https://www.faz.net/-gv6-9iqbg

Geschäftsverlagerungen : Bafin erwartet Brexit-Zuzug von mehr als 45 Banken

Die Bankenskyline von Frankfurt Bild: dpa

Am deutschen Bankenstandort Frankfurt kommt kaum ein Institut vorbei. Bafin-Präsident Hufeld rechnet im Fall eines harten Brexits auch mit Übergangslösungen.

          Der bevorstehende EU-Austritt Großbritanniens setzt Banken und Finanzdienstleister zunehmend unter Druck, Geschäfte aus London an einen EU-Standort zu verlagern. Der Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), Felix Hufeld, sprach auf dem Neujahrsempfang am Dienstag von „mehr als 45 Finanzinstituten“, die ihre Präsenz in Deutschland neu etablieren oder deutlich stärken wollen.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Damit liegt die Zahl der von London nach Deutschland umziehenden Institute deutlich höher als Ende Dezember. Damals hatte die Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance noch die Zahl der nach Frankfurt ziehenden Banken mit etwa 30 angegeben. Am Abend lehnte das britische Parlament das zwischen Brüssel und London ausgehandelte Brexit-Abkommen ab. Damit wächst das Risiko eines Austritts ohne Abkommen.

          Hufeld wertete das Interesse der Banken an dem Standort Deutschland „als Vertrauensbeweis in die Arbeit der Bafin“. Die überwiegende Zahl der umzugsbereiten Institute dürfte sich für den Standort Frankfurt interessieren. So will die britische Großbank Lloyds zwar in Berlin einen wichtigen Standort nach dem Brexit aufbauen, aber an Frankfurt, dem Sitz der Deutschen Börse und der Europäischen Zentralbank (EZB), kommt kaum ein Institut vorbei.

          Mit dem Zuzug der Banken wird auch viel Geschäft auf Frankfurt und die EU-Standorte übertragen. Die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft EY erwartet mindestens 800 Milliarden Pfund (900 Milliarden Euro) an Vermögenswerten, die Banken an Finanzplätze in der EU verlagern werden. Größter Profiteur wird Frankfurt sein, wo die Finanzplatzlobby mit 800 Milliarden Euro an zusätzlicher Bilanzsumme der Banken rechnet. Nach Angaben von EY werden insgesamt 80 Banken Geschäft aus London in die EU verlagern.

          Keine Briefkastenmodelle

          Hufeld betonte, dass die Bafin sich in den Gesprächen mit den Banken niemals als Standortvermarkter gesehen habe. Immer wieder habe die Aufsicht betont, dass geltende Standards nicht verwässert würden. „Wie schon häufig gesagt, akzeptieren wir keine Briefkastenmodelle“, sagte der Bafin-Präsident.

          Die jüngsten Signale aus Brüssel zum Thema Wertpapierabwicklung (Clearing) wertete er als positiv. Die Kommission ermöglicht es den Finanzmarktteilnehmern aus der EU, auch im Fall eines harten Brexits ohne vertragliche Vereinbarungen übergangsweise die Dienste der Clearinghäuser in London ein weiteres Jahr lang für Abwicklungsgeschäfte von Derivaten in Anspruch nehmen zu können. Denn ein Großteil der Eurozinsderivate wird in London gehandelt.

          Müssten die Verträge gekündigt werden, kann dies zu Chaos an den Finanzmärkten führen, wenn die Verträge nicht schnell genug auf Abwicklungshäuser in der EU übertragen werden können. Ebenso gelassen zeigte sich Hufeld beim Thema Vertragskontinuität. Die meisten Derivateverträge, aber auch andere Finanzverträge schließen EU-Adressen nach britischem Recht ab, oftmals mit Vertragspartnern in London. Der Sorge, dass diese nicht mehr durchsetzbar seien oder angefochten werden könnten, trat Hufeld entgegen.

          Er berichtete von Übergangslösungen für den harten Brexit, die zeitlich bis Ende 2020 begrenzte Zulassungen ermöglichen, um die Finanzmärkte funktionsfähig zu halten oder Nachteile für inländische Versicherungsnehmer zu vermeiden.

          Nach der Häufung der Geldwäscheskandale europäischer Banken sowie der staatsanwaltschaftlichen Razzia in der Deutschen Bank betonte Hufeld, dass es nicht Aufgabe der Bafin sei, solche Verdachtsfälle aufzuklären. Hier liege der Ball im Feld der Strafverfolgungsbehörden. Die Aufsicht müsse dafür sorgen, dass die Institute eine angemessene Geldwäscheprävention betrieben. Nachdem die Bafin mit der Deutschen Bank diesbezüglich unzufrieden war, installierte sie Ende September erstmals in einem Institut einen Sonderbeauftragen für Geldwäsche.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Vizekanzler Olaf Scholz (SPD)

          Pläne der SPD : Auch Olaf Scholz will die Vermögenssteuer

          Der SPD-Politiker stellt sich hinter den Vorschlag seines Parteikollegen Schäfer-Gümbel, das Vermögen von Unternehmen und Reichen zu besteuern. Die CSU kritisiert die Pläne scharf.
          Frühchen brauchen besonders intensive Betreuung durch Ärzte und Pflegekräfte.

          Muttermilch-Spenden : Ein Milliliter Lebenskraft

          Fridolin und Jonathan sind viel zu früh geboren. Auf der Intensivstation kämpfen sich die Frühchen in diese Welt – auch dank gespendeter Muttermilch.

          Fußball in Italien : Der Großangriff auf Juventus Turin

          In den vergangenen acht Jahren gelang es keiner Mannschaft mehr, den italienischen Serienmeister Juventus zu entthronen. Nun schickt sich ein früherer Juve-Trainer an das zu ändern – und seine Chancen stehen nicht schlecht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.