrige – Chance auf eine Wende an. Sie sind prädestiniert dafür, einen technischen Analysten vorzuführen. Nur mit viel Erfahrungen wird man diesen Nicht-Trendwenden nicht auf den Leim gehen.

          Es dürfte in den vierstelligen Bereich gehen

          Das in meinen Augen einzig wirklich Gute an einer Baisse ist ihre Dynamik. Kein Aufwärtstrend wird jemals mit dem Tempo eines Abwärtstrends mithalten können. Vielleicht hat es mit Gravitation zu tun: Runter geht’s einfach schneller als rauf. Selbst wenn ein Chart also im Extremfall in der Baisse genau das verliert, was er zuvor in der Hausse gewonnen hat: Die Baisse ist weit schneller vorbei.

          Wendet man diese Regeln auf die aktuelle Situation des Dax an, dann muss die Schlussfolgerung zwingend lauten: Der Abwärtstrend ist sehr wahrscheinlich nicht vorbei. Richtig Schwung nach unten war bislang nicht zu beobachten, echte Angst ebenso wenig, und auch die Volatilität war bislang nicht besonders hoch. Es gab keinen Ausverkauf, und vor allem sind die beiden erstgenannten Kriterien nicht erfüllt: Die zeitliche Ausdehnung reicht nicht aus und der bisherige Kursverlust ebenfalls nicht. Kleines Trostpflaster: Eine kleine Weihnachtsrally könnte schon noch drin sein.

          Der Dax wird also per Saldo weiter fallen. Im nächsten Jahr dürfte er sich unter extremen Schwankungen auch schon mal im vierstelligen Bereich einfinden. Eine echte Chance auf eine dauerhafte Wende wird wohl erst dann entstehen, wenn die Baisse so offensichtlich geworden ist, dass ihre Erwähnung nur noch ein gelangweiltes Gähnen hervorruft. Nach aller Erfahrung ist es bis dahin noch ein weiter Weg.

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