https://www.faz.net/-gv6-a8n97

China hilft : Australiens Aktienmarkt boomt

Anzeigetafel mit dem Markenzeichen der Australischen Börse in Sydney Bild: Reuters

In Australien herrscht großer Optimismus: Der Niedrigzins und die Bodenschätze befeuern die Immobilienpreise, derweil sich die Australier mit Pizza und Netflix einigeln, um den Aktienkursen beim Steigen zuzusehen.

          3 Min.

          „Boom“. So schallt es derzeit in Australien aus allen Ecken. „Boomen“ sollen die Häuserpreise. „Boomen“ sollen die Preise für Bodenschätze. Und „boomen“ sollen damit auch die Kurse der Aktien. Während die Welt unter Corona ächzt, während bei den Australian Open in Melbourne die Zuschauer dann doch schließlich noch ausgesperrt und die Menschen in ihren Häusern eingesperrt werden, reiben sich jene, die das Geld für Anlagen haben, einmal mehr die Hände. Der Handelskonflikt, den Peking den Australiern aufzwang, scheint Schnee von gestern, Waldbrände wie im vergangenen Jahr gibt es nicht, und die Pandemie ist zwar nicht besiegt, aber doch eingegrenzt.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Eine gewisse Frohnatur wird niemand den Australiern absprechen. In diesen Tagen aber so zuversichtlich zu sein, dazu gehört schon einiges. Die Analysten der Commonwealth Bank verkündeten allen Ernstes am deutschen Rosenmontag, die Immobilienpreise würden über die nächsten zwei Jahre wohl um weitere 16 Prozent zulegen. Möglich seien sogar noch stärkere Zuwächse, sagte Analyst Gareth Aird. Seine Konkurrenten von Westpac sekundieren mit einer Vorhersage von 15 Prozent Wachstum.

          Wohlgemerkt sind diese Anstiege von einem Allzeithoch aus gerechnet. Ihre Zuversicht ziehen die Ökonomen aus der Verkaufsrate von rund 90 Prozent bei den Auktionen für Häuser in den Großstädten und einer deutlich gestiegenen Nachfrage nach Krediten. Die Makler von Ray White sprechen von einem „unersättlichen Appetit der Käufer“. Aird erklärt, „dieser Boom wird von den Rekord-Niedrigzinsen und einer V-förmigen Erholung auf dem Arbeitsmarkt befeuert“.

          China und die Bodenschätze

          Wenn an diesem Donnerstag die neuen Arbeitsmarktzahlen herauskommen, dürfte die Arbeitslosenrate auf 6,4 Prozent gefallen sein. Zugleich hat die Reserve Bank of Australia angedeutet, den Leitzins über drei Jahre bei 0,1 Prozent zu belassen. „Die wirtschaftliche Erholung läuft gut und ist stärker, als wir erwartet hatten“, sagte Gouverneur Philip Lowe. Gleichwohl hinge sie vom Erfolg der Impfungen und den Subventionen aus der Steuerkasse ab – deshalb bleibe der Niedrigzins notwendig.

          Er wird nicht nur Häuslebauern helfen. Die rasche Erholung, die hohen Immobilienpreise und die niedrigen Zinsen dürften auch die Kurse der Aktien treiben. Zumal dann, wenn China weiter aufs Gaspedal drückt. Dies treibt die Preise insbesondere für australische Bodenschätze. Die Phantasie wird weiter angefacht von der wachsenden Nachfrage etwa nach Nickel, das in Batterien für Elektroautomobile und für „grünen“ Wasserstoff benötigt wird, der sogar bis nach Deutschland geliefert werden soll.

          BRENT

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Die Beobachter der für Australien so wichtigen Rohstoffe reden schon von einem neuen „Superzyklus“: Der Ölpreis kletterte auf gut 60 Dollar je Fass (Barrel), Kupfer pendelt um den höchsten Preis seit neun Jahren, Erz wird bei Förderkosten um die 10 Dollar für rund 160 Dollar je Tonne gehandelt. Seit November haben die Preise für Industriemetalle um 18 Prozent zugelegt. Damit bleiben sie zwar noch hinter dem Hoch des letzten „Superzyklus“ im Juli 2008 zurück.

          Aber sie nähern sich schon wieder den Höhen von 2018 an. „Die Preise für grüne Rohstoffe müssen noch um mindestens 20 bis 30 Prozent zulegen, um die Förderkapazitäten für 2025 und darüber hinaus zu sichern“, sagt Michel Salden, Portfolio-Manager bei Vontobel Asset Management. Wenn Weltmarktführer BHP am heutigen Dienstag seine Halbjahreszahlen vorlegt, am Mittwoch gefolgt von Erzriese Fortescue Metals Group, dürften goldgeränderte Bilanzen zutage treten.

          Die ersten Ergebnisse machen Aktionären Hoffnung: An dem Tag, an dem der japanische Nikkei erstmals seit 1990 die magische Grenze von 30.000 Punkten nahm, lag der australische Aktienindex nur noch 300 Punkte unter seinem Allzeithoch, das er vor einem Jahr markierte. Mit 6917 Punkten beschloss der ASX 200 am Dienstag die erste Monatshälfte mit einem Gewinn von 4 Prozent. Der Anstieg war zum Wochenbeginn breit gefächert, von einem Plus der Bendigo & Adelaide Bank um 11,5 Prozent bis zum Elektronik-Händler JB Hifi. Der versprach seinen Eigentümern einen Dividendenanstieg von satten 82 Prozent. So wie JB profitierte auch Domino’s Pizza mit dem erstmaligen Durchbrechen der Kursbarriere von 100 Dollar von Corona und dem Trend, sich zu Hause einzuigeln bei Pizza und Netflix auf dem ganz großen Bildschirm, um derweil die Kurse klettern zu lassen.

          Wer aus Europa bei der ganz großen Wette auf höhere Preise in Australien mitspielen will, der wird sich wohl entweder auf einen ETF konzentrieren, oder die großen Bodenschatzwerte wie BHP, Rio Tinto oder FMG ins Auge fassen. Mit etwas Glück dürften die steigenden Aktienkurse und satten Dividenden auch noch durch einen besseren Wechselkurs für den australischen Dollar gegenüber dem Euro gestützt werden. Ganz gleich, ob man sich ein Haus in Sydney oder ein paar Tonnen Erz in Perth zulegt, ganz falsch scheint der Blick auf Australien in diesen Monaten jedenfalls nicht zu sein. Und selbst wenn alle Zahlen und Prognosen am Ende täuschen sollten, dann hat man wenigstens im eiskalten Deutschland mal kurz in die Sonne „down-under“ geblickt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Stau im Berliner Berufsverkehr.

          Subventionen : Milliarden gegen den Klimaschutz

          Berufspendeln, Dienstwagen, Diesel fahren, fliegen: Klimaschädliches Verhalten wird vom Staat oft bezuschusst. Das zu ändern ist gar nicht so leicht.

          Nach dem Parteitag : Baerbock in der grünen Idylle

          Ideologisch motivierte Übertreibungen lassen sich nicht mit idyllischen Visionen übertünchen. Wie die Grünen damit umgehen, wird darüber entscheiden, ob Baerbock als Kanzlerkandidatin ernst zu nehmen ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.