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Weltweite Krisenherde : So dramatisch ist die Lage an Argentiniens Finanzmärkten

Bild: F.A.Z.

Der unerwartete Sieg der Peronisten in der Präsidenten-Vorwahl hat die Wahrscheinlichkeit steigen lassen, dass Argentinien zahlungsunfähig wird. Droht ein Flächenbrand?

          Einen solchen Börsencrash hat man selbst in Argentinien lange nicht gesehen. Nach dem unerwartet hohen Sieg der peronistischen Opposition bei den Vorwahlen am Sonntag brachen Argentiniens Aktienkurse am Montag um bis zu 59 Prozent ein. Der Leitindex S&P Merval fiel am Montag um 38 Prozent, der höchste Tagesverlust in 70 Jahren. Am Dienstag erholte er sich zwar um 10 Prozent, doch das fiel kaum ins Gewicht.

          Antonia Mannweiler

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Die Kurse argentinischer Staatsanleihen setzen  sich die Talfahrt indes fort. Die Risikoaufschläge der zehnjährigen Staatsanleihe verdoppelten sich innerhalb von zwei Tagen auf bis zu 17 Prozent. Im gleichen Zeitraum fiel der Peso um rund 19 Prozent zum Dollar. Am Mittwoch scheinen sich die Dinge etwas zu beruhigen, aber von einer Erholung keine Spur. Der Peso bleibt niedrig, die Anleiherenditen hoch.

          Der Markt reagierte mit diesen Horrorzahlen auf den klaren Sieg des Präsidentschaftskandidaten der peronistischen Opposition Alberto Fernández und der ehemaligen Präsidentin Cristina Kirchner als Kandidatin für die Vizepräsidentschaft. Dem Gespann werden nun beste Chancen für einen Sieg bei den Wahlen Ende Oktober eingeräumt. Fernández und Kirchner lagen mit fast 48 Prozent mehr als 15 Prozentpunkte vor dem liberal-konservativen Präsidenten Mauricio Macri, auf dessen Wiederwahl die Märkte bisher gesetzt hatten. Vor allem die mögliche Rückkehr der ehemaligen Präsidentin Kirchner ins Zentrum der Macht erschreckt Investoren, die eine Rückkehr zu den Preis-, Devisen- und Kapitalkontrollen der früheren Kirchner-Regierungen in den Jahren 2003 bis 2015 befürchten.

          Der dramatische Einbruch der Kurse ist vor allem darauf zurückzuführen, dass viele Anleger auf dem völlig falschen Fuß erwischt wurden. Dutzende Wahlumfragen, mit denen die Argentinier in den vergangenen Wochen regelrecht bombardiert wurden, hatten im Mittel lediglich einen knappen Vorsprung für die Opposition vorhergesagt.

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          Macri sieht die Schuld an den abermaligen Finanzturbulenzen bei der Opposition. „Der Kirchnerismus genießt kein Vertrauen in der Welt“, sagte Macri. Darum hätten die Märkte so harsch reagiert. Macri forderte seine Herausforderer auf, vertrauensbildende Signale an die Märkte zu senden. Tatsächlich zeigte sich Fernández nach dem Wahlsieg versöhnlich. „Niemand will eine Rückkehr des früheren Regimes“, sagte er. Der moderate Peronist hatte jahrelang zu den schärfsten Kritikern der linksperonistischen Kirchner gehört, bevor er sich von dieser zur gemeinsamen Kandidatur überreden ließ. Auch Ökonomen aus dem Beraterteam des Oppositionskandidaten versuchten, Ängste vor einem mögliche Zahlungsmoratorium Argentiniens zu zerstreuen: Argentinien werde alle Verpflichtungen einhalten. Fernández wiederholte allerdings auch seinen Wahlspruch, dass für ihn „Rentner Vorrang vor den Banken“ hätten.

          Die Wahrscheinlichkeit, dass Argentinien der Zahlungsausfall drohe, habe sich „massiv erhöht“, sagt Felix Hermann, Kapitalmarktstratege von Blackrock. „Der Markt preist einen Zahlungsausfall innerhalb der nächsten sechs bis zwölf Monate ein.“ Trete dies ein, könnte es wieder zu einer Umschuldung kommen wie zu Beginn dieses Jahrtausends. Dann könnte ein hoher Prozentsatz der Gläubiger auf ihrem Geld sitzenbleiben, konstatiert er und zeichnet ein düsteres Bild: Sollte Macri im Oktober scheitern, könne es die letzte Chance für Argentinien gewesen sein. Dabei ist der Staat seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 1816 schon zwölf Mal in die Zahlungsunfähigkeit geschlittert. Seit Mitte des Jahres 2018 ist das Land praktisch vom freien Kapitalmarkt ausgeschlossen und wird durch einen Rekordkredit des Internationalen Währungsfonds (IWF) zahlungsfähig gehalten. Rund 80 Prozent der zugesagten 57 Milliarden Dollar hat der IWF in wenig mehr als einem Jahr an die Macri-Regierung überwiesen.

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          Argentiniens Zentralbank intervenierte erstmals seit vielen Monaten wieder direkt am Devisenmarkt. Mit 105 Millionen Dollar gab sie allerdings eine relativ niedrige Summe in den Markt. Stattdessen ließ die Notenbank den Referenzzins von kurzfristigen Geldmarktpapieren (Leliq) auf einen Rekord von 75 Prozent steigen – mehr als das Doppelte der für die nächsten zwölf Monate erwarteten Inflationsrate. Es sei „Wahnsinn“, dass die Notenbank nicht stärker interveniert habe, um den Peso zu stabilisieren, kritisierte der Finanzexperte Crístian Buteler.

          In keinem anderen Land bewirken Abwertungen so schnell in einen Anstieg des inländischen Preisniveaus wie in Argentinien, wo Anleger und Unternehmen seit Jahrzehnten ständig im Krisenmodus operieren. Das weiß auch Macri. Doch der scheint darauf zu setzen, dass die Wähler angesichts der neuen Turbulenzen ihre Stimme am Ende doch für ihn als vermeintlichen Stabilitätsgaranten abgeben. Statt die Märkte zu beruhigen, goss Macri am Montag zusätzlich Öl ins Feuer. Wenn die Opposition gewinnen sollte, könne „Furchtbares passieren“, ja es könne „das Ende Argentiniens“ bedeuten.

          Argentinien MerVal

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          Dabei sei Argentiniens Lage nicht so schrecklich wie es aussehe, meint Walter Molano von BCP Securities. „Dieses Ausmaß der Panik ist nicht gerechtfertigt.“ Vertreter aus dem Kirchner-Lager hätten zugesichert, dass sie an der Zusammenarbeit mit dem IWF festhalten würden. Die Abwertung des Pesos sei eine willkommene Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit für argentinische Waren.

          Die Auswirkungen der Krise in Argentinien berührt vor allem das Nachbarland Brasilien. Dort sanken die Aktienkurse am Montag um 2 Prozent. Anleger fürchten, dass die Krise in Argentinien die ohnehin schwache Konjunktur in Brasilien zusätzlich dämpfen könnte. Schon im bisherigen Jahresverlauf sind Brasiliens Exporte nach Argentinien um 40 Prozent gesunken. Eine Ansteckungsgefahr für andere Staaten sieht Hermann dagegen nicht. „Die Probleme sind sehr Argentinien-spezifisch“, beschwichtigt er.

          Der wichtigste Faktor für die Schwellenländer sei die amerikanische Notenbank Fed. Durch deren Kursschwenk in Richtung einer lockereren Geldpolitik hätten nun auch die Zentralbanken der Schwellenländer die Möglichkeit, die Zinsen zu senken. Das sei in dem Potpourri schlechter Nachrichten die einzig positive. Auch fiele der Anteil Argentiniens am Anleihemarkt in den Schwellenländern mit gerade einmal 3 Prozent nicht sonderlich ins Gewicht, findet Luca Paolini, Chefstratege von Pictet AM. Aus seiner Sicht haben die Märkte zu stark reagiert. Das Risiko Nummer eins an den Börsen bleibe nach wie vor der Handelsstreit zwischen Amerika und China.

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