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Börse Amsterdam : Der Blick auf die Nebenwerte lohnt sich

Bullen-Optimismus in Amsterdam: Der Leitindex AEX der größten Börsenwerte ist nach mehr als zwanzig Jahren wieder auf Rekordstand Bild: Bloomberg

An der Börse Amsterdam gibt es auch in der zweiten Reihe einiges zu entdecken: etwa die maritime Bergungsfirma Boskalis, die gerade am Suez-Kanal half.

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          Unterschätze niemand die Branchen des Wasserbaus, der Nassbaggerei und der Schiffsbergung. Zwar stehen sie selten im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit: die maritimen Dienstleister, die im Alltag helfen, Land zu gewinnen und Deiche zu verstärken. Aber das kann sich schlagartig ändern, wenn es einen spektakulären Notfall zur See gibt – das zeigt die niederländische Boskalis, die in den vergangenen vier Wochen zweimal kurz nacheinander auf sich aufmerksam machte.

          Klaus Max Smolka
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der erste der beiden Fälle schaffte es tagelang in die Weltnachrichten. Am Suezkanal steckte das Containerschiff Ever Given fest und blockierte damit den kürzesten Wasserweg zwischen Asien und Europa. Boskalis kam zu Hilfe, die Tochtergesellschaft Smit Salvage machte den Großfrachter wieder flott und begrenzte den Schaden, der sich wegen der enormen Bedeutung des Kanals auch so schon auf Milliarden Euro summierte. Die Niederlande merkten wieder einmal, dass sie in diesem Spezialsegment der Ingenieurskunst führend sind. Der Vorstandsvorsitzende Peter Berdowski wurde zum gefragten Gesprächspartner in heimischen Medien, von wo aus sein Name auch international bekannt wurde.

          Gewinner im Nebenwerteindex AMX

          Wenig später ein anderes Seedrama: Der Frachter Eemslift Hendrika bekam auf dem Weg von Bremerhaven nach Kolvereid bei heftigem Wellengang Schlagseite. Die Besatzung wurde per Hubschrauber von Bord geholt, das Schiff trieb verlassen und antriebslos im Nordmeer vor der norwegischen Küste. Mit an Bord: Schweröl und Diesel; es drohte schwerer Schaden für die Umwelt. Ein kleiner Mitarbeitertrupp von Smit Salvage schaffte es an Bord der Eemslift Hendrika und verband sie mit zwei Schleppern.

          Die Vorfälle mögen Spaziergängern an niederländischen Küsten und Flüssen Anlass sein, mehr auf die Bagger und Maschinen zu achten, die dort an den Deichen werkeln. Auf ihnen ist der Name Boskalis nämlich öfters zu sehen – nur dass hier das unauffällige Brot-und-Butter-Geschäft des Konzerns aus Papendrecht läuft. Investoren mögen die Vorfälle wiederum Anlass sein, sich der Nebenwerte zu besinnen. Gerade aus deutscher Sicht steht in Amsterdam meist der Leitindex AEX im Blick, weil er einige Konzerne mit global klangvollem Namen enthält. Boskalis hingegen gehört dem Mittelwerteindex AMX an. Ende März zog im Zuge der Suez-Nachrichten der Boskalis-Kurs etwas an, wobei der Gewinn inzwischen wieder dahin ist. Mitte Dezember aber ragte der Anteilsschein heraus, als er an einem Tag mehr als 20 Prozent in die Höhe sprang.

          Hintergrund war die Nachricht über den größten Auftrag der Unternehmensgeschichte – aus den Philippinen kommend. Dort soll Boskalis Land für den internationalen Flughafen Manila gewinnen, ein Vorhaben im Wert von 1,5 Milliarden Euro. „Mit diesem Projekt haben wir den Einsatz unser großen Baggerschiffe für die kommenden Jahre gesichert“, ließ Berdowski sich zitieren.

          Auch Air France-KLM und JDE gelten als interessant

          Während der AMX ansonsten allerlei Unternehmen umfasst, die international weniger bekannt sind, enthält er doch auch einige wenige prominente Namen: Air France-KLM etwa, die mit Milliarden Euro Staatshilfe unterstützte Fluggesellschaft. Dort muss der niederländische Konzernteil wieder eine Machtverschiebung Richtung Frankreich befürchten, nachdem sich diese Woche die Eignerstruktur im Zuge einer Kapitalerhöhung geändert hat: Der französische Staat hält nun drei Mal so viel Aktien wie der niederländische. Vor zwei Jahren hatte die Regierung in Den Haag noch den niederländischen Anteil ausgebaut, um mit Frankreich gleichzuziehen. Ebenfalls Mitglieder im AMX-Club sind die Postgesellschaft PostNL, die drittgrößte niederländische Bank ABN Amro und der Kaffeeanbieter JDE Peet’s. Dessen Konzernname hat zwar erst einmal wenig Klang – doch bei der Marke „Jacobs“ kriecht förmlich das Kaffeearoma in die Nase. Maßgeblicher Teil des zusammengekauften Konzerns ist Douwe Egberts, die bedeutendste heimische Marke. Zusammen mit Philips betreibt das Unternehmen das Kaffeekissensystem „Senseo“.

          Aus Investorensicht ist JDE Peet’s aufgefallen, weil das Unternehmen im vergangenen Jahr aufs Parkett zurückkehrte – wo die Vorgängergesellschaft Douwe Egberts nach 2012 schon einmal für eine Zeit präsent gewesen war. Es war mit 2,3 Milliarden Euro Emissionserlös der in Europa größte Sprung aufs Parkett der vorangegangenen eineinhalb Jahre. Niederländische Börsianer haben jetzt ein Traditionshaus zurück; 1753 war Douwe Egberts als Krämerladen in Friesland gegründet worden. Das Papier notiert derzeit etwas über dem Ausgabepreis von 31,50 Euro.

          Rekordstand im Leitindex AEX

          Der Leitindex AEX machte am letzten Märztag Schlagzeilen: Nach mehr als zwanzig Jahren hat das bekannteste Börsenbarometer des Landes seinen Höchststand aus der Zeit der Börsenbegeisterung um die Jahrtausendwende gerissen. Inzwischen ist auch der alte Rekordschlussstand – das waren knapp 702 Punkte am 4.September 2000 – übertroffen. Anders als der deutsche Dax lässt der AEX die Dividenden außen vor. Am Donnerstag notierte er bei rund 712 Punkten.

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