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Ersuchen um Aufschub : Argentinien steuert auf die nächste Pleite zu

Ratlose Gesichter: (L-R) die argentinische Zentralbankführung Veronica Rappoport und Guido Sandleris; Finanzminister Hernan Lacunza; Wirtschaftsstaatssekretär Sebastian Katz mit einer Delegation des Internationalen Währungsfonds am 28. August in Buenos Aires. Bild: EPA

Die finanzielle Lage Argentiniens spitzt sich dramatisch zu. Am Mittwochabend gab die Regierung bekannt, ihre Gläubiger um Zahlungsaufschub bitten zu wollen.

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          Kaum 18 Jahre nach der bislang letzten Staatspleite kämpft Argentinien gegen die nächste. Am Mittwoch war zunächst bekannt geworden, dass die Regierung Kontakt mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) aufgenommen hatte, um eine spätere Rückzahlung der von diesem gewährten Kredite im Volumen von 57 Milliarden Dollar zu erreichen.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In einer hastig einberufenen Pressekonferenz am Mittwochabend legten dann die Wirtschaftsberater von Präsident Mauricio Macri eine Reihe von Maßnahmen vor, mit denen sie die Schuldenlast des Landes zu verringern hoffen. So sollen die Laufzeiten kurzfristiger inländischer Schuldverschreibungen im Volumen von 7 Milliarden Dollar zwangsweise verlängert werden. Ausländische Anleihegläubiger will man ersuchen, ihre Forderungen freiwillig zu stunden. Damit will die Regierung unbedingt vermeiden, dass Argentinien offiziell als zahlungsunfähig eingestuft wird. Diese Maßnahmen sind aber nur geeignet, das Problem zeitlich zu verschieben.

          Nur wenige Stunden zu vor hatte Finanzminister Hernan Lacunza noch deutlich gemacht, dass an den Zins- und Tilgungszahlen der Schuldverschreibungen nichts geändert werde. Lacunza war erst vor wenigen Wochen Nicolás Dujovne nachgefolgt, der die Auflagen des IWF umzusetzen und ein rigoroses Sparprogramm durchzusetzen bestrebt war. Dujovne war mit der Begründung zurückgetreten, die Regierung brauche eine „erhebliche Erneuerung im Wirtschaftsbereich“. Nach der Wahlniederlage hatte Macri den Sparkurs erheblich aufgeweicht und etwa Steuersenkungen, höhere Sozialleistungen und Preisstopps angekündigt.

          Die Ankündigung brachte die Kurse argentinischer Staatsanleihen neuerlich unter Druck. Die Rendite der 2117 fälligen hundertjährigen, mit 7,125 Prozent verzinsten Dollar-Anleihe stieg auf ein neues Hoch von 16,74 Prozent. Die Rendite des mit 6,785 Prozent verzinsten, 2021 fälligen Bonds erreichte 54,09 Prozent.

          ARGENTINA 18/48

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          Anfang August waren die Renditen argentinischer Staatsanleihen binnen weniger Tage schon massiv angestiegen, im Fall der hundertjährigen Anleihe von 9,4 auf 15,5 Prozent, nachdem bei den obligatorischen Vorwahlen der wirtschaftsliberale Präsident Mauricio Macri eine herbe Niederlage gegen den linken Oppositionskandidaten Alberto Fernández hinnehmen musste.

          Viele Anleger fürchteten offenbar einen Wahlsieg von Fernández und dessen Vizekandidatin, Ex-Präsidentin Cristina Kirchner, bei der Präsidentenwahl im Oktober. Die ehemalige Staatschefin steht für eine protektionistische Wirtschaftspolitik und eine konfliktreiche Beziehung zum IWF.

          IWF-Sprecher Gerry Rice äußerte sich verständnisvoll: „Wir verstehen, dass die Regierung diesen Schritt gemacht hat, um für Liquidität zu sorgen und die Reserven zu schützen. Wir stehen in diesen herausfordernden Zeiten an der Seite von Argentinien.“ Der IWF hatte Argentinien im vergangenen Jahr einen Bereitschaftskredit in Höhe von 57 Milliarden Dollar gewährt, als die Landeswährung Peso stark abwertete. Der Kurs war seinerzeit von etwa 20 Peso für den Dollar auf mehr als 40 Peso gestiegen.

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          Das hatte die Abwertung indes nur verlangsamen können. Nach Macris Wahlniederlage geriet der Peso abermals unter Druck und wertete von 45 bis in der Spitze auf 60 Peso für den Dollar ab.

          Derzeit verteidigt die argentinische Zentralbank den Peso-Kurs. Als dieser am Mittwoch von rund 56 bis auf 58,66 Peso für den Dollar abwertete, kaufte diese für insgesamt 353 Millionen Dollar Peso auf und hält ihn aktuell bei 58 Peso für den Dollar.

          Die Notenbank gab außerdem bekannt, dass sie die Exportfinanzierung in Peso begrenzen werde. Damit will sie Unternehmen dazu bringen, gehortet Dollar gegen Peso einzutauschen. Edward Glossop, Volkswirt für die Region Lateinamerika bei Capital Economics zweifelt indes daran, dass argentinische Unternehmen im derzeitigen Umfeld wirklich willens sind, sich von Devisen zu trennen. Angesichts einer anhaltender Umschuldungsdebatte und Kapitalflucht, werde der Druck auf den Peso fortbestehen.

          Von der Kreditlinie des IWF hat Argentinien derzeit 44 Milliarden Dollar in Anspruch genommen. Beobachter beklagen auch die große Unsicherheit vor den Präsidentschaftswahlen. So heißt es von der Citigroup, dass jeder Vorschlag zu den internationalen Anleihen von einer möglichen neuen Regierung wieder verworfen werden könne.

          Die Regierung Macri hatte zwar die Altlasten aus der jüngsten Staatspleite bewältigt und es gelang ihr die Rückkehr auf den internationalen Kapitalmarkt. Aber nicht zuletzt die internationalen Handelskonflikte sorgten dafür, dass Argentiniens Wirtschaft nie Tritt fassen konnte. Auch die Inflation bekam das Land nicht in den Griff.

          Die internationalen Gläubiger könnten daran interessiert sein, ihre Forderungen zu stunden, um die Regierung Macri zu stützten. Denn der peronistische Herausforderer Fernandez wird gefürchtet, vor allem aber seine Bündnispartnerin, die ehemalige Präsidenin Christina Kirchner. Die hatte während ihrer Amtszeit zu den von den Peronisten üblichen kurzfristigen Maßnahmen wie Preis- und Handelskontrollen gegriffen, vor allem aber die Konfrontation mit dem Ausland und vor allem den Gläubigern gesucht. Mehr Glück als Macri war ihr insgesamt auch nicht beschieden, im Gegenteil haben viel der heutigen Probleme ihre Ursache darin, dass die Kirchner-Administration diese nicht bewältigt, sondern verschoben hatte.

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