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Australiens Aktienmarkt : Am Bondi Beach die Dividende verspeisen

Surfen am Bondi Beach: Australiens Aktienmärkte schwimmen auf eine hohen Welle Bild: AFP

Australiens Aktienmarkt haussiert und erklimmt immer neue Höhen. Aber Klimarisiken und die Lage in Amerika drohen. Lohnt sich trotzdem noch ein Einstieg?

          3 Min.

          Zu diskutieren gibt es im Australien dieser Tage und Stunden wahrlich genug. Das teilweise brutale Ausgehverbot für das ganze Land – die Wirtschaftsmetropole Melbourne wurde 256 Tage abgeriegelt – fand vergangene Woche ein Ende, die Corona-Fallzahlen befinden sich aber weiter auf einem hohen Niveau. Die Regierung windet sich vor der internationalen Klimakonferenz COP26 in Glasgow einer neuen Emissionspolitik entgegen. Der internationale Flugverkehr soll noch vor Weihnachten endlich wieder aufgenommen werden. Bei so viel Neuem im australischen Frühjahr rückt der Aktienmarkt in den Hintergrund.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Zu Unrecht, hat er es doch über die vergangenen Monate mit den Anlegern überwiegend gut gemeint. Am vergangenen Freitag gingen die im Leitindex S&P ASX 200 versammelten Aktien auf dem höchsten Stand der vergangenen fünf Wochen aus dem Handel. Aktien des Technologie- und des Finanzsektors legten genauso zu wie die REIT-Papiere, die die Immobilienentwicklung spiegeln. Der Index gewann in der vergangenen Woche 0,7 Prozent auf 7415,5 Punkte.

          Dauerbrenner in Down Under sind die Banken. Die Aktie der Commonwealth Bank gewann vergangene Woche 2,5 Prozent an Wert, der Kurs von Westpac legte um 1,4 Prozent zu, der von National Australia Bank machte 0,7 Prozent gut, und der Anteilsschein der Australia New Zealand Banking Corp verbesserte sich um weitere 1,2 Prozent im Wert. Das Quartett aber wird, wie so oft, in den Schatten gestellt von der Investmentbank Macquarie Group: Der Aktienkurs der „Fabrik der Millionäre“ gewann gleich 5 Prozent auf einen Schlusskurs von 199,06 australischen Dollar. Macquarie profitiert wie kein anderes Institut von Gebühren aus dem florierenden Übernahmegeschäft, das zwar unter hohen Preisen stöhnt, aber vom billigen Geld getrieben wird.

          Trotz des Preisniveaus und immer weniger lohnenswerter Übernahmeziele findet es noch kein Ende. So bietet etwa Aristocrat Leisure 3,9 Milliarden australische Dollar (2,5 Milliarden Euro) für Playtech. Der Aufschlag auf den Unternehmenswert eines der weltgrößten Zulieferer für Onlinewetten, notiert an der Londoner Börse, beträgt 58 Prozent – Aktionäre aber hoffen auf das Schmieden eines schlagkräftigen Konzerns mit einem besseren Zugang zum wichtigen amerikanischen Markt. Aristocrat hat schon heute eine Marktkapitalisierung von 29 Milliarden australischen Dollar.

          Weiter stark ist Australien natürlich bei den Bodenschätzen. In den vergangenen Monaten hatten sich Erz- und Kohlekonzerne goldene Nasen verdient. Die Kurse legten entsprechend zu. Auch am Montag gewannen sie, nachdem die Preise für Bodenschätze in London leicht anzogen. Mittelfristig aber werden sie von zwei Enden getroffen werden: der Klimadebatte mit ihren noch unabsehbaren Einschränkungen für geschäftliches Handeln der Konzerne und einem drohenden Abflachen der Nachfrage aus China und damit wohl fallenden Preisen.

          Die Kurse konnten das vergangene Woche nicht verheimlichen. Der Aktienkurs von Whitehaven Coal etwa verlor da satte 11,1 Prozent, der Anteilsschein von Woodside Petroleum büßte trotz des Zukaufs der Geschäftsbereiche von BHP 7,6 Prozent ein, und die Aktien der Ölkonzerne Santos und Oil Search notierten gut 4 Prozent schwächer. Auch die Branchengrößen ließen Federn: BHP-Aktien gaben 3,1 Prozent ab, Anteilsscheine von Rio Tinto sanken gar um 4,6 Prozent. Während Rio gerade versprach, sich den Klimaforderungen zügiger zu beugen, und damit auf Aktionärswünsche eingeht, gilt BHP derzeit als gut geführt, vorausschauend und muskelbepackt – geringere Preise sollte der Konzern locker wegstecken können.

          Am Montag gewannen beide deutlich. Wer mit grünem Herz auf die Zukunft setzt, sollte sich die Fortescue Metals Group (FMG) genau anschauen. Natürlich macht der Konzern aus Perth sein Geld mit dem Verkauf von Erz an China. Gründermilliardär Andrew Forrest hat sich aber ein zweites Ass in den Ärmel gesteckt. Mit großer Kraft stampft er einen weltumspannenden Konzern für nachhaltige Energie aus dem Boden. Gelingt ihm die Gründung, könnte sich der Wert der Gruppe auf längere Sicht vervielfachen. In der vergangenen Woche aber sank der Kurs der FMG-Aktie zunächst um 2 Prozent. Ölriese Woodside Petroleum marschiert in dieselbe Richtung. Am Montag verkündete er, seine zweite Wasserstofffabrik im Wert von rund einer Milliarde australischer Dollar nahe Perth zu bauen.

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          Jenseits aller australischen Hoffnungen indes bleibt der Markt abhängig von der Stimmung in New York. Die Warnung der Notenbank dort vor steigender Inflation wird die Rekordkurse von irgendeinem Zeitpunkt an belasten. Dann wird auch der Höhenflug des australischen Aktienmarktes enden. Es braucht schon Optimismus, um die derzeitigen Kurse als klare Kaufkurse zu lesen. Alle anderen spekulieren in diesen Frühlingstagen auf den Dauerbrenner Immobilien. Oder gehen in Sydney in das Strandviertel Bondi Beach, genießen den Frühling, das Ende der Ausgangssperre und kaufen sich für ihre Dividenden, wenn schon kein Appartement, dann ein sehr ordentliches Abendessen.

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